Klimawandel lässt den Wintersport ums Überleben kämpfen

Im Winter 2022/23 präsentieren sich Europas Berge grün-grau statt schneeweiß. Wintersportparadiese schwinden. Ein herber Rückschlag für den Tourismus, der Wintersportorte vor große Herausforderungen stellt.

Tiroler Zugspitz-Arena in Ehrwald am 16. Jänner 2023. Der anhaltende Schnemangel setzt die Wintersportorte und die Tourismusbetriebe unter Druck.

Tiroler Zugspitz-Arena in Ehrwald am 16. Jänner 2023. Der anhaltende Schnemangel setzt die Wintersportorte und die Tourismusbetriebe unter Druck.

Hotelzimmer werden storniert, Tickets erstattet, und für abgeschlossene Verträge mit Catering-Firmen muss auch eine Lösung her: Der Schneemangel und seine Folgen stellen derzeit nicht nur viele Weltcup-Veranstalter, sondern gesamte Wintersport-Orte vor enorme wirtschaftliche Herausforderungen. Doch was tun, wenn das weiße Gold fehlt?

"Selbst, wenn genügend Geldmittel zur Verfügung stehen würden, kann man das Klima nicht beeinflussen", sagte Anna Kornhaas der Deutschen Presse-Agentur. Sie ist Pressesprecherin des Weltcups der Skispringerinnen in Hinterzarten. Die Durchführung des Ende Jänner geplanten Springens ist - na klar - fraglich.

An anderen Orten ist der Kampf gegen den Klimawandel längst verloren. Die alpinen Skirennen in Garmisch-Partenkirchen sind abgesagt. Statt eines Winter-Wunderlandes prägen grün-graue Berglandschaften das Bild an der Kandahar. Die Absage sei wirtschaftlich ein Desaster, räumte die Chefin des Organisationsteams, Martina Betz, ein. "Wir haben einen hohen Verlust. Die Höhe ist allerdings noch nicht zu beziffern."

So ein Weltcup-Wochenende spült Geld in verschiedenste Kassen. Gastronomen, Beherbergungsbetriebe und Einzelhändler profitieren von den tausenden Ski-Fans, die in kleine Wintersportorte wie Garmisch, Hinterzarten oder Klingenthal pilgern. Die Verbände kassieren bei den TV-Einnahmen ab. Normalerweise.

Die wirtschaftlichen Schäden, die im Falle einer Absage drohen, sind kaum zu beziffern. Das System ist zu verzweigt, zu viele Parteien sind in einen Weltcup involviert. Aber klar ist: Der Schaden wäre massiv.

Millionengeschäft Ski-Weltcup

Die Höhe des Schadens und die Bedeutung der Ski-Weltcuprennen für die Gemeinden lässt sich an den Umsätzen erahnen, die jährlich aufgrund des "Nightrace" in Schladming erzielt werden, das traditionell immer in der Woche nach den Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel ausgetragen wird.

In der Region Schladming-Dachstein ist die Veranstaltung längst zu einem Mega-Event geworden, der rund 50.000 Besucher in das Ennstal lockt und 20 Millionen Euro einbringt. “Der Wert des Nightrace ist für unsere Region wirklich außerordentlich hoch”, sagt Mathias Schattleitner, Geschäftsführer im Tourismusverband Schladming-Dachstein. “Neben den direkt mit dem Rennen verbundenen Umsätzen wie Nächtigungen und Tickets kommt noch eine sehr hohe Umwegrentabilität hinzu. So profitieren neben dem Tourismus auch viele weitere Branchen, immerhin gibt jeder Nightrace-Gast im Schnitt über 250 Euro während seines Aufenthaltes im Rahmen des Rennens aus.”

2023, bei der 26. Auflage des Nightrace, erwartet Schattleitner noch höhere Einnahmen, denn in Schladming wird am Tag nach dem Nachtslalom zusätzlich der in Garmisch-Partenkirchen wegen Schneemangel abgesagte Riesenslalom ausgetragen. Zu der Wertschöpfung vor Ort kommt auch noch ein gigantischer Werbeeffekt, den die Region Schladming-Dachstein durch die Bilder, die um die ganze Welt gehen, erhält. Und - ein Glücksfall für die Veranstalter in Schladming: gerade rechtzeitig vor dem Rennen gab es in der Region Neuschnee, sodass die TV-Bilder auch ein Winter-Wunderland präsentieren können, das weitere Gäste für die Skiregion im Ennstal begeistern soll.

