„Kreislaufwirtschaft ist mehr, als nur EU-Richtlinien umzusetzen“

Interview. Christoph Scharff und Harald Hauke, Vorstände des Marktführers unter den Sammel- und Verwertungssystemen, ARA (Altstoff Recycling Austria), wollen Unternehmen in der Krise unterstützen.

ARA-Vorstände Harald Hauke (l) und Christoph Scharff

„Circular Economy ist in den Chefetagen angekommen“, sagen die ARA-Vorstände Harald Hauke (l.) und Christoph Scharff.

trend: Im Regierungsprogramm ist die Einführung eines Einweg-Pfandsystems zwar nicht enthalten, es wird dennoch heiß diskutiert. Soll in Österreich ein Pfand auf Einwegflaschen eingehoben werden oder nicht?
Christoph Scharff: Die Sinnhaftigkeit jeder Maßnahme ist an ihren Zielen zu messen. Die Ausgangslage ist klar: Laut EU-Vorgaben müssen wir das Recycling von Kunststoffverpackungen massiv steigern. Bis 2030 sind 90.000 Tonnen pro Jahr zusätzlich notwendig, damit müssen wir die bisherige Leistung mehr als verdoppeln. Das ist die eine Herausforderung. Die andere ist ein Partikularziel, das nicht das Recycling, sondern die Sammlung von Getränkeflaschen aus Plastik betrifft. Ich finde es daher wenig sinnvoll, uns fast schon obsessiv auf das Thema Plastikflaschen zu konzentrieren, die nur 16 Prozent des gesamten Plastikverpackungs-Aufkommens ausmachen, und die übrigen 84 Prozent völlig auszublenden. Vielmehr würde ich ein Gesamtpaket wünschen, keine unvollständigen Teillösungen. Dazu kommt: Die Uhr tickt. Verpackungshersteller, Produzenten und Handel brauchen ebenso wie die Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft verlässliche Grundlagen für ihre Investitionsentscheidungen. Ich habe das Einweg-Pfandsystem einmal als das „Tempo 140 der Grünen“ bezeichnet. Der Unterschied ist aber, dass man damals die Verkehrsschilder danach einfach wieder abmontieren konnte, und es war vorbei. Diesmal geht es jedoch um folgenschwere und irreversible Richtungsentscheidungen, um Investitionen, die gerade im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld für kein Unternehmen einfach sind.

Wie wäre die Gesamt-Umweltbilanz eines Einweg-Pfandsystems? Wäre diese nicht sogar negativ, etwa weil zusätzliche Autofahrten von Konsumenten unternommen werden müssten?
Scharff: Dazu fehlen belastbare Daten. Dass neuer Verkehr generiert würde, leuchtet jedoch ein. Nach einer aktuellen Umfrage würden bei einem Einweg-Pfand 27 Prozent vermehrt das Auto verwenden, um ihre Flaschen zum Supermarkt zu bringen. Dabei müssen wir genau das Gegenteil machen und den Konsumenten die Abfalltrennung so bequem wie möglich machen. Convenience sticht: Wenn man den Joghurtbecher einfach in den Plastiksammlung geben kann, die PET-Flasche aber in den Supermarkt zurückbringen muss, verursacht das nur Unverständnis.


Recyclingquoten sind kein Selbstzweck, wir wollen Primärrohstoffe schonen.

Die WKO hat als Alternative einen Zehn-Punkte-Plan vorgeschlagen, um Kreislaufwirtschaft alltagstauglich zu machen. Was ist von diesem Plan zu halten?
Scharff: Dieser Plan berücksichtigt viele Punkte, die in der Tat gelöst werden müssen. Der Ausbau vom Bring- zum Holsystem, die Vereinheitlichung der Sammlung, smarte Sammelbehälter: Das alles geht in Richtung bessere Kommunikation und mehr Convenience. Solange wir in jedem Bezirk anders sammeln, werden wir nicht klar kommunizieren und die hohen EU-Recyclingquoten schwer erfüllen können – obwohl wir in Österreich zu den EU-Musterschülern in diesem Bereich gehören. Dazu kommen die Auswirkungen auf die Wirtschaft: Recyclingquoten sind ja kein Selbstzweck, wir wollen Primärrohstoffe schonen. Wenn durch künstlichen Angebotsdruck mehr Kunststoff-Recyclate auf den Markt kommen, als nachgefragt werden, werden die Preise kollabieren. Daher brauchen wir ein Konzept, was die Industrie damit macht und wie mehr Recyclate in Produkten eingesetzt werden können – von Baustoffen über die Elektroindustrie bis hin zur Autoproduktion. Sonst wird damit der Kreislaufwirtschaft ein Bärendienst erwiesen.

