Kakao: Wie Bauern für das "braune Gold" schuften müssen

Weihnachtszeit ist Schokoladenzeit. Ohne den Rohstoff Kakao gibt es jedoch keine Schokolade. Die Bedingungen, unter denen die Kakaobauern leben und die kostbare Frucht ernten, sind prekär. Zwar setzen immer mehr heimische Schokoladenhersteller auf fair produzierten Kakao, doch der Marktanteil ist mit rund 5 Prozent immer noch sehr gering. Ein Lokalaugenschein in der Côte d’Ivoire.

Kakao: Wie Bauern für das "braune Gold" schuften müssen
Kakao: Wie Bauern für das "braune Gold" schuften müssen

"Braunes Gold": Kakaobohnen beim Trocknen in der Elfenbeinküste. Im Land werden rund 40 Prozent des weltweiten Kakaos angebaut.

Abidjan. Welche Kakaobohnen später einmal zu Schokolade verarbeitet werden, entscheidet Aya-Sophie. Die 45-jährige Kakaobäuerin lebt in Tiemokokro, einem kleinen Dorf in der Elfenbeinküste, umgeben von sattgrünem Regenwald. Ende November ist Erntezeit, es herrschen schwül-heiße 30 Grad. Vor ihr liegt das „braune Gold“ in der Sonne: Tausende Kakaobohnen, die zum Trocknen auf ein Gestell aus zusammengeflochtenem Bambus ausgebreitet sind.

Doch nicht alle Bohnen werden irgendwann zu einem Schokoriegel oder einer Praline veredelt. Aya-Sophie wendet sie, entfernt Schmutz und sortiert die Bohnen heraus, die verdorben sind. Drei Tage liegen die Bohnen bereits in der Sonne, weitere vier Tage müssen sie trocknen. Das Sonnenbad ist für die Qualität der Bohnen entscheidend: Sie müssen später den richtigen Grad an Feuchtigkeit haben.

Mühsame Handarbeit

Kleine Bohnen mit großer Wirkung: Fast jeder vierte Einwohner der Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste), rund sechs Millionen Menschen, lebt vom Kakaoanbau. Kakao ist der wichtigste Rohstoff für Schokolade, und die Elfenbeinküste ist der größte Produzent: Rund 40 Prozent des weltweit angebauten Kakaos kommen aus dem westafrikanischen Land, das fast viermal so groß ist wie Österreich. Doch viele Bauern leben weit unter der Armutsgrenze, viele müssen mit einem halben Dollar pro Tag auskommen. Wenig Geld für die Ernte einer Frucht, die mühsame Handarbeit ist.

Aya-Sophie und andere Dorfbewohner beim Trocknen der Kakaobohnen.

Klimawandel beeinflusst Kakaoernte

Weniger Geld als sonst wird Simon Kouakou heuer mit seinem Kakao verdienen. "Die heurige Ernte war keine tolle Ernte, aber hat zum Leben gereicht", sagt der 37-jährige Kakaobauer. Er gibt dem Klimawandel die Schuld, denn er hat den Ertrag in den Regionen verändert: "Der Regen kommt zum falschen Zeitpunkt." Wie viel er verdient hängt somit stark vom Regen und der Temperatur ab. Bei einer guten Ernte mit viel Regen verdient er zwischen ein und zwei Millionen CFA-Francs, umgerechnet zwischen 1.500 und 3.000 Euro, für die ganze Saison. "Heuer werden es wohl weniger als eine Millionen CFA-Francs sein", sagt er. Sein Kakaofeld ist 2,5 Hektar groß, bisher hat er 700 Kilogramm geerntet. Doch obendrein sind viele seiner Bäume schon zu alt, sie haben weniger Ertrag. Zwölf Jahre hat ein Kakaobaum gute Erträge, danach trägt er immer weniger der begehrten Früchte. Manche Bäume in der Region sind sogar bis zu 50 Jahre alt.

Fahrräder gelten als Luxus

Das Alter der Bäume ist das eine Problem. Hinzu kommt, dass es in den Dörfern meist keinen Strom und kein fließendes Wasser gibt. Die Straßen, auf denen man sie erreicht, sind oft in schlechtem Zustand und bei längerem Regen unpassierbar. Überdies ist die medizinische Versorgung in den abgelegenen Dörfern nur eingeschränkt möglich. Auch in Tiemokokro, in dem die meisten Menschen in Lehmhütten wohnen, gibt es keine Elektrizität. Fahrräder gelten bereits als Luxus. Um ihre Handyakkus aufzuladen, wurden die Dorfbewohner erfinderisch: Über Solarpanele auf dem Dach und eine Autobatterie werden die Telefone mit Strom versorgt.