Alpiner Skilauf kaum möglich

Der milde Winter trifft vor allem die Alpinen hart. Für die oftmals kilometerlangen Pisten wird enorm viel Schnee benötigt. Rennen in Sölden, Zermatt, Lech, Beaver Creek, Gröden, Zagreb und eben Garmisch wurden abgesagt. Bei den Nordischen Kombinierern traf es mit Klingenthal und Chaux-Neuve bisher zwei von sechs Austragungsorten. Die Biathleten in Ruhpolding mussten vergangene Woche lange zittern. In Kitzbühel konnte das Hanhnenkamm-Rennwochende gesichert werden. Schnee gibt es dort allerdings auch kaum. Die berühmt-berüchtigte Streif zieht sich wie ein weißes Band ins Tal. Abseits der für die Skirennen präparierten Strecken ist Wintersport nahezu unmöglich.

Wintersportparadiese schwinden, wie ein internationales Forschungsteam in einer 2022 veröffentlichten Studie zeigte. Ohne eine massive Verringerung der Treibhausgasemissionen wären die meisten der bisherigen Gastgeber von Olympischen Spielen nicht in der Lage, die Spiele 2050 erneut auszurichten.

Die Straßburger Geografieprofessorin Carmen de Jong ergänzte: "Es gibt in Europa keine Skigebiete mehr, die schneesicher sind." Schneesicher bedeute für sie, zwischen dem 1. Dezember und Ende März jederzeit Skifahren zu können. Die Gegend dürfe dabei weder von Kunstschnee noch von Schnee abhängig sein, der zum Wettkampfort transportiert werde.


Es gibt in Europa keine Skigebiete mehr, die schneesicher sind.

Teil der Wahrheit ist auch, dass der Wintersport selbst seinen negativen Beitrag zu den Treibhausgasemissionen leistet. Auch im Spitzensport. Vor allem bei den Alpinen steht der reiseintensive Kalender stark in der Kritik. So startete der Ski-Tross im Herbst in Europa, anschließend ging es nach Nordamerika. Momentan fahren Mikaela Shiffrin und Co wieder Rennen in Österreich und Italien, bevor es im Februar erneut in die USA geht.

Problematische Beschneiung

De Jong macht zudem auf die Umweltauswirkungen von Speicherbecken aufmerksam, die für eine großflächige künstliche Beschneiung nötig seien. Das Wasser dafür komme häufig aus weiten Entfernungen, das Hochpumpen verursache hohe Energiekosten. Eine Gratwanderung, denn kein (Kunst-) Schnee bedeutet meist kein Wintersport.

Am besten kommen wohl die Skispringer ohne Schnee klar. Landen auf Matten heißt ein bereits bewährtes Konzept. "Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir versuchen, ein Ganzjahresdenken reinzubringen", befand Norwegens langjähriger Nationaltrainer Alexander Stöckl mit Blick auf den Klimawandel.

Matten gibt es beim Skisprung-Weltcup in Hinterzarten nicht. "Um die Anlage beschneien zu können, werden mindestens minus fünf Grad Celsius benötigt und dies an mindestens drei Tagen, um genügend Schnee produzieren zu können", sagte Sprecherin Kornhaas. Die wirtschaftlichen Folgen im Falle einer Absage wären für den Kurort groß. "Es wurden 32 Container für den Teambereich der 16 Nationen bestellt, Zimmer wurden gebucht, die storniert werden müssten und weitere Ausgaben, die in die Vorplanung gesteckt wurden."

Schneedepots für Biathlon WM

Optimistischer sind die Verantwortlichen bei den Biathleten in Oberhof. Im Februar findet dort die Biathlon-WM statt. In den kommenden Tagen sind durchgängig Temperaturen unter dem Gefrierpunkt vorhergesagt. Zudem lagern etwa 35.000 Kubikmeter Schnee in den Depots. Das ist fast viermal so viel, wie die Organisatoren in Ruhpolding hatten.

"Das ist eine Schneemenge, die wir in den letzten Jahren in der Form nicht hatten, und da hat es auch immer gereicht", sagte Hartmut Schubert, WM- und Oberhof-Beauftragter der Thüringer Landesregierung.

Letztendlich wissen alle: Die Natur bestimmt die Regeln. Kein Geld der Welt kann Schnee ersetzen. Vielmehr müssen Wintersportevents umgedacht werden, im Einklang mit der Natur. Die Skispringer haben gezeigt, wie es gehen könnte. Biathleten könnten wie schon im Sommer auf Skiroller umsteigen, bei den Alpinen müsste sich der ganze Kalender nach hinten verschieben. Nur wenn sich der Wintersport neu erfindet, ist seine Zukunft gesichert.

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