Jeremy Rifkin: "Fossile Industrien werden wertlos"

Jeremy Rifkin: "Fossile Industrien werden wertlos"

Der Ökonom und Aktivist JEREMY RIFKIN fordert einen globalen "Green New Deal", um die Wirtschaft umzustellen. Die Tage der fossilen Industrien seien gezählt. Dafür sollen Millionen neuer Jobs entstehen.

trend: Junge Vertreter der Demokratischen Partei haben in den USA einen "Green New Deal" vorgeschlagen. Ihr Programm, die Wirtschaft grün zu gestalten und gleichzeitig Arbeitsplätze und sozialen Ausgleich zu schaffen, hat gerade einmal 14 Seiten. War das der Grund, warum Sie gleich ein ganzes Buch zum Thema vorlegten?
Jeremy Rifkin: Nein, Schuld daran ist meine Frau. Ich arbeitete schon fünf Jahre lang an einem Buch über das Zeitalter der Resilienz, in dem wir uns befinden, denn das Zeitalter des Fortschritts halte ich für vorbei. Dann kamen die Demokraten mit ihrem "Green New Deal", und dann forderte auch die US-Bürgermeisterkonferenz einen solchen ein. Da sagte meine Frau: Schreib dazu ein Buch. Ich hatte ja schon einmal eines dazu gemacht. Der "Green New Deal" hat eine lange Geschichte, die übrigens Anfang des neuen Jahrtausends in Europa begann.

Wo nun Ursula von der Leyen, die neue Präsidentin der EU-Kommission, das Thema zur Priorität macht. Wie glaubwürdig ist das, nachdem offenbar lange zu wenig geschah?
Rifkin: Die EU-Kommission sagt zu Recht, dass die größte Transformation der europäischen Wirtschaft bevorstehe. Und Europas Jugend ist heute auf den Straßen, um das einzufordern. Es hat sich einiges bewegt. Vor allem aber am Markt.

Inwiefern am Markt?
Rifkin: Auf Lebensdauer gerechnet sind Wind- und Solarenergie nun günstiger als alle anderen Energieformen. Ihre Kosten haben sich binnen kürzester Zeit massiv reduziert, und das gilt auch ohne Subventionen. Selbst Erdgas ist nun teurer, das lange als "grünere" Übergangsenergie galt, jetzt aber zunehmend überflüssig wird. Denn Solar-und Windenergie werden noch billiger werden. Das heißt: Große Teile der Assets der Fossilindustrie sind nichts mehr wert, sie werden früher oder später abgeschrieben werden. Die Citigroup schätzt, dass es hier um 100 Billionen US-Dollar "gestrandeter Vermögenswerte" geht, die Intelligence Unit des "Economist" rechnet mit 40 Billionen Dollar.

Die Veränderung kommt also ganz von selbst?
Rifkin: Sie ist jedenfalls schon im Gang. Das Erstaunliche ist, dass große Teile der Wirtschaft nicht verstanden haben, dass diese Entwicklung eine gewaltige Disruption bedeutet, weil sich nicht einfach nur die Energiequelle ändert. Es entsteht ein Internet der Energie, wo jede Familie selbst Strom erzeugen und ihn in das Netz einspeisen kann. Das ist die nächste industrielle Revolution, und Unternehmen müssen komplett umdenken.

Macht das etwa die deutsche Energiewirtschaft, die Sie auch beraten?
Rifkin: Die großen vier in Deutschland - EnBW, RWE, E.On und Vattenfall - produzieren gerade einmal fünf Prozent des grünen Stroms in Deutschland, den Rest übernehmen andere Anbieter, viele davon lokale Genossenschaften und öffentliche Unternehmen. Das Umdenken setzt ein, aber reichlich spät. Die Konzerne haben hunderte Milliarden Euro an Wert verloren. Jetzt geht es zum Beispiel darum, in Zukunft neue Dienstleistungen anzubieten, weil Energie deutlich anders, viel dezentraler erzeugt wird als heute. Aber das ist längst nicht alles.


Der Übergang zur grünen Wirtschaft muss gelingen, solange die fossile noch nicht abgeschrieben ist. Sonst gibt es ein gefährliches Vakuum.

