Konjunktur 2019: Die Angst vor dem Abschwung

Konjunktur 2019: Die Angst vor dem Abschwung

Vor allem in Europa wird sich das Wirtschaftswachstum im Jahr 2019 abschwächen.

Der Höhepunkt ist erreicht, die Weltwirtschaft wächst aber auch noch 2019 kräftig. Eigentlich könnte das Wachstum, zwar langsamer, aber stabil, noch eine Zeit lang weitergehen. Doch die Unsicherheit ist groß, und die Risiken steigen.

1. Dezember 2018: Meng Wanzhou, 46, Finanzchefin des chinesischen Smartphone-Riesen Huawei, steigt in Vancouver aus dem Flugzeug. Am Weg zu ihrem Anschlussflug wird sie verhaftet. Die USA hatten Kanada darum gebeten. Sie warfen Wanzhou vor, die Sanktionen gegen den Iran umgangen zu haben. Ihr drohen nun 30 Jahre Haft.

Vor ein paar Jahren wäre das ein möglicher Betrugsfall gewesen, der nur kurz in den Nachrichten aufblitzt. Ende 2018 aber brachte die Causa die Börsen ins Schlingern. Sie hat Symbolcharakter: China und die USA steckten zu der Zeit mitten in einem Handelskonflikt, der noch immer nicht beigelegt ist. Dass die beiden Mächte kurz zuvor beschlossen hatten, vorerst keine Zölle mehr gegeneinander zu verhängen, war plötzlich wie weggewischt.

Es ist eine Folge der großen, stets präsenten Verunsicherung, dass US-Präsident Donald Trump auch schnell mal wieder alles umwerfen könnte.

Dabei sahen die Prognosen, die Wirtschaftsforscher für die Weltwirtschaft Ende 2018 trafen, nicht danach aus, als wäre akut Panik angebracht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) ging im Herbst davon aus, dass die Weltwirtschaft sowohl 2018 als auch 2019 um je 3,7 Prozent wachsen wird. Gegenüber dem Frühjahr wurde die Prognose zwar um 0,2 Prozentpunkte nach unten korrigiert, IWF-Chefin Christine Lagarde betonte aber zuletzt, dass Crash-ähnliche Befürchtungen überzogen seien: "Eine Prognose von 3,7 Prozent Weltwirtschaftswachstum ist nicht schlecht." Höher war dieses zuletzt im Jahr 2011.

Gute Aussichten

2019 könnte also insgesamt ein ganz gutes Wirtschaftsjahr werden. Die USA, große Teile Asiens, Afrikas und auch Osteuropa entwickeln sich stark (siehe Weltkarte). In anderen Regionen wie Europa zeigen sich allerdings Ermüdungserscheinungen. Die Entwicklungsländer entwickeln sich wie meist unterschiedlich (siehe auch die untenstehende Grafik zur Entwicklung der Währungen der Schwellenländer im Vergleich zum US-Dollar). Die Schwergewichte Brasilien, Indien und China wachsen langsamer, aber weiterhin stark, China setzt seine Transformation zur Technologiemacht fort. Einige Länder haben eben wie Österreich ihren konjunkturellen Höhepunkt bereits 2018 erreicht, andere sogar schon 2017, ihre Wirtschaft wird also langsamer wachsen.

Aber rücken sie deshalb wirklich gleich in die Nähe der Rezession, wie es einige befürchten? Woher rührt plötzlich die Sorge, dass trotz ganz guter Zahlen eine größere Korrektur bevorsteht, sogar ein Crash? Und wie stehen Europa und Österreich in dieser Gemengelage da?


Entwicklung der Weltwirtschaft

Die Weltwirtschaft wird laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) 2019 genauso wie 2018 um 3,7 Prozent wachsen. Während das Wachstum vor allem in Afrika, China, Indien und den USA stark bleibt, verlangsamt es sich in Europa. Der IWF-Wert für Osteuropa enthält die Türkei, deren Wirtschaft nur schwach wachsen wird. Sonst bleibt die Region dynamisch. Eine Rezession wird nur für Venezuela, Argentinien, den Iran und den Sudan erwartet.