Sammeln, Trennen, Recyceln: Das Sammel- und Verwertungssystem der ARA leistet einen wertvollen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und zur Reduktion des Primärrohstoffbedarfs.

Sammeln, Trennen, Recyceln: Das Sammel- und Verwertungssystem der ARA leistet einen wertvollen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und zur Reduktion des Primärrohstoffbedarfs.

Sie haben das Thema Preise angesprochen. Wie wirkt sich der stark gefallene Ölpreis auf die Kreislaufwirtschaft aus?
Scharff: Covid-19 und der Streit Russlands mit der OPEC haben deutliche Spuren hinterlassen. China ist der größte Rohölimporteur der Welt – und wenn das Öl billig ist, ist auch der Kunststoff billig. Den reinen Preiswettkampf kann der Sekundärkunststoff nicht gewinnen. Im Sinne der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes wäre es sinnvoll, über einen Mindestgehalt an Recyclat in Produkten nachzudenken würde. Das ist rechtlich sicherlich nicht unkritisch und muss daher gut konzipiert sein. PET-Flaschen müssen ab 2025 einen bestimmten Anteil an Sekundärkunststoff enthalten, der 2030 auf 30 Prozent ansteigt. Wir in Österreich liegen heute schon darüber. Nun geht es um weitere Anwendungsbereiche: Für Lebensmittelverpackungen müssen andere Qualitäten zum Einsatz kommen als etwa für Kabelschutzplatten, die heute aus Primärkunststoffen produziert und in der Erde vergraben werden. Vor 30 Jahren hieß es, Recyclingpapier wäre minderwertig, heute erkennt man den Unterschied nicht. Das zeigt: Kreislaufwirtschaft ist mehr, als nur EU-Richtlinien umzusetzen. Eigentlich müsste der Sekundärrohstoff das „New Normal“ sein, und wer Primärressourcen einsetzt, müsste erklären können, warum er das tut.


Circular Economy ist in den Chefetagen angekommen.

Harald Hauke: Mit welchen Herausforderungen kämpft die Kreislaufwirtschaft national wie auf EU-Ebene? Wie hat sich die Pandemie ausgewirkt?
Wir haben beim ARAplus Circular Economy Barometer 2020 im Sommer erneut gemessen, wie Unternehmen zu den Zielen des EU-Kreislaufwirtschaftspaketes stehen und wie sie in Sachen Circular Economy dastehen. Die Ergebnisse der Studie sind zwiespältig. Positiv ist, dass Unternehmen eine Positionierung als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit klar als Wettbewerbsvorteil ansehen: Circular Economy ist in den Chefetagen angekommen, große Unternehmen setzen verstärkt auf Abfallreduktion, Verbesserung des Abfallmanagements oder die Recyclingfähigkeit von Gütern und Verpackungen. Doch die aktuelle Diskussion droht das Konzept der Kreislaufwirtschaft in den Hintergrund zu drängen – denn Kreislaufwirtschaft ist mehr als nur Plastikflaschen. Und während größere Unternehmen verstärkt mit der Kreislaufwirtschaft planen, diese bereits nutzen oder in sie investieren, drohen kleinere Betriebe, als Leidtragende der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie in diesem Bereich zurückzufallen.

Wie kann die ARA Unternehmen bei ihren Anstrengungen unterstützen?
Hauke: Ich habe als neuer Vorstand eine „Tour des Zuhörens“ durch Österreich gemacht und mit sehr vielen Kunden Gespräche geführt. Dabei hat sich für mich bestätigt: Viele Unternehmen sind wirtschaftlich stark unter Druck. Daher haben wir ein wichtiges Signal gesetzt und beschlossen, die Tarife für 2021 nicht zu erhöhen – während etwa in Deutschland Preissteigerungen im zweistelligen Prozentbereich für Papier oder Kunststoff gang und gäbe sind. Das bringt Planungssicherheit für Unternehmen – gerade in einer Phase, wo es darum geht, das Geschäft am Laufen zu halten und die Kosten im Griff zu haben.


ÜBER ARA

Die ARA (Altstoff Recycling Austria) ist Österreichs führendes Sammel- und Verwertungssystem für Verpackungen und ist die treibende Kraft in der österreichischen Kreislaufwirtschaft. 1993 als Sammel- und Verwertungssystem für Verpackungen gegründet, hat die ARA sich zum Recycling-Experten, zum Innovationstreiber im Ressourcenmanagement und zum bevorzugten Partner für maßgeschneiderte Entsorgungslösungen entwickelt. Heute genießt sie auch international hohes Ansehen in der Abfallwirtschaft.

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