Sondern?
Rifkin: Wir müssen verstehen, dass wir es hier mit einer wirklichen Revolution zu tun haben. Der Marktanteil eines Unternehmens spielt keine Rolle mehr, wenn das große, schnelle Wachstum in anderen Sektoren stattfindet. Sobald die Herausforderer eindeutig schneller zulegen, denken die Investoren um. Wind- und Solarenergie machen weltweit momentan nur rund 7,5 Prozent des erzeugten Stroms aus, aber das Wachstum ist massiv. 2023 wird dieser Anteil Schätzungen zufolge schon 14 Prozent ausmachen. Und bei den Elektroautos ist es ganz ähnlich: Noch macht ihr Anteil bei Neuzulassungen jährlich weltweit nur rund 2,5 Prozent aus, aber schon 2028 wird er bei 20 Prozent stehen. Das wird der Punkt sein, an dem sich das Fossile nicht mehr rechnet. Es ist kein Wunder, dass nun auch Daimler und VW wirklich gewaltige Investitionen in Elektrofahrzeuge ankündigten. VW stellt ab 2026 die Entwicklung am Verbrennungsmotor ein.

Jetzt geht's wirklich so schnell? Laut den Prognosen vor zehn Jahren wären wir heute schon deutlich "elektrischer".
Rifkin: Der Durchbruch gelang, als Batterien für Elektrofahrzeuge endlich billiger wurden, ihr Preis ist in den vergangenen Jahren um 75 Prozent gefallen. Elektroautos sollten ab 2023 preislich mit Verbrennern mithalten können - und zwar ohne Subventionen. Der Markt drängt alles Fossile hinaus. Es wird sich nicht mehr rechnen. Ich arbeite mit vielen der größten Unternehmen der Welt, mit "Fortune 500"-Firmen, und sie alle wissen, dass dieser Kollaps des Wirtschaftssystems kommt. Die Gefahr ist nun, dass wir den Übergang zur grünen Wirtschaft nicht schnell genug hinbekommen, weil uns die Infrastruktur fehlt und somit die Möglichkeit, gute Ideen zu skalieren. Wenn das passiert, stecken wir in einem wirtschaftlichen Vakuum fest. Das ist gefährlich.

Und deshalb brauchen wir einen "Green New Deal", also ein Programm, um die Infrastruktur voranzutreiben, Menschen und Industrien umzuschulen, Innovationen zu fördern?
Rifkin: Wir haben in der Geschichte gesehen, dass jede wirtschaftliche Revolution, von der Dampfmaschine bis zum Auto, eine vollkommen andere Infrastruktur braucht. Wir sehen, dass sich drei große Sektoren bereits von der zweiten industriellen Revolution entkoppeln. Durch die Digitalisierung haben wir gänzlich neue Formen der Kommunikation entwickelt. Jetzt ändert sich der Energiesektor und parallel dazu durch Automatisierung, Big Data und Elektroautos die Mobilität. Das erfordert eine völlig neue Infrastruktur, von mit Sensoren ausgestatteten Straßen und Häusern bis hin zu smarten Netzen, die große Regionen verbinden.


Große Pensionsfonds suchen nach Möglichkeiten, in grüne Projekte zu investieren. Das Geld dafür ist da.

Die es noch nicht gibt?
Rifkin: Die große Frage ist, wie Regierungen es schaffen, wirklich große Infrastrukturprojekte auf die Beine zu stellen. Bisher ist es ja so, dass regional wahnsinnig viel passiert, unzählige Städte und Regionen haben sogenannte Pilotprojekte gestartet. Manche haben ihre Busflotte elektrifiziert, andere ihre Häuser gedämmt. Aber es gibt keine Skalierung dieser Projekte. Sie sind klein, und das macht sie für Investoren uninteressant. Dabei gäbe es genug Geld dafür.

Es gäbe genug Geld?
Rifkin: Dass der Markt sich bewegt, liegt auch an den großen Pensionsfonds. Sie haben in den vergangenen Jahren elf Billionen US-Dollar aus Investments in fossilen Sektoren abgezogen, weil ihnen die Verlustrisiken zu hoch wurden. Sie suchen nach Investitionsmöglichkeiten, aber es fehlen Möglichkeiten in einer gewissen Größenordnung. Sie wollen auch raus aus dem massiv überbewerteten Aktienmarkt, sie wollen geringere Erträge, diese dafür aber verlässlich.

Wie werden grüne Projekte groß genug?
Rifkin: In der EU wird die Kommission für einheitliche Standards und Regulierungen sorgen müssen. Sie sind die Voraussetzung, dass europaweite Infrastrukturprojekte entstehen. Die EU und die Nationalstaaten müssen auch die richtigen Anreize für grüne Investitionen setzen, zu denen ich auch eine CO2-Steuer zähle. Sie kann neben anderen Quellen - aus dem fossilen Bereich umgelenkte Investitionen, weniger Militärausgaben - auch einen Teil des "Green New Deals" finanzieren. Die konkreten Pläne müssen aber die Regionen machen. Sie sind es, die traditionell für Infrastruktur zuständig sind. Sie werden grüne Banken brauchen und Green Bonds auflegen, um die Projekte zu finanzieren. Die Pensionsfonds werden diese Green Bonds kaufen.

