Kein Weihnachtsfrieden: Einzelhandel vor Massensterben

Kein Weihnachtsfrieden: Einzelhandel vor Massensterben

Amazon-Distributionscenter: 57 Prozent der Österreicher kaufen mit der Maus. Viele landen dabei bei Amazon.

Der Einzelhandel stagniert, der Online-Handel boomt. Josef Sanktjohanser, Präsident des deutschen Handelsverbands HDE, warnt vor einem Massensterben der Läden. Das Internet drohe die klassischen Geschäfte weitgehend zu verdrängen.

Weihnachten steht vor der Tür, in den Einkaufsstraßen der Städte drängen sich die Menschen, um Geschenke zu kaufen. Für den Einzelhandel klingeln die Kassen süßer als zu jeder anderen Zeit. Rund 1,5 Milliarden Euro setzte der Handel 2013 allein mit dem Weihnachtsgeschäft um, und die Prognosen für 2014 lasen ein ähnliches Ergebnis erwarten.

In die zimtsüße Vorweihnachtsstimmung mischt sich jedoch auch Unbehagen. Der traditionelle Handel sieht seine Felle langsam davonschwimmen. Josef Sanktjohanser, der Präsident des deutschen Einzelhandelsverbands HDE, spricht sogar offen von einem bevorstehenden Massensterben der klassischen Geschäfte. Bis 2020, meint er, könnten als Folge der zunehmenden Konkurrenz im Internet in Deutschland rund 50.000 Geschäfte für immer verschwinden. "Aufgrund des demografischen Wandels kaufen immer weniger Menschen im Laden ein", erklärt er.

Umgelegt auf Österreich würde Sanktjohansers Prognose bedeuten, dass in den nächsten fünf Jahren etwa 5000 Geschäfte die Rollläden für immer herunterlassen. Dass sich der Handel auch in Österreich zusehends ins Internet verlagert lässt sich an den nackten Fakten ablesen. Die Zahl der Online-Shops hat sich von 2006 bis 2013 von 3.200 Online-Shops auf über 7.500 mehr als verdoppelt. Der Bruttojahresumsatz im heimischen Internethandel macht mittlerweiele 2,9 Milliarden Euro aus, rund 30 Prozent mehr als noch 2010. Und während im stationären Einzelhandel in den letzten Jahren bloß noch zwei Prozent Wachstum drin waren, legten die Umsätze im Online-Handel gleichzeitig um durchschnittlich 23 Prozent pro Jahr zu.

Geschäfte verschwinden

In Österreich scheint der Handel kaum mehr Luft zu haben als in Deutschland. Laut einer Strukturanalyse des KMU Forschung Austria ging die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent zurück, das entspricht einem Minus rund 800 Geschäften. Allein von 2006 bis 2013 verschwanden rund 6.000 Ladengeschäfte, die Zahl der Online-Shops stieg im gleichen Zeitraum um 4.300. "Der Trend der vergangenen Dekade wird anhalten", sagt Ernst Gittenberger von der KMU Forschung Austria. Doch es gäbe eine unterschiedliche Entwicklung: "Kleine Einstandortunternehmen scheiden eher aus, die Filialisten hingegen expandieren."

Produkte wie Bücher, Elektronikgeräte oder Software verkaufen sich mittlerweile online besser als im Laden, doch Gittenberger weist darauf hin, dass in Österreich immer noch ein Großteil des Umsatzes vom stationären Handel umgesetzt wird. Bislang entfallen nur 4,5 Prozent des gesamten Einzelhandelsvolumens (2013: 54,4 Milliarden Euro) auf das Online-Geschäft.

Der Handelsverband Österreich gibt sich optimistisch. Noch. "Der Markt ist zwar extrem im Umbruch, aber wir gehen nicht davon aus, dass es zu einer Kannibalisierung des Einzelhandels kommen wird", erklärt eine Handelsverband-Sprecherin gegenüber FORMAT.at. Die Zukunft sieht man im Multichanneling, also einer Verzahnung von Ladengeschäft und Online-Shop: Die Ladenfläche wird reduziert, einen Teil der Waren bietet man nur online an, statt alles zu bevorraten. "Es gibt eine große Käuferschicht, die sowohl im Laden als auch im Internet einkaufen. Nur wenige wollen nur eines davon", heißt es beim Handelsverband.

Online mit viel Potential

Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft 2014 hat auch Libro eine dem Trend entsprechende Initiative gestartet. Kunden können Wunschzettel online ausfüllen, die Einkäufe kommen per Post frei Haus. Zwar spricht Libro von einem "crossmedialen Konzent", bei dem auch die normalen Filialen eingebunden sind, die Frage ist dabei allerdings, wozu man beim Online-Shopping noch eine Filiale benötigt.

Dass Geschäfte verschwinden und Verkaufsflächen reduziert werden wird auch aus der Einschätzung des österreichischen Handelsverband deutlich. Ebenso, dass das eigentliche Potenzial im Online-Handel schlummert. Derzeit betreiben zwar schon 70 Prozent der Einzelhändler eine eigene Website, aber nur 19 Prozent bieten dort auch ihre Produkte zum Verkauf an. Das Geschäft überlassen sie damit den Konkurrenten, die nur einen Mausklick entfernt sind. Siehe auch die Studie zum Internet-Einzelhandel 2014.

Das Potenzial wird gesehen, allerdings weiß KMU-Forscher Gittenberger, dass es vielen Händlern ist es zu mühsam ist, einen Online-Shop einzurichten. Die mangelnde Zeit und die hohen Kosten sind die am häufigsten genannten Argumente gegen Online-Shops. Gittenberger: "Manche Händler haben auch einfach kein Interesse an einem Online-Shop."

Wirtschaft

Harald Mahrer wird Nationalbank-Präsident

Wirtschaft

Nachfolger gesucht - ein Weg zum Unternehmertum

Flughafen Wien

Wirtschaft

Standortentwicklung: Scharfe Kritik an geplantem Gesetz