15 Hektar mit Kakaobäumen, eine Fläche von etwa 21 Fußballfeldern, besitzen Aya-Sophie und ihr Mann. Wie rund 700 andere Bauern in der Region sind sie Mitglieder der Kooperative CANN (Coopérative Agricole Nzrama de N'douci). Sie liegt in N'Douci, einer Stadt rund 120 Kilometer nordwestlich der Wirtschaftsmetropole Abidjan. Zusammen bewirtschaften die Bauern rund 3.000 Hektar.

Seit fünf Jahren ist der Zusammenschluss Fairtrade-zertifiziert. CANN verkauft die Kakaobohnen also nur an Händler weiter, die sich ebenfalls Fairtrade auf die Fahne geschrieben haben. Pro Tonne Kakao bekommt die Kooperative 200 Dollar extra von Fairtrade. Ob Ausrüstung für die Kakaoernte, Schuluniformen für die Kinder oder eine neue Pumpe für den Dorfbrunnen: Die Kakaobauern profitieren von den Extra-Geldern, die sie durch die Fairtrade-Zertifizierung bekommen. Auch Aya-Sophie und ihrem Mann kommt das Geld zugute: "Mit der Prämie konnte sich mein Mann neue Stiefel und eine neue Machete kaufen", sagt sie.

In Tiemokokro konnte mit Fairtrade-Geldern auch eine Schule renoviert werden. Der Schulbesuch ist für die Kinder gratis und Schulbücher zahlt der Staat. Nicht umsonst sind hingegen die Schuluniformen, für die die Eltern aufkommen müssen. Für viele Kakaobauern ist selbst das zu teuer.

Fairtrade-Gelder helfen aber nicht nur, die Arbeit der Bauern zu erleichtern. Sondern auch, Kinderarbeit zu bekämpfen. Hunderttausende Kinder in der Elfenbeinküste müssen ihren Eltern bei der Bewirtschaftung der Kakao-Plantagen helfen und oft schwere Arbeiten verrichten, wie etwa Kakaosäcke schleppen. Die Nichtregierungsorganisation "Fraternité Sans Limites" (FSL) geht davon aus, dass 72 Prozent der ivorischen Kinder bereits einmal in ihrem Leben gearbeitet haben.

Zwar wurden staatliche Strafen verschärft und auf Fairtrade-zertifizierten Kooperativen ist Kinderarbeit ohnehin verboten. Doch in den entlegenen Dörfern ist Kinderarbeit nur schwer zu kontrollieren. Wer in den Dörfern die Kakaobauern nach Kinderarbeit fragt, bekommt meist eine Antwort: Nein, Kinder arbeiten bei uns nicht. Auch Aya-Sophie weiß nichts davon: "Wenn meine Kinder groß und stark werden, dann dürfen sie mir helfen."

Staatlich festgelegter Kakaopreis

Seit 2012 ist in der Elfenbeinküste ein staatlicher Mindestpreis für Kakao vorgeschrieben. Für die laufende Ernte, die bis Ende März dauert, bekommen die Bauern rund 1.500 Euro pro Tonne Kakao, im vergangenen Jahr lag er noch bei rund 1.200 Euro. Zwar wird Kritik an dem Zustandekommen des Preises geübt und der Vorgang ist wenig transparent, doch die Bauern können sich auf einen fixen Preis verlassen und sie sind weniger abhängig von den Schwankungen auf dem Weltmarkt.

2.500 Tonnen produziert die Kooperative im Jahr, 80 Prozent davon kann sie derzeit zu Fairtrade-Konditionen verkaufen. Das ist viel, denn im Schnitt können Fairtrade-Bauern nur rund 30 bis 40 Prozent als Fairtrade-Kakao verkaufen. Pro Jahr kann die Kooperative rund 400.000 Dollar an Fairtrade-Prämien an die Bauern verteilen.

Kakao-Ernte in Bildern: Vom Setzling bis zur getrockneten Bohne

Aus Kakaobohnen wachsen die Setzlinge der Sorte "Mercedes" heraus. Sie tragen den Namen der deutschen Automarke, weil die Bäume viel schneller wachsen und mehr Ertrag haben. Die Pflänzchen sind zwei Wochen alt, nach sechs Monaten werden sie eingepflanzt.

60.000 Pflänzchen wachsen in der Aufzucht der Kooperative CANN heran. Pro Hektar sollen sie bis zu 1,5 Tonnen Ertrag bringen.