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Zunehmende Risiken

Anfang 2018 sah es noch so aus, als könnte dem Aufschwung weder die erratische Politik Donald Trumps noch der drohende Brexit etwas anhaben. Am Jahresende zeigte sich: Die Risiken sind gestiegen, während kaum mit positiven Überraschungen zu rechnen ist. Weil gleichzeitig und auch damit einhergehend der Konjunktur mancherorts die Puste ausgeht, sieht das Bild nun anders aus. Anders, aber nicht gleich nach Krise.

Einen Schatten auf ein eigentlich stabiles Wachstum wirft etwa der Brexit, "weil dessen Folgen beharrlich unklar bleiben", sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Dass Premierministerin Theresa May die Abstimmung über den EU-Brexit-Deal im Parlament verschoben hat, um nachzuverhandeln, macht nur eines klarer: Die Sache wird dauern. Das trübt die Stimmung. Ein weiterer Dauerbrenner unter den Risikofaktoren ist Italien: Die Wirtschaft soll zwar auch 2019 um 1,2 Prozent wachsen. Der Konfrontationskurs, den Italiens Regierung gegen die EU fährt, die fehlenden Strukturreformen und die hohen Schulden könnten aber 2019 zumindest für Unruhe sorgen.

Als größte Gefahr gilt allerdings, dass sich der weltweite Handelskonflikt verschärft. Schon 2018 hat sich der Welthandel verlangsamt; die USA, aber auch China und Europa spüren die höheren Zölle. "Momentan sind davon aber nur zwei bis drei Prozent des Welthandels betroffen", sagt Carsten Brzeski, Chefökonom der ING Bank. Bisher habe Trump den Konflikt auch immer auf die Spitze getrieben, dann aber doch versucht, einen Deal zu finden, so Brzeski. Europa blieben so weitere Zollerhöhungen erspart, aber: "Hier ist alles möglich, das könnte sich wieder hochschaukeln", so Brzeski. Sein Basisszenario ist allerdings: moderater Optimismus, die Eskalation bleibt aus.

Zu den weiteren Risiken zählt der Ölpreis, der durch den Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran doch wieder steigen könnte. Auch der Schuldenberg, der seit der Finanzkrise bei Staaten wie Unternehmen deutlich gewachsen ist, könnte für Druck sorgen, weil das Ausmaß an Ramschkrediten, auch an Unternehmen, stark zugenommen hat. In Österreich sind übrigens Konsumkredite stark gestiegen, was die Finanzmarktaufsicht beobachten will - bedrohlich sei die Situation laut FMA hier allerdings nicht.

Faktor Geldpolitik

Auch wie gefühlvoll die Notenbanken die seit der Krise expansive Geldpolitik zurückfahren, kann 2019 zu einem angenehmen oder eben auch ruppigen Jahr machen: Erhöht die US-Fed die Zinsen zu schnell, könnte noch mehr Kapital aus Schwellenländern abfließen. Gerade für jene Länder, die wie die Türkei hoch in US-Dollar verschuldet sind, würde der finanzielle Druck steigen.

Bei der EZB wiederum ist sogar möglich, dass vorerst alles beim Alten bleibt: "Wir glauben, dass sie diesen Schritt erst 2020 setzt", sagt Stefan Schiman, Konjunkturexperte des Wifo. Die Kerninflation, die die Preisentwicklung von Energie und Nahrungsmitteln nicht berücksichtigt, liege in der Eurozone trotz sinkender Arbeitslosigkeit bei nur einem Prozent. Erst wenn die Löhne steigen, würde die stärkere Nachfrage zu höheren Preisen führen. "Wir sehen nicht nur in Frankreich Demonstrationen, die auch höhere Löhne fordern, sondern auch den Fachkräftemangel. Das wird Effekte haben", sagt hingegen Raiffeisen-Analyst Peter Brezinschek. Er rechnet damit, dass die EZB noch 2019 den Einlagensatz auf Null erhöht.

