Klicken, picken, schicken: Die andere Seite des Online-Handels

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Um fünf Millionen Euro hat Billa das Ex-Zielpunkt- Zentrallager in Wien Liesing umgebaut. Onlinebestellungen aus halb Wien sollen in Zukunft von hier aus abgepackt und versendet werden.

Bei Billa online einzukaufen, ist noch relativ einfach. Aber nichts ist logistisch schwieriger, als die Lebensmittel dann auch frisch zu liefern.

Die schöne neue Welt des Onlineshoppings sieht hinter der Fassade manchmal reichlich trist aus. Wie sich etwa auch am neuen Abwicklungszentrum für den Onlineshop zeigt, das Österreichs größter Supermarktbetreiber Billa Mitte Juni in Wien Liesing in Betrieb genommen hat.

Im Unterschied zu den schmucken gelb-roten Outlets an den Kreisverkehren des Landes herrscht dort, wo die Knochenarbeit passiert, nachdem die Bestellbuttons geklickt wurden, digitale Nüchternheit. Funktionalität, die übrigbleibt, wenn man alles wegnimmt, was einen Supermarkt in der Kundenwahrnehmung ausmacht: schicke Dekoration, Aufmerksamkeit heischende Werbeschilder, fröhlich geschlichtete Obst-und Gemüsekörbe, heimelige Beleuchtung am Brotregal und Kostproben an der Wursttheke.

Natürlich, so ein Logistikzentrum ist auch nichts für die Öffentlichkeit. Hier muss im Hintergrund eine der größten Herausforderungen des E-Commerce bewältigt werden: der Versand von Lebensmitteln, die "Königsdisziplin", wie es Billa-Vorstand Josef Siess formuliert. Und da gilt bei den Spannen im Lebenshandel im Allgemeinen und im Onlinebusiness im Besonderen nur die möglichst effiziente Abwicklung. Schuhe kann jeder, Tiefkühlpizzen nur wenige.

Picker im Stress

Und so dominieren nackte Betonwände und graue Stahlgitterregale mit breiten Laufwegen, damit die Sammelwagen der "Picker" durch können. Das sind die Mitarbeiter, die die Aufträge aus dem Onlineshop im Eilschritt abarbeiten. In der Hand haben sie ein kleines Gerät, eine Mischung aus Pistolenscanner und Handy, das ihnen den Weg durch das über 7.200 Quadratmeter große Lagerlabyrinth weist.

Die Software errechnet nicht nur die Startzeit für die Backöfen der Brotabteilung, sondern auch die optimale Route für die Mitarbeiter - nach dem Handelskollektivvertrag angestellt, nicht nach dem der Logistik wie bei Amazon. Die fertig befüllten Papiertragtaschen werden in Kunststoffboxen gesammelt und auf nummerierten Abstellflächen für die Transporter deponiert. Fünfmal pro Tag dreht die Billa-Flotte (ein outgesourcter Logistikdienstleister) ihre Runden.

Das Billa Online-Logistikzentrum in Wien-Liesing (Außenaufnahme).

Der Backshop: Hier wird Brot und Gebäck fertig gestellt.

Die größte Herausforderung für Billa ist die Frischware, also Fleisch, Wurstwaren, Molkereiprodukte, Obst und Gemüse. Es geht um sechs verschiedene Temperaturzonen, die vom Lager bis zum Kunden getrennt organisiert werden müssen. Damit tiefgekühlte Produkte auch als solche an der Haustüre ankommen, hat man ein eigenes Kühlsystem mit Trockeneis entwickelt, das in Hohlkammern der Styroporboxen für den nötigen Coolnessfaktor sorgt. Keine ungefährliche Sache - und keine einfache, die Auslieferung funktioniert derzeit nur mit fünftägiger Vorbestellungsfrist.

Niedriges Niveau

Fünf Millionen Euro hat sich Rewe den Umbau des ehemaligen Zielpunkt-Zentrallagers (noch früher: Konsum) kosten lassen. Immerhin 160 Prozent Online-Umsatzwachstum verzeichnete Billa 2016 - freilich noch auf sehr niedrigem Niveau von rund 30 Millionen Euro. Das entspricht etwa fünf herkömmlichen Filialen. Heuer sollen noch einmal 50 Prozent dazukommen.

Auch hier in Inzersdorf zeigt sich: Über Lebensmittelkauf im Internet wird zwar viel geredet, der echte Hit ist er noch nicht. Das Zentrum ist erst zu zehn Prozent ausgelastet. Es ist mit Ware und Maschinen einer Billa-Filiale bestückt. Zwei Wurstschneidemaschinen in einer Auslieferungshalle, beinahe leere Kühlvitrinen für die Wurst und Fleischwaren, schütter gefüllte Regalkilometer.



8.000 Produkte gibt es hier, es könnten und sollten einmal doppelt so viele werden: Da ist ein Prozess erst ganz am Beginn seiner Entwicklung. Aber die steigende Anzahl an Onlinebestellungen beginnt, bei der bisher üblichen Abwicklung der Auslieferung aus extra dafür zuständigen Schwerpunktfilialen zu stören. Zwei dieser Hotspots wurden durch das neue Logistikzentrum entlastet, nach und nach sollen weitere dazukommen.

Ist das neue Fulfillmentcenter einmal voll in Betrieb, kann Billa damit die Hälfte der Onlinebestellungen in Wien abdecken. Schon jetzt denkt man über ein zweites Zentrum nach.

Durch die optimierte Erfassung und zentrale Kommissionierung der Webbestellungen lassen sich die Zeitfenster für die Zustellung von drei auf zwei Stunden verkürzen, ein gutes Verkaufsargument, das noch einmal für Nachfrage im Billa-Onlineshop sorgen wird. Dennoch: Im Rest von Österreich wird die Abwicklung noch länger durch örtliche Filialen übernommen

Aber so gering der Anteil des Onlineumsatzes am gesamten Umsatz Billas noch ist: Der Supermarktriese hat damit die offene Flanke gegenüber dem Onlineriesen Amazon zugemacht, der in Deutschland mit den ersten Versuchen in Lebensmittellogistik (AmazonFresh) gestartet ist - und in den USA gleich einen echten Lebensmittelhändler (Whole Foods) übernommen hat.

Zumindest Billa kann diese Kampfansage an die Branche nicht mehr erschüttern. Man ist gerüstet.


Der Artikel ist ursprünglich in der trend-Ausgabe Nr. 26/2017 vom 30. Juni 2017 erschienen.

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