Klimaschutz-Studie: Interessenskonflikte bremsen den Fortschritt in Österreich

Karmasin Research und das IHS haben in einer gemeinsamen Studie untersucht, wer in Österreich Klimaschutz aktiv angeht und wo Maßnahmen eingebremst werden. Das Fazit: Unternehmen sehen Klimaschutz sogar als Chance, besonders in Interessenvertretungen gibt es aber Bremser.

Klimaschutz-Studie: Interessenskonflikte bremsen den Fortschritt in Österreich

Sophie Karmasin hat gemeinsam mit dem IHS identifiziert, wer Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels verschleppt und bremst.

Wer sind in Österreich die treibenden Kräfte, wer die Bremser, wenn es darum geht, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen, zu planen und umzusetzen?

Meinungsforscherin Sophie Karmasin, ehemals parteilose Familienministerin, damals auf dem Ticket der ÖVP, hat mit ihrem Forschungsinstitut Karmasin Research gemeinsam mit dem Institut für Höhere Studien (IHS) im Rahmen einer Studie eine „Klimawandel-Landkarte“ für Österreich erstellt, um diese Fragen zu beantworten.

Unternehmen und Konsumenten sind den Erkenntnissen der Studie zufolge durchaus aufgeschlossen, sich den Herausforderungen des Klimawandels zu stellen und auch entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, sagt Karmasin. Seitens der Unternehmen habe das in erster Linie nichts mit Fördergeldern zu tun, sondern vielmehr damit, dass sich Unternehmen der der Herausforderung stellen wollen, gleichzeitig aber auch neue Chancen wahrzunehmen möchten.

"Unternehmen haben auch auch verstanden, dass sie mit dem Umbau sehr viel Geld sparen können. Etwa durch E-Mobility mit der Umstellung der Autoflotte auf Elektro-Fahrzeuge, Stromsparen oder durch Müllvermeidung", so Karmasin.

Zudem steigt für börsennotierte Unternehmen auch seitens der Shareholder der Druck, sich der Herausforderung zu stellen und entsprechende Maßnahmen, die letztlich eine Klimaneutralität zum Ziel haben, zu setzen.

In der Hand von Lobbyisten und Politik

Für die Studie wurden 89 Experten aus der Wissenschaft (24 Prozent), Unternehmen (21 Prozent), Behörden (17 Prozent) und öffentlichen Einrichtungen (16 Prozent) befragt. Dabei wurden Themen wie Machtpositionen, Interesse am Umstieg auf erneuerbare Energien und ihre Einstellung zum Umstieg auf den öffentlichen Verkehr erhoben. Die Auswertung zeigt, dass Interventionen von Lobbyisten und Interessensvertretungen und der in vielen Lagern fehlende politische Wille sowie die falsche Einschätzung des Ernsts der Lage sind die Hauptursachen dafür sind, dass Klimaschutz in Österreich weit hinter den Zielvorgaben liegt, zu denen sich Österreich verpflichtet hat

Es fehle auch nicht an entsprechenden Forschungsaktivitäten oder finanziellen Mitteln für Klimaschutz-Aktivitäten. "Man darf nicht so tun, als würde es in Österreich nichts geben. Das Geld spielt eine untergeordnete Rolle", so Karmasin. "Die Unternehmen zeigen mehr Interesse als ihre Interessensvertreter, die vorgeben, es müssten die Unternehmen geschützt werden", richtet Karmasin eine Spitze gegen Wirtschaftskammer & Co.

Eine Mär sei es dass Österreich technologisch oder bei den Forschungsaktivitäten hinterherhinke oder dass es im Land zu wenig Unternehmen gäbe, die sich dem Thema widmen. "Wir haben Unternehmen, die sich dabei sogar als Weltmarktführer behaupten. Die heimische Industrie hat wesentlich mehr zu Maßnahmen gegen den Klimawandel zu bieten, als von politischen Parteien oder von Verbänden erzählt wird", betont Karmasin.

Auch die oft geschürte Behauptung, eine Neuorientierung der Wirtschaft zugunsten des Klimaschutzes würde massive Arbeitsplatzverluste bringen, wird durch die Studie und den Expertenaussagen nicht widerlegt. „Es wird viel polarisiert, was zu einer starken Lagerbildung geführt hat. Und vieles passiert dabei auf Basis eines ideologischen Austauschs, teil rückwärtsgewandt", so die Meinungsforscherin. Der politischen Diskussion fehle es an "Sachlichkeit und der Lösungsorientierung".

Umflutet von Katastrophen

Zudem kritisierte Karmasin das Bashing auf Umweltorganisationen und andere NGOs, die sich mit dem Thema Klimawandel intensiv auseinandersetzen. „Die Hochwasserkatastrophen in Österreich und Deutschland oder etwa die Waldbrände in Italien sind klare Auswüchse. Der Klimawandel ist bereits da, es muss jetzt schon gehandelt werden, die Politik hätte schon gestern handeln müssen“, kritisiert Karmasin.

