Kreative Kleine: Wie EPU und Kleinstunternehmer die Krise nutzen

Über Nacht werden Onlineshops und YouTube-Kanäle aus dem Boden gestampft, laufen plötzlich Corona-Produkte vom Band oder werden nach Maß gefertigt. Die Not macht viele Unternehmer erfinderisch.

Kreative Kleine: Wie EPU und Kleinstunternehmer die Krise nutzen

Viel Fantasie: Wie die Corona-Krise von "Kleinen" kreativ genutzt werden.

Schlaflose Nächte, die Angst vor dem finanziellen Ruin, dazu die Verantwortung für die Mitarbeiter und deren Familienschicksale: Viele Unternehmer durchleben gerade schwere Zeiten. Die Binsenweisheit "in der Krise liegt die Chance" hört sich für viele an wie blanker Hohn. Sie sind gelähmt vom Corona-Schock.

Philipp Maderthaner, Unternehmer und Digitalberater, der mit seiner Firma Business Gladiators auch KMU berät, weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn nichts mehr geht:"In diesen Erkenn-die-Chancen-Modus kommt man erst, wenn das finanzielle Überleben gesichert ist. Das ist wie beim Arzt. Wenn kein Puls mehr da ist, sind weitere Behandlungen sinnlos."

Doch der unternehmerische Überlebensreflex vieler, oft junger, Unternehmen ist beeindruckend: Binnen weniger Tage haben sie entweder den Vertrieb (meist digitalisiert) oder das Produkt (meist modifiziert) umgebaut - einmal mehr, einmal weniger radikal. Maderthaner ist begeistert: "Wie radikal sich teilweise Gastronomie und regionale Lebensmittelproduzenten am Kundennutzen orientieren und wie erfinderisch sie dabei sind, ist extrem beeindruckend."

Aufwendige Webauftritte und soziale Medien sind plötzlich präsenter denn je. Lieferdienste und Zustellservices boomen. Schüchterne Köche trauen sich, in den Social-Media-Kanälen Instagram oder Facebook mit improvisierten Kochshows aufzutreten, Weinhändler führen virtuell Verkostungen durch, und sogar Branchen, die die unzähligen Angebote von Onlineshopanbietern vor Corona nahtlos in den Trash geklickt haben, tasten sich jetzt in den digitalen Verkaufsraum vor: etwa Autohändler oder Juweliere.

Beeindruckend ist aber auch die Kreativität von Herstellern, deren Produkte derzeit kaum oder gar nicht mehr gefragt sind - die sich aber blitzartig auf die neue Lage eingestellt haben: Schnapsbrenner und Parfümeure füllen neuerdings Desinfektionsmittel ab, Luxuslabels produzieren Schutzmasken, Tischler stellen Corona-Möbel her, Beherbergungsbetriebe mutieren zu "Stundenhotels" für Homeoffice-Arbeiter, ja sogar Schneekanonen werden zu Desinfektionsmittelsprühern umgerüstet. "Das ist echter Unternehmergeist", sagt Maderthaner, der sich dieser Tage so viel Essen bestellt wie noch nie: "Ich will ja, dass die nach der Krise auch noch da sind."

Widerstandskraft

Ob dieser Geist beim Überleben hilft, ist noch nicht ausgemacht. Die vom trend befragten Unternehmer (siehe Porträts, unten) freuen sich, dass ihre Bemühungen Früchte tragen. Die meisten sind zwar von den Vor-Corona-Umsätzen weit entfernt. Dennoch: Innovativ und agil zu bleiben, erhöht in jedem Fall die Überlebenschancen. Jedes zweite Unternehmen will darüber hinaus einen Beitrag in der Covid-19-Krise leisten: Gemeinsam schaffen wir das!

Bernhard Dachs und Bettina Peters, Wissenschaftler des Austrian Institute of Technology, haben in der retrospektiven Analyse der Finanzkrise in den Jahren 2008/09 festgestellt, dass die innovativen Unternehmer deutlich widerstandsfähiger waren: "Nur wenn Unternehmen neue Produkte am Markt einführen,- können sie Verluste aus den Nachfrageeinbrüchen während einer Krise kompensieren." Innovation stärkt also das Immunsystem.



1. Digitaler Bazar

Mit einem Blind Date vergleichbar ist die Entstehungsgeschichte des Start-ups goodity.at - des kostenlosen Onlinemarktplatzes für Kleinunternehmen aus Österreich. "Wir haben goodity.at von zu Hause aus in der Quarantäne aufgebaut", erzählt das weibliche Gründungsquartett.

Der Marktplatz wurde innerhalb von vier Tagen gelauncht und soll österreichische Kleinbetriebe dabei unterstützen, innerhalb weniger Minuten ihre Waren und Dienstleistungen kostenfrei listen zu können. "Goodity ist eine faire, schnelle und einfache Lösung für Unternehmer, bei der man ohne IT-Kenntnisse, ohne bestehenden Onlineshop und ohne andere Grundlagen wie professionelle Fotos sofort seine Ware anbieten kann." Wird ein Produkt verkauft, erhält das Goodity-Team eine Vermittlungsprovision. Die gelisteten Händler versenden ihre Produkte allerdings eigenständig.

