Immer mehr Langzeitarbeitslose

Immer mehr Langzeitarbeitslose

Hartes Los: Ist der Antrag auf Arbeitslosengeld einmal unterschrieben, wird die Jobsuche zum Spießrutenlauf.

In Österreich ist die Zahl der Arbeitslosen im Juni gegenüber dem Vormonat Mai zwar leicht gesunken. Von Entwarnung kann jedoch nicht die Rede sein. Im Jahresvergleich beläuft sich der Zuwachs der Menschen ohne Arbeit auf 7,7 Prozent. Die Zahl der Schulungsteilnehmer ist deutlich gesunken. Positives gibt es vom Lehrstellenmarkt. Wien verzeichnet miut einem Plus von 23 Prozent den höchsten Anstieg bei der Arbeitslosigkeit aller Bundesländer.

Die Zahl der Arbeitslosen hat im Juni im Vergleich zum gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,7 Prozent auf 381.898 Personen (inklusive Schulungen) zugenommen. Die Zahl der Schulungsteilnehmer ist um 16 Prozent gesunken, 61.723 Personen nahmen an einer Ausbildung teil.

Gegenüber dem Monat Mai ist die Zahl rückläufig: Ende Mai wurden noch 395.518 Arbeitslose gemeldet. Die Arbeitslosenquote stieg im Jahresvergleich um 0,9 Prozent auf 8,3 (Eurostat-Berechnung: 6) Prozent. Im Mai waren noch 8,6 Prozent der arbeitsfähigen Personen ohne Arbeit.

Und dennoch kann alles andere als von einer Erholung des Arbeitsmarkts gesprochen werden, trotz steigender Beschäftigung und positiver Wirtschaftsdaten. Zwar wurde laut Wirtschaftsbericht 2015 heute die sieben Jahre andauernde Rezession aus Sicht der Politik für so gut wie beendet erklärt. Wirtschaftsforscher sprechen trotz Erholung der Wirtschaft von einer Pause im Erfolgslauf Österreichs".

Vier Problemgruppen

Eine dramatische Zuspitzung gibt es bei Langzeitarbeitslosen: Im Jahresvergleich beträgt die Zunahme 182 Prozent auf 32.720 Arbeitslose. Massiv zugenommen hat auch die Zahl der arbeitslosen Ausländer: Die Zahl der Arbeitssuchenden stieg hier um 26 Prozent auf 87.613 Personen. Ebenso zur Problemgruppe zählen arbeitslose Menschen ab dem 50. Lebensjahr. Diese Gruppe verzeichnet einen Zuwachs von 16 Prozent auf 85.648 Menschen ohne Arbeit. Genauso hoch ist der Zuwachs bei Menschen mit Behinderung: plus 16 Prozent auf 11.548 Arbeitslosen.

Die Zahl der Jobsuchenden ist um um 27.259 Menschen gestiegen. Der Zuwachs der gemeldeten offenen Stellen beläuft sich nur auf 878 neu angebotene Arbeitsplätzen, was einem plus von um 3 Prozent auf 29.865 Stellen entspricht.

Die Entwicklung am Lehstellenmarkt zeigt hingegen in eine positive Richtung: hier verzeichnete das Sozialministerium einen Rückgang von 23 Prozent auf 4909 Suchende.

Die Zahl der offenen Stellen blieb mit 2.684 stabil. Bei den Schulungsteilnehmern gab es einen Rückgang von 16 Prozent auf 61.726. Das AMS hat etwas weniger Mittel zur Verfügung als zuvor, das hat sich auch auf die Zahl der Schulungen negativ ausgewirkt und zu Protesten der Mitarbeiter der Weiterbildungseinrichtungen geführt.

Die Verdrängung

AMS-Chef Johannes Kopf hatte in der Vergangenheit mehrfach darauf hingewiesen, dass schlecht ausgebildete, in Österreich lebende Ausländer durch gut ausgebildeten Zuzug teilweise verdrängt werden.

Nach Bundesländern betrachtet schnitt Wien mit einem Plus von 23 Prozent auf 122.007 Arbeitslose am schlechtesten ab, dahinter folgen Oberösterreich mit einer Zunahme von 12 und Niederösterreich mit einem Plus von 11 Prozent. In Wien gab es auch den stärksten Rückgang an Schulungen (minus 24 Prozent)

In absoluten Zahlen stellt sich die Arbeitslosigkeit in Österreich wie folgt dar: Innerhalb eines Jahres hat die Zahl der Suchenden um 27.259 Menschen zugenommen. Alleine im Handel ist die Zahl derer, die keine Arbeit fanden, um 4757 Personen gestiegen, im Tourismus waren es 3982. Dem steht ein Zuwachs der gemeldeten offenen Stellen von 878 gegenüber - über alle Branchen hinweg. Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) hielt heute zu den Zahlen fest: "Die Arbeitsmarktpolitik stößt an ihre Grenzen." Da sei eine "gesamtwirtschaftliche Unterstützung notwendig".

Am 6. Mai hatten sich Hundstorfer und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) angesichts der stetig steigenden Arbeitslosenzahlen und des Rückfalls Österreichs im internationalen Vergleich auf einen Arbeitsmarktgipfel verständigt. Ein Termin dafür ist bis dato nicht bekannt. Im Mai ist Österreich im OECD-Vergleich innerhalb der EU bei den Arbeitslosenzahlen auf den sechsten Platz zurückgefallen. Bei der Jugendarbeitslosigkeit liegt Österreich mittlerweile nur noch auf dem drittbesten Platz - dabei war das Land noch vor gar nicht allzu langer Zeit europäischer Musterschüler.

Deutschland hat gestern, Dienstag, die geringste Arbeitslosenzahl seit dem Jahr 1991 präsentiert. 2,711 Mio. Deutsche waren auf Jobsuche - in Österreich mit rund einem Zehntel der Einwohner waren es 381.898.

Alarm von der Arbeiterkammer

Für die Arbeiterkammer (AK) läuten alle Alarmglocken. "Den Worten müssen nun Taten folgen. Die Regierung muss die Ärmel hochkrempeln und Beschäftigungsinitiativen dringend anpacken", so AK-Präsident Rudi Kaske. Er verlangt "Investitionen in soziale Dienstleistungen, Wohnbau und Infrastruktur, neue Formen der Arbeitszeitverkürzung und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen". Unterstützung bekommt er vom Pensionistenverband. "Diese Negativ-Spirale muss gestoppt werden. Dafür muss aber die Wirtschaft endlich ihrer Pflicht nachkommen. Dafür brauchen wir das Bonus-Malus-System", so Generalsekretär Andreas Wohlmuth.

Davon hält wiederum die Industriellenvereinigung (IV) nichts. "Das österreichische Arbeitszeitrecht ist unübersichtlich und sehr restriktiv. Die Rahmenbedingungen entsprechen vielfach nicht den Notwendigkeiten einer modernen, global vernetzten Arbeitswelt", so Generalsekretär Christoph Neumayer. Ein "wesentlicher Hebel" sei auch die Senkung des Beitrags zum Familienlastenausgleichsfonds.

FPÖ-Sozialsprecher Herbert Kickl vermisst wiederum einen Termin für den angekündigten Jobgipfel. "Seit knapp zwei Monaten verhöhnen SPÖ und ÖVP die von Arbeitslosigkeit Betroffenen samt ihren Familien", so Kickl. Er sieht darin ein Zeichen für die Brüchigkeit der SPÖ-ÖVP-Regierungskoalition. NEOS-Sozialsprecher Gerald Loacker vermutet, dass Hundstorfer den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit aufgegeben hat.

Dem hält Hundstorfer entgegen: "Die Zahl der gemeldeten Stellen entwickelt sich wieder in eine positive Richtung. Ende Juni liegt der Bestand an gemeldeten offenen Stellen mit 29.865 um 878 bzw. drei Prozent über dem Vorjahreswert."

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