THEMENFELD ÖFFENTLICHER VERKEHR

Bei der Frage für oder gegen einen Umstieg auf Öffentliche Verkehrsmittel hat sich die FPÖ klar auf die Seite der heimischen Auto-Lobby gestellt, die gegen entsprechende Schritte entsprechend opponiert und sie infrage stellt. Die ÖVP und ihre zentralen Ministerien - Finanz und Wirtschaft - sowie das Bundeskanzleramt wurden in der IHS/Karmasin-Studie als mächtigste Zweifler identifiziert. Die SPÖ, die NEOS, die Arbeiterkammer, Gemeinden und Konsumenten sieht die Studie im neutralen Mittelfeld. Aktiv vorangetrieben wird das Thema hauptsächlich vom Klimaschutzministerium, der ÖBB, Nahverkehrsanbietern und den GRÜNEN. Das Umweltbundesamt, Naturschutzverbände, Universitäten und andere Forschungseinrichtungen sowie die Energieagentur sind ebenfalls an der Förderung des Öffentlichen Verkehrs interessiert, allerdings in weniger einflussreichen Positionen. FÜR EINE VERGRÖSSERTE DARSTELLUNG BITTE AUF DIE GRAFIK KLICKEN.

Die Politik sei daher gefordert. "Die Erweiterung des politischen Werkzeugkastens sei notwendig", so Karmasin. Dabei fehle es nicht an "Geboten oder Verboten". Vielmehr geht es darum zu überzeugen und vor allem eine "entideologisierte Diskussion" zu führen.

Die Lösungsorientierung gegen die Lagerbildung

Klimapolitische Themen werden in Österreich noch immer stark polarisiert diskutiert. Karmasin schlägt daher auch einen "Schulterschluss" von Bürgern, Gemeinden, Länder, NGOs sowie Ministerien vor, um einen kollektiven Diskurs und Verhaltensänderungen anzustoßen.

Bevor konstruktiv gearbeitet werden könne, müssen jedoch Wertekonflikte ausgeräumt und ein Weg zum Dialog gefunden werden: „Wir müssen auf neutralen Boden kommen und eine gemeinsame Gesprächsbasis finden“, betont auch Katharina Gangl, Sprecherin für Verhaltensöknomie am IHS. „Nur ein Dialog, der Emotionen weitgehend ausklammert und sich auf Fakten stützt, ist fruchtbar und zielführend.“

Gefordert wäre dabei Kommunikation und Überzeugungsarbeit unter Mitwirkung unabhängiger Institutionen. "Es bräuchte einen Prozess, der eine Sachdiskussion auslöst, die wissenschaftlich begleitet wird - aus einem neutralen Bereich. Dann fällt die Lagerbildung weg", betont Karmasin.

THEMENFELD ERNEUERBARE ENERGIEN

Interessierte am Umstieg auf Erneuerbare Energien und Bremser: Mineralölfirmen und der Verband der Ölwirtschaft gehören zu den mächtigen Bremsern, die FPÖ will ebenfalls am Status Quo festhalten. Finanzministerium, Bundeskanzleramt und generell die ÖVP zweifeln, SPÖ, NEOS, Gemeinden und viele Bürgerinitaitiven sehen das Thema neutral. Ihnen stehen Interessierte mit wenig Macht wie Branchenvertretungen der Erneuerbaren Energie, Energieagentur oder Wissenschaft- und Forschungseinrichtungen sowie in der aktuellen Regierungskonstellation als mächtige Befürworter das Klimaschutzministerium von Leonore Gewessler, die GRÜNEN sowie die Betreiber von Solar-, Wind- und Wasserkraftwerken gegenüber. FÜR EINE VERGRÖSSERTE DARSTELLUNG BITTE AUF DIE GRAFIK KLICKEN.

Vorsicht Zeigefinger

Beispielhaft nennt die Meinungsforscherin auch die spielerische Herangehensweise. "Jeder Einzelne hat die Möglichkeit in seinem eigenen Kosmos etwas zu ändern", appelliert sie an die Eigenverantwortung.

"Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger!", warnt Karmasin allerdings. Sie spricht sich für die Schaffung eines kollektiven Bewusstseins durch niederschwellige Maßnahmen aus, die etwa auch schon früher bei der Mülltrennung oder der Bedeutung des Kaufs regionaler Lebensmittel gegriffen haben. Über Kindergärten und Volksschulen könnten etwa Kinder und Eltern 'Kochen ohne Fleisch' oder 'Kochen mit regionalen Lebensmitteln' gemeinsam lernen.

Wichtig sei auch eine spielerische Annäherung an den Klimawandel, etwa mit Apps, aber auch dem realen Ausprobieren von neuen Mobilitätsformen.

Als wichtige „Moderatoren“, die das Umdenken in der Klimadebatte vorantreiben können, nehmen die Experten die Medien, die wissenschaftlichen Einrichtungen und die Politik, insbesondere auf Landesebene, in die Pflicht. „Die Klimakrise kann nur ganzheitlich unter Einbezug aller Beteiligten angegangen werden. Unsere Studie liefert Erkenntnisse darüber, welche die relevanten Akteure und Akteurinnen für Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind und macht aus objektiver Perspektive die wichtigsten nächsten Schritte sichtbar“, betonen die Autoren.

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