Linktipp: goodity.at


2. Marktplatz

Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Nachdem Theresa Imre bereits vor einigen Jahren die Vision eines digitalen Marktplatzes für regionale Lebensmittel entwickelt hatte, wurde die Corona-Krise unverhofft zum Vertriebsturbo. Wie wichtig die Versorgungssicherheit durch die österreichische Landwirtschaft in Zeiten einer globalen Pandemie ist, muss Imre niemandem mehr erklären. "Fast vier Jahre Vorbereitung sind innerhalb weniger Tage aufgegangen. Ich kann es kaum fassen und hatte noch wenig Zeit, das alles zu verarbeiten", erklärt Imre. "Durch Corona hatten wir von einem Tag auf den anderen die zwanzigfache Bestellmenge."

Mehr als 420 Familien- und Kleinbetriebe sind auf dem virtuellen Marktplatz anzutreffen: "Wir wollen vor allem Klein-und Familienbetrieben aus der Region die Möglichkeit geben, ihre Produkte an möglichst viele Menschen zu verkaufen", so Imre. Besonderes Augenmerk liegt bei markta auf Regionalität, Saisonalität sowie Nachhaltigkeit der Produkte, aber auch auf der Herstellungsweise in biologischer Qualität.

Linktipp: markta.at


3. Schutzschilde

Vision1 baut speziell gebrandete Sonnenbrillen - und das in Italien. "Als man in Österreich noch Ski fahren ging, hörten wir von unseren Lieferanten bereits die Dramen", erzählt Mitgründer Ingomar Lang. Auf Schutzschilde umzusteigen war für die Salzburger Firma ein "'no-brainer', weil wir es in derselben Produktion machen können".

Die Schilde können in jeder Stückzahl hergestellt werden, sind Made in Italy und haben hohe Qualität, die sich in der Stärke (wichtig für die Reinigung) und Tragekomfort ausdrückt. Als Vertriebspartner hilft der Handelsverband und die Bestellungen kommen von kleinen Spar-Händlern ebenso wie von Gmundner Keramik. "Auch Krankenschwestern oder Ärzte bestellen", sagt Lang. Die Lieferzeit beträgt zehn Tage, der Preis (rund zehn Euro) hängt von der Bestellmenge ab.

Linktipp: vision1eyewear.com


4. Home Cooking

Bisher waren die Gebrüder Obauer stets für ihre Zurückhaltung in der Öffentlichkeit bekannt. Die Betreiber des gleichnamigen Restaurants in Werfen zählen zu den besten Köchen weltweit. Jetzt, in Zeiten der Krise, sind auch sie gezwungen, die wohlgehütete Komfortzone zu verlassen und offener für moderne Kommunikationsmittel zu werden.

Für Karl und Rudolf Obauer, die ihre Fangemeinde und Follower via Instagram und Facebook mit improvisierten Kochshows begeistern und auf Wunsch auch zu Hause beliefern, ein großer Schritt.

Ob Frühlingssaibling mit Kohlrabi, Lamm-Curry, Gänseleberterrine mit Brioche und Charlottenmarmelade oder Erdäpfeldatschi - die Salzburger Spitzenköche lassen tief in die Töpfe blicken: "Die Kochshows sind eine rein private Sache. Unverstellt. Unverblümt. Amateurhaft", erzählt Rudi Obauer. "Gekocht wird bei uns zu Hause. Am Herd stehen ich, mein Bruder, wir beide gemeinsam, meine Frau Angelika oder andere Familienmitglieder. Wir kochen, was wir zu Hause essen."

Linktipp: facebook.com/obauer.restaurant


5. Exit Games

Weltweit sind 20.000 Fluchträume für Escape-Games in Betrieb. Doch was tun während der Ausgangsbeschränkungen? Der Anbieter Exit The Room geht mit einer innovativen Softwarelösung in Form eines Remote-Escape-Rooms an den Start. So können Spieler, ohne die eigenen vier Wände zu verlassen, Abenteuer als Team erleben. Auch in Hinblick auf Teambuilding-Maßnahmen wird das Angebot bereits angefragt.

Inhaber Gábor Rétfalvi: "Wir bieten unsere Software allen Betreibern von Escape-Räumen an. Die internationale Plattform für Escape-Room-Betreiber - EveryEscapeRoom - arbeitet bereits mit uns zusammen, um diese kostenlose Lösung weltweit bereitzustellen. Wir hoffen, damit die Existenz vieler Betreiber zu unterstützen." Einen Teil der Einnahmen soll jeder Betreiber für die Bekämpfung der Pandemie spenden.