Ein Wechsel in der Geldpolitik könnte sich auch dadurch beschleunigen, dass EZB-Chef Mario Draghi im Herbst abgelöst wird. Damit geht in Europa auch eine Art Ära zu Ende: In der Krise war es nicht zuletzt die EZB unter seiner Führung, die in entscheidenden Momenten für Ruhe gesorgt hat. Kritiker sagen, sie hätte so aber auch sämtliches Pulver verschossen, wäre für die nächste Krise nicht gerüstet. "Die EZB hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie ihr Instrumentarium auszuweiten weiß, zudem müssen auch die Staaten ihre Verantwortung für ihre Finanzen übernehmen", ist Doris Ritzberger-Grünwald, Chefökonomin der Oesterreichischen Nationalbank, zuversichtlich.


Währungen: Entwicklung in den Schwellenländern

Die unterschiedliche Entwicklung der Schwellenländer spiegelt sich in ihren Währungen. Argentinien ist wirtschaftlich angeschlagen; die Türkei zudem hoch in US-Dollar verschuldet. Steigen die US-Leitzinsen und der Dollar weiter, wird die Refinanzierung noch schwieriger.

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Neue Langsamkeit

OeNB-Ökonomin Ritzberger-Grünwald geht von einem langsamen, stabilen Abschwung in Europa aus, speziell auch für Österreich. Die Stimmungsindikatoren feiern keine Rekorde mehr, sind aber weiter gut. Das Wachstum um drei Prozent für 2018 wird Österreichs Wirtschaft knapp verfehlen, für 2019 rechnet die OeNB mit einem Plus von um die zwei Prozent. Damit wächst Österreichs Wirtschaft stärker als jene der EU und der Eurozone. Der Aufschwung bleibt breit, sowohl die Investitionen als auch der Export legen weiter zu -allerdings langsamer. Österreich profitiert dabei laut Ritzberger-Grünwald davon, dass dem Wachstumsknick der deutschen Wirtschaft die weiter dynamische Entwicklung in Osteuropa gegenübersteht. Die Beschäftigung steigt, die Arbeitslosigkeit geht weiter zurück. Das stärkt den Privatkonsum, wenn auch die Steuererleichterung "Familienbonus Plus" hier erst 2020 zur Gänze schlagend wird. "Da das Wachstum stabil ist, wäre es Zeit, dass die Regierung nun Polster für wirtschaftlich schwierigere Zeiten schafft", sagt die Ökonomin. Eine Mahnung, die für Europa gelten kann, denn neben Italien tut sich etwa auch Frankreich selbst in der Hochkonjunktur schwer, die Budgetziele zu erreichen.

Auf ein expansives Budget setzen im kommenden Jahr auch die USA. "Das wird die US-Konjunktur 2019 stärken, 2018 hatte die Steuerreform positive Effekte", sagt Wifo-Experte Stefan Schiman. Seit neun Jahren hält der Aufschwung nun an, er ist der längste der vergangenen 150 Jahre - erst 2020 folgt die Abkühlung. Im Basisszenario sehen die meisten Prognosen aber auch 2020 keine Rezession für die USA. Zuletzt wurde darüber spekuliert, weil die US-Anleihen mit kurzer Laufzeit zuletzt höhere Zinsen versprachen als Bonds mit langer Laufzeit. In der Vergangenheit war das oft ein Vorbote für die nächste Rezession. "Dann hat es aber oft noch 24 Monate gedauert", relativiert jedoch Raiffeisen-Analyst Peter Brezinschek.

Bleibt also noch etwas Zeit, doch noch Handelsdeals zu finden. Und dann Lösungen dafür, wie in Zukunft mehr Menschen vom Wachstum profitieren. Denn das, so IWF-Chefin Christine Lagarde, wäre die Voraussetzung dafür, dass nötige Reformen auch mitgetragen werden. Und die werden nötig sein, damit auf den langen Abschwung wieder ein Aufschwung folgt.


Der Artikel ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 50-52/2018 vom 14. Dezember 2018 entnommen.

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