Das klingt einfach. Ist es aber nicht, oder?
Rifkin: Der Klimawandel ist real, wir alle spüren ihn und seine Folgen. Die Vereinten Nationen sagen, wir haben zwölf Jahre, um den Temperaturanstieg zumindest zu begrenzen. Aber all das erfordert ein gewaltiges Umdenken, auch darin, Infrastruktur nicht mehr als etwas zu sehen, das man zentral planen und ausrollen kann,sondern das regional entsteht und smart zusammengeführt werden muss. Theoretisch kann jedes Elektroauto den Strom seiner Batterie auch wieder in ein smartes Netz einspeisen, wenn es ihn gerade nicht braucht, um nur ein Beispiel zu nennen. Es geht um verteilende Plattformen. Ich gehe davon aus, dass auch die Shared Economy sich nochmals ändern wird.

Inwiefern?
Rifkin: Die erste Generation von Internetunternehmen hatte die Tendenz, wie Facebook und Amazon Monopole zu bilden. In der Shared Economy ist es ähnlich. Aber es wird noch einfacher werden, Dinge gemeinsam zu nutzen. Wir werden lernen, dass solche Netzwerke nur dann wirklich effizient ist, wenn es eben keinen Monopolisten wie etwa Uber gibt, sondern wirklich viele Anbieter jederzeit ihre Leistungen bereitstellen. Die nächste Generation an Unternehmen wird smarter, viel kollaborativer und transparenter agieren. Das gilt übrigens auch für Regierungen. Wo aber überall jederzeit alles verfügbar ist, ändert das den Markt. Das sind keine klassischen Transaktionen mehr, sie verlaufen sehr viel schneller als bisher.

Über neue Technologien wie Blockchain zum Beispiel?
Rifkin: Ja, aber es muss allen klar sein, dass das auf eine neue Form von Kapitalismus hinausläuft, in dem Grenzkostenerträge keine große Rolle mehr spielen, weil sie gegen null tendieren. Die Preise werden durch die digitalen Technologien so weit fallen, bis Produkte fast keinen Gewinn mehr bringen. Daraus kann eine Art kollaborativer Kapitalismus entstehen. Statt um Eigentum wird es dann um Zugang gehen, wie wir es jetzt schon von Streamingdiensten kennen, statt um Käufer und Verkäufer um Provider und Nutzer, statt um das BIP um einen Index der Lebensqualität.

Und darin gibt es unzählige Geschäftsmöglichkeiten und Arbeitsplätze, wie Sie in Ihrem Buch darlegen?
Rifkin: Ja, wobei Millionen Arbeitsplätze zunächst allein durch die Umstellung der Infrastruktur entstehen und neue Fähigkeiten gefragt sein werden. Es gibt unzählige Möglichkeiten, in so dezentralen Systemen Geld zu verdienen, allerdings eben anders als bisher. Wir arbeiten gerade mit Siemens, E.On, Daimler und vielen anderen Unternehmen daran, wie sie etwa mit smarten Dienstleistungen Geld verdienen können. Es gibt die Businessmodelle bereits, aber die Wirtschaftsunis kennen sie offenbar noch nicht, und viele Managerkurse beschäftigen sich auch noch damit, gemeinsam am Strand oder im Wald die Natur zu erfahren und Teamwork zu erlernen. Das ist Blödsinn.

Sie beraten auch China. Wie sieht es dort mit dem "Green New Deal" aus?
Rifkin: China handelt extrem schnell. Es ist gerade dabei, seine Regionalnetze mit einem landesweiten Supernetz zu verbinden, um grünen Strom weit transportieren zu können. Deutschland geht das endlich auch an. Dass dort nun auch der Ausstieg aus der Kohle feststeht und mit sozialen Maßnahmen unterstützt wird, ist ein großer, wichtiger Schritt, selbst wenn das neue deutsche Klimapaket bescheiden ausgefallen ist. Europa und China führen die Wende klar an, es ist fraglich, ob die USA das aufholen können, auch wenn es in Kalifornien und Texas starke Initiativen gibt. Wir haben die Technologien, um Klimaziele zu erreichen, wir haben theoretisch auch das Geld, und Unternehmen haben die Geschäftsmodelle. Jetzt müssen wir Region für Region handeln. Denn für eine globale Lösung fehlt die