Käufer des Kakaos ist Cargill, neben Barry Callebaut und ADM einer der größten Kakaoverarbeiter weltweit. Cargill zahlt den Bauern zusätzlich zum staatlichen Mindestpreis 88 CFA-Franc, rund 14 Cent Pro Kilo Kakao. Der US-amerikanische Konzern verkauft den Kakao wiederum an den Schweizer Nahrungsmittelmulti Nestle, der daraus in Großbritannien den Schokoriegel Kitkat herstellt.

Allerdings würde die Kooperative noch mehr an ihrem Kakao verdienen, wenn sie den Rohstoff selbst exportieren könnte. Doch die Lizenz ist teuer, sie kostet 40.000 Euro. "Im Moment können wir den Kakao selbst nicht exportieren", sagt Kounadio Aka, Vorsitzender der Kooperative. Ein Teil der Fairtrade-Prämien wird jedoch speziell für diesen Zweck gespart.

Umdenken bei den Schokoladenherstellern

Nicht nur die großen Konzerne denken um, auch immer mehr österreichische Schokoladenhersteller wechseln auf fairen Kakao. Neben dem Pionier Zotter, der bereits seit zehn Jahren das Fairtrade-Siegel auf seinen Schokoladen hat, setzen etwa auch Heidi Chocolat bei den Niemetz Schwedenbomben und die Confiserie Heindl auf das Fairtrade-Kakao-Programm. Im Unterschied zum Fairtrade-Siegel wird bei diesem Programm nur der Kakao fair gehandelt, nicht die restlichen Zutaten.

"Wir haben gesehen, unter welchen Umständen die Menschen dort leben", sagt Andreas Heindl, Geschäftsführer der Confiserie Heindl in Wien. "Uns war es sehr wichtig, dass die Bauern weiterarbeiten, damit wir weiterhin Kakao von ihnen bekommen." Ein Großteil seines Kakaos bezieht Heindl aus der Elfenbeinküste, im Herbst 2014 wurde das gesamte Sortiment auf fair gehandelten Kakao umgestellt. Für die Kakaobohnen zahlt Heindl eine Lizengebühr von 33 Cent pro Kilo, im Jahr rund 72.000 Euro. 12.000 Schoko-Nikolos und 4.000 Krampusse produziert Heindl heuer. Das Weihnachtsgeschäft, das zu Halloween beginnt, macht rund 40 Prozent des Jahresumsatzes aus.

Der Marktanteil von fair gehandeltem Kakao ist hierzulande mit etwa fünf Prozent allerdings immer noch sehr gering. An der Schokolade selbst verdienen die Bauern nur noch rund sechs Prozent - zum Vergleich: 1980 betrug dieser Anteil noch 16 Prozent. Der Rest geht an Zwischenhändler, Verarbeiter und den Einzelhandel.

Bis aus den getrockneten Kakaobohnen in Tiemokokro Schokolade wird, legen sie noch einen weiten Weg zurück. Die Kakaobauern füllen sie in Säcke zu 50 bis 60 Kilogramm und transportieren sie zur Zentrale der Kooperative nach N'Douci. Dort wird ihr Feuchtigkeitsgehalt geprüft und sie werden gewogen. Anschließend geht es weiter an die Küste nach Abidjan, einem Drehkreuz des internationalen Kakaohandels, wo die Kakaosäcke verschifft werden und sie ihre Reise nach Europa, in die USA und Asien antreten - auch die Säcke mit den Bohnen, die Aya-Sophie in Tiemokokro gewendet hat.

Abidjan hat den zweitgrößten Hafen Afrikas und ist wichtiges Kakao-Drehkreuz. In der heurigen Ernte wurden laut International Cocoa Organisation (ICCO) bereits 280.000 Tonnen Kakao umgeschlagen.

Michael Ludwig

Lockdown: Wien setzt auf Öffnung in kleinen Schritten

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig geht in seiner Corona-Politik weiter …

Klimaneutraler Stahl: Voestalpine gibt den Takt vor

Die voestalpine hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutralen Stahl …

Berhard Weinhofer, CEO Creditreform

KMU-Befragung: Optimismus macht sich beit

Unter den heimischen Klein- und Mittelbetrieben macht sich trotz der …

WKÖ-Vizepräsidentin Martha Schultz

WKO-Vizepräsidentin: "Lockdown wie versprochen beenden"

Martha Schultz, Vizepräsidentin der Bundeswirtschaftskammer, appelliert …