Konflikt mit Zulieferern: VW kann Golf und Passat nicht mehr bauen

Konflikt mit Zulieferern: VW kann Golf und Passat nicht mehr bauen
Konflikt mit Zulieferern: VW kann Golf und Passat nicht mehr bauen

Mitten in der Bewältigung des Abgasskandals hat Volkswagen ein weiteres großes Problem: Wegen eines Konflikts mit zwei Zulieferern, die sich weigern, den Konzern weiter zu beliefern, musste die Produktion des VW Golf und des VW Passat musste eingestellt werden. In sechs Werken ist die Produktion beeinträchtigt. Zehntausende Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.

Wieder einmal ist im Volkswagen-Konzern Krisenmanagement angesagt. Doch diesmal ist die Krise nicht hausgemacht, sondern wurde von zwei aufmüpfigen deutschen Zulieferern, dem Getriebe-Teile-Lieferant ES Automobilguss und dem Sitzbezughersteller Car Trim, ausgelöst. Beide haben den Volkswagen-Konzern mit einem Lieferstopp belegt, was in der auf Just-in-Time-Produktion getrimmten Automobilindustrie einer mittleren Katastrophe gleichkommt.

Die Folgen: Der große Volkswagen-Konzern (ISIN DE0007664039) wird durch die beiden Zulieferer ausgebremst. Vor allem das Fehlen der Getriebeteile aus der ES Guss Produktion trifft VW schwer. In gleich sechs deutschen Werken wurden aufgrund der fehlenden Teile die Produktionsabläufe durcheinander gebracht. Im Stammwerk in Wolfsburg ebenso wie in Braunschweig, Emden - wo der Passat gebaut wird, Kassel, Salzgitter und Zwickau. Die Herstellung der für das Unternehmen so wichtigen Erfolgsmodelle Golf und Passat musste vorerst gänzlich ausgesetzt werden. Zumindest eine ganze Woche lang können die Autos nicht produziert werden.

Für VW ist das ein harter Schlag. Im Stammwerk in Wolfsburg wurden letztes Jahr 815.000 Autos gebaut, davon fast eine halbe Million Golf. Ein einwöchiger Produktionsausfall bedeutet somit, dass an die 10.000 Golf weniger gebaut werden. Rund 28.000 Volkswagen-Mitarbeitern wurden mit Kurzarbeit belegt. Die Passat-Fertigung mit rund 7.500 Beschäftigten steht bereits seit vergangener Woche still. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer schätzt die Gewinneinbußen auf einen hohen dreistelligen Millionen-Betrag. Die Analysten der Bank UBS schätzen, dass ein einwöchiger Produktionsstillstand allein des größten VW-Werks in Wolfsburg den Bruttoertrag um rund 100 Millionen Euro schmälert.

Ohne das wichtige Getriebeteil kann VW Getriebe nicht ausliefern, bestätigte der Sprecher des auf die Fertigung von Getrieben spezialisierten Werks Kassel, Heiko Hillwig. VW prüft demnach derzeit, ob dieses Teil auch von anderen Zulieferern bezogen werden kann. Auch bei der zu VW gehörenden Sitech können 450 Mitarbeiter in Emden nicht arbeiten, weil die Sitzbezüge von Car Trim fehlen. Für weitere 500 Sitech-Mitarbeiter in Wolfsburg wurde Kurzarbeit beantragt. Bei Audi läuft die Produktion vorerst ohne Einschränkung. Auch Porsche ist nicht betroffen.

Clinch mit Zulieferern

Hintergrund für den Lieferstopp ist ein Konflikt zwischen der Volkswagen-Gruppe und der bosnischen ASA Prevent Group, zu der ES Guss und Car Trim gehören. Die Gründe für den Konflikt und den folgenden Lieferstopp sind für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Auch nicht für den niedersächsischen Wirtschaftsminister und VW-Aufsichtsrat Olaf Lies - das Land Niedersachsen ist mit mehr als 20 Prozent an Volkswagen beteiligt und damit der größte Aktionär des Autoherstellers. Lies attackierte die beiden Zulieferer daher scharf. "Es ist ein unglaubliches und für mich nicht nachvollziehbares Verhalten der Unternehmen", sagte er. Die Unterbrechung der Lieferkette sei eine schwere Belastung für Volkswagen. Lies: "Wenn sich der Streit noch lange hinzieht, mag ich über die Auswirkungen, die das hat, noch gar nicht nachdenken. Mir ist noch gar nicht klar, wie wir dem dann begegnen wollen."

Ein schnelle Lösung des Streits ist allerdings vorerst nicht absehbar. Die juristische Auseinandersetzung um fehlende Getriebeteile geht am Landgericht Braunschweig erst am 31. August weiter - dann in einer mündlichen Verhandlung. VW hatte gegen den Zulieferer, mit dem der Konzern bereits seit drei Jahrzehnten kooperiert, eine einstweilige Verfügung erwirkt. Da dies aber ohne mündliche Verhandlung geschah, hatte die Firma die Möglichkeit zum Widerspruch. Über den wird nun Ende August verhandelt. Wann eine Entscheidung fällt, ist offen. Bis dahin dürfte die Lieferung der dringend benötigten Getriebeteile aber ausfallen. VW betont, dass man an einer gütlichen Einigung auf dem Verhandlungsweg interessiert ist.

Alexander Gerstung aus der Geschäftsführung des Autozulieferers ES Guss wollte sich nicht zu den Hintergründen des Lieferstopps nicht näher äußern. Er bestätigte in einem Statement lediglich die bekannten Fakten: "Unsere Unternehmensgruppe befindet sich in einer juristischen Auseinandersetzung mit Volkswagen und ist in diesem Zusammenhang auch zur Vertraulichkeit verpflichtet."

Rechtsstreit

Gegen den Sitzbezug-Hersteller Car Trim hat Volkswagen indessen schon einen Vollstreckungstitel erwirkt, wie ein Gerichtssprecher bestätigte. Den will Volkswagen auch bei ES Guss bekommen und aus diesem Titel heraus die benötigten Teile notfalls beschlagnahmen lassen

Unterdessen teilte eine Kommunikationsagentur im Auftrag der Prevent DEV GmbH mit Sitz in Wolfsburg mit, diese sei "nicht juristisch" mit den Gesellschaften der Car Trim GmbH und der ES Automobilguss GmbH verbunden und somit auch nicht Partei im Konflikt mit VW. "Gleichwohl bedauern wir die Eskalation des aktuellen Konflikts sehr, zumal die Prevent DEV GmbH und die Volkswagen AG eine langjährige und erfolgreiche Zusammenarbeit miteinander verbindet." Die Firma hoffe darauf, dass es zu einer "raschen, einvernehmlichen Lösung ohne weitere Eskalationen kommt".

Volkswagen ist übrigens nicht der einzige Autohersteller, der im Clinch mit der Prevent-Gruppe ist. Beim Landgericht Braunschweig ist auch eine Millionenklage von Prevent gegen Daimler anhängig. Die Zulieferergruppe fordert einen finanziellen Ausgleich für Aufträge, die Daimler im Jahr 2013 gekündigt hatte.

Wirtschaft

Magna Steyr investiert Millionen in neues Werk in Slowenien

Wirtschaft

So viele Milliarden und Jobs stehen in London auf dem Spiel

Wirtschaft

Whistleblower: „Die Cayman Islands sind ein gefährlicher Ort“