Linktipp: exittheroom.at


6. Die Kuriere

Keine Fahrgäste mehr auf der Rückbank, dafür Geburtstagstorten, Geschäftsunterlagen oder Medikamente. Auf die Umsatzeinbrüche bei der Personenbeförderung haben Taxidienste schnell reagiert - das Angebot für Botenfahrten erweitert: Die Fahrer von 31300 übernehmen in Wien nicht nur Botendienste, sie kaufen für ihre Kunden ein.

Bei 31300 wurden die Preise für diese Dienste um 20 Prozent gesenkt, damit sich das nicht nur Gutverdiener leisten können.

Linktipp: taxi31300.at/besorgungsfahrten

Bei Free Now, dem Mobilitätsvermittler von BMW und Daimler, offeriert man seit 14 Tagen Botenfahrten als neues Service. "Courier" ist in München und Köln testweise schon über die App buchbar, wird in Wien und Salzburg ebenso angeboten. Die spezifischen Details machen sich Kunden und Fahrer aber noch außerhalb der App aus.

Linktipp: free-now.com/at/business/account


7. Das neue "Live"

Durchhalten, unternehmerisch denken, aus der Krise lernen - alles Leitsätze der Vienna Fuckup Nights. Das Ziel: ein gesellschaftliches Tabu brechen, das "Scheitern" öffentlich thematisieren, Misserfolg als Teil des Erfolges und Motor für Innovation betrachten. Veranstalter Dejan Stojanovic - selbstständiger Coach, Jurist und kräftige Stimme für eine positive Fehlerkultur - musste im Zuge der Krise den mit 250 Teilnehmern restlos ausverkauften Event absagen.

Getreu dem Motto "Aufstehen, Krone richten, weitermachen" will auch Stojanovic die Krise als Chance nutzen und neue Wege bestreiten. Die Idee: die Fuckup Night Vienna via Livestream. Am 25. April war es im Rahmen des ersten länderübergreifenden Fuckup-Nights-Livestreams so weit - in Kooperation mit den Fuckup Nights Berlin, Mannheim, Leipzig und Düsseldorf. Stojanovic: "Erstmalig in unserer Geschichte - und ausnahmsweise dank Corona - bündeln wir unsere Kräfte und bringen eine länderübergreifende Fuckup Night direkt in die Wohnzimmer."

Linktipp: fuckupnights.at


8. Die Ausrüster

Für Haushalte, aber auch Unternehmen ist die kurzfristige Investition in technische Geräte oft schwer zu stemmen -besonders in einer finanziell angespannten Lage wie der aktuellen Pandemie. "Ein grünes und nachhaltiges Homeoffice-Paket, bestehend aus Laptop und Smartphone, das für einen definierten Zeitraum angemietet und dann wieder zurückgegeben werden kann, leistet hier doppelt Abhilfe", ist Peter Windischhofer, Mitgründer von refurbed, überzeugt.

Das Wiener Start-up bietet jetzt - zusätzlich zum Verkauf vollständig erneuerter Elektronikgeräte über einen E-Commerce-Marktplatz - ein nachhaltiges Mietservice an. Privatkunden können pro Person ein Smartphone und einen Laptop mieten. Für Firmenkunden gibt es keine Mengenbegrenzung, hier sind maßgeschneiderte Angebote möglich. Mit aktuell rund 2.300 Anmeldungen hat sich die Nachfrage seit Jahresanfang mehr als verdreifacht.

Linktipp: refurbed.at


9. Corona-Möbel

Keine Messe, kein Standbau: Bei Standout (Tochter der Reed Exhibitions) hatte ein Planer den spontanen Einfall für Corona-Mobiliar wie Spuckwände. "Werkstätten, Material und Know-how waren vorhanden. Binnen weniger Tage wurde ein kleiner Musterkatalog entworfen", sagt Geschäftsführer Christian Steiner.

Die Resonanz war sehr gut, an den ersten Aufträgen wird bereits gearbeitet. Steiner: "Wir bieten das als Standardprodukt in der Do-it-yourself-Variante ebenso an wie mit der kompletten Montage." Auf Wunsch werden auch nachhaltige Materialien, etwa Hölzer, verwendet. "So können solche Elemente nach der Krise vielleicht auch als POS-Möbel weiterverwendet werden", so Steiner. Angeboten werden die Möbel zur Miete oder auf Kaufbasis. Den großen Run erwartet Steiner in den nächsten Wochen, wenn Wirtschaft, Ämter und Praxen wieder hochgefahren werden.

Linktipp: standout.eu



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Zu den Personen:
Caroline Palfy (r.) ist neue Geschäftsführerin in der Handler Holding GmbH und verantwortet den Bereich Sustainable-Strategie. Das Familienunternehmen HANDLER ist Spezialist für hochwertige Bau- und Immobilienprojekte in Österreich.
Marieluise Krimmel ist Partnerin bei Deloitte in Wien im Bereich Audit & Assurance und ist in der Prüfung und Beratung tätig. Ihre Branchenschwerpunkte liegen neben der Industrie in der Immobilien- und der Bauwirtschaft.

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