Jugend an die Macht - Essay von Helmut A. Gansterer

Es genügt nicht, die Post-Corona-Wirtschaft irgendwie zu sanieren. Das schaffen unsere glänzenden Unternehmer sowieso. Wir müssen auch die vernünftigen Erwartungen der Jugend stemmen. Erst dann wird alles zukunftssicher sein.

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

"Ich wünsche niemandem so sehr einen fröhlichen Ruhestand wie den alten Sesselklebern."
Adam Bronstein

Dieser Tage entdeckte ich einen Podcast der hoch verehrten Herren Eckel, Sarsam und Niavarani. Er trägt den Titel "Alles außer Corona". Wenn ich mich richtig erinnere, lernte ich darin mehr über Corona als irgendwo sonst. Ich rechnete dies zu den Publikumsverarschungen, die unsere genialen Kabarettisten für das Heil ihrer frivolen Seele brauchen. Es könnte aber auch sein, dass man am Thema Corona nicht vorbeikommt, ob man will oder nicht.

Bis zuletzt durfte man es auch nicht streichen. Die Leser, Seher, Hörer und Zuschauer nahmen andere Themen nur unwillig zur Kenntnis.

Einem Wirtschaftsmagazin wie trend steht es gut zu Gesicht, nun langsam den Blickwinkel zu ändern. Zumindest in den Essays wird es angebracht sein, den Schwerpunkt nicht mehr auf die seelischen, körperlichen, psychosomatischen und ökonomischen Schäden zu legen, die uns Corona beschert hat.

Man wird den Falkenschnabel wieder scharf nach vorn richten. Im Mittelpunkt sollen jetzt unsere Möglichkeiten stehen, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Nun, da selbst das Aufzüngeln diverser Virusmutanten weitere harte Lockdowns unwahrscheinlich, weil kaum durchsetzbar macht, gibt es eine Hoffnung, den Prozess einer bürgerlichen und staatlichen Verarmung zu stoppen. Um schließlich von einer neuen Startlinie weg wieder Vollgas zu geben.

Das Ziel muss sein, die halbleeren Geldschränke wieder zu füllen. Allerdings mit verträglicheren Nebengeräuschen als in der Zeit vor Corona. Falls dies gelingt, wird man noch in Jahrzehnten von einer glänzend bewältigten Zäsur der österreichischen Volkswirtschaft sprechen.

Die Rückkehr zu einem "Wohlstand für die größte Zahl" wird von erfreulichen Neuerungen begleitet sein. Das bisher übliche primitive Mengenwachstum wird einem qualitativen Wachstum weichen. Die alte Parole "Immer mehr von immer Billigerem" wird nach und nach von der neuen Parole "Immer weniger von immer Besserem" ersetzt werden.

Die Klugen unter den noch glücklich-finanzkräftigen Bürgern werden darin als Pioniere vorangehen. Zumal dies auf mittlere Sicht auch egoistische Vorteile bringen wird. Zum klügsten Erbe unserer Aristokraten zählt der Spruch "Wer billig kauft, kauft doppelt und teuer".

Im Übrigen wird ein Wechsel zu qualitativem Wachstum dem Staat keineswegs schaden. Denn dem maßgeblichen Bruttonationalprodukt ist es Powidl, ob viel Schund produziert und gekauft wird oder weniger vom Guten und Teuren.

Ein neues, die Erde schonendes Konsumverhalten wird unserem Höhenflug aus dem Jammertal der Seuchenjahre einen Heiligenschein aufsetzen. Vieles spricht dafür, dass es gelingt. Man wird den Trend zur regionalen Nahversorgung beschleunigt fortsetzen. Ein neues Verständnis für die Verpackungsmüllproblematik (weg vom Kunststoff, hin zu Verrottbarem) könnte fünf Minuten vor zwölf die schicksalsmächtigen Weltmeere retten, die als Ursuppe der Menschheit keine weiteren Vergiftungen ertragen.

Nicht zuletzt werden deutsche Großfabrikanten nicht mehr jedes Scharnierl wegen ein paar Cent Preisersparnis in entlegenen Ländern kaufen. Sie werden aufgrund der jüngsten Ferntransport-Katastrophen über jeden österreichischen Zulieferer, sofern sie noch einen finden, vor Glück schluchzen. Und Österreichs Zulieferer werden nicht dumm-hoffärtig reagieren. Da sie wie die Bayern römisch-katholische Kerzerlschlucker sind, werden sie ihre neuen, deutschen Geschäftsfreunde wie bekehrte Sünder willkommen heißen.

All diese übergeordneten Faktoren werden detailreich in vielen großen trend-Storys beschrieben werden. Hier, in diesem Essay, gilt die Konzentration aber dem innersten Faktor unserer Leistungsgesellschaft, der Energie des Einzelnen.

Mein kleiner, feiner, ein halbes Dutzend Glühbirnen umfassender Thinktank, dem ich die Hälfte aller Essay-Ideen verdanke, feierte ein Wiedersehen.

Man war nun lange Zeit auf vernünftiger sozialer Distanz geblieben. Umso glücklicher unlängst die Wiedervereinigung im idealen Biotop eines Gasthausgartens, ein jeder zweifach geimpft, die Fantasie befeuert von Frischluft-Tabakkultur und dem gesündesten Konsumprodukt Wein.

Aus dem Kreis des Thinktanks stieg gleich eine erste Anregung auf. Sie lautete: "Der neue Falkenblick nach vorn ist im Prinzip richtig. Aber erst, wenn man vorher ein Wochenende lang die eigene Vergangenheit studiert und ins Archiv gestellt hat. Dann kann man mit festem Stand auf die Gegenwart blicken und in die Weiten einer starken Zukunft."

Alle stimmten zu. Als Thinktank-Boss und Wichtigmacher meldete ich mich zu Wort für eine Geschichte über den Kobra-Jäger Jack, der sich als Philosoph entpuppte. Ich hatte sie selbst erlebt. Sie würde unsere Debatte befruchten, allerdings ein kleiner Umweg zum Essay-Thema sein. Doch beim Brainstorming, im Gegensatz zu Morgenkonferenzen, ist eine Überflutung nicht unerwünscht, da sie oft unerwartete Goldnuggets im Ufersand freilegt. Demgemäß bestellten die Freunde vorsorglich eine neue Runde vom Ur-Vitamin Wein. Man entzündete Zigarren und Zigaretten, lehnte sich behaglich zurück und lauschte meiner Erinnerung.


Unsere vornehmste Pflicht wird darin liegen, die brillantesten Jungen viel schneller als bisher auf die hohen Rösser zu heben.

Ich hielt mich in Botswana auf, nahe der Hauptstadt Gabarone, im Camp einer österreichischen Expedition, die das Okavango-Delta studierte. Ich hatte passende Literatur bei mir, darunter eine Abhandlung von Rudyard Kipling über die Dschungelgesetze. Dort las ich den musikalischen Satz: "Nur ein Elefant weiß, was es heißt, Elefant zu sein."

"Ich weiß das aber auch", dachte ich trotzig. Aufgrund einer abartigen Veranlagung fühlte ich mich schon in Indien den Elefanten enger verbunden als den heimtückischen Schimpansen, die uns, wie man sagt, einst verwandt waren. Fast ohne Furcht gelang mir in stockfinsterer Nacht ein Gang vom Zelt zur gemauerten, schummrig beleuchteten Toilette. Zwar wusste ich, dass Elefanten zugegen waren, und hatte auch das ungemütliche Gefühl einer Gravität großer Massen um mich, doch war ich nicht verwundert, dass ich unbeschadet ins Zelt zurückkam.

Jack gab dann meinen Instinkten Recht. Die Elefanten hätten mehr Scheu vor uns als wir vor ihnen. Er hatte sich mir genähert, als ich in der Morgendämmerung das flache Streiflicht für die fotografische Bilderjagd nützte. Er selbst war von einer anderen Jagd gekommen. Auf einer nahen Flussinsel war er mit Taschenlampen hinter Kobras her gewesen. Über Zweck und Verwertung der Beute hielt er sich bedeckt.

Vielleicht war Jack zusätzlich ein folkloristischer Unterhalter fürs Expeditions-Team. Wobei "Expedition" ein Euphemismus war für die geführte, risikolose Beschau exotischer Natur. Später, wieder daheim, sprachen wir freilich viel von Todesangst, Härte und Entbehrung. Wir sammelten aber nur wenige Gutpunkte, obwohl wir im Schnitt nur fünf Kilo zugenommen hatten.


Wir müssen den Einzelnen als das Wichtigste begreifen.

Bei einem Häferl meines lauwarmen Nescafés wandelte sich Jack unerwartet zum Philosophen: "Ich lebe zwar nicht mehr mit den Menschen. Ich habe sie schrecklicher erlebt als jedes Tier. Dennoch sind die Besten von ihnen die Krone der Schöpfung." Als er locker Namen wie Alexander, Aristoteles, Kopernikus, Galilei, Rousseau, Gutenberg, Shakespeare, Goethe und Zola aus dem Kobrajägerärmel schüttelte, wachelte ich mit den Ohren wie ein junger Elefant.

Seine wichtigste Naturlehre, die heute perfekt zum Essay-Thema passt, lautete: "Wir müssen den Einzelnen als das Wichtigste begreifen. Die Summe der Einzelqualitäten macht den Wert eines Volks aus. Sie ist wichtiger als alle Institutionen und Anführer, wichtiger als Politiker, Kardinäle und auch Topmanager, die kommen und gehen, während das Volk bleibt."

Zurück in die Gegenwart des Thinktanks. "Wow", sagte einer der Freunde, "eine gute Erzählung, und für Österreich verheißungsvoll. Denn verglichen mit anderen EU-Ländern konnten wir uns in kritischen Nachkriegszeiten eigentlich immer auf eine geheimnisvoll kluge, schweigende Mehrheit verlassen."

Zweite und letzte Stimme aus der Denker-Runde: "Ich sehe noch einen Vorteil für uns. Wir haben ja den Ehrgeiz, den schwierigen Wiederaufbau nach Corona nicht nur irgendwie hinzukriegen, sondern mit Einschluss aller Jugenderwartungen wie Naturnähe, Nachhaltigkeit, Klimakrisenkampf und einer fröhlichen Bildungsoffensive. Unsere vornehmste Pflicht als Meinungsbildner wird darin liegen, die brillantesten Jungen viel schneller als bisher auf die hohen Rösser zu heben."

Den klugen trend-Leserinnen und schönen trend-Lesern entbiete ich den vertrauten Abschiedsgruß: be good, next time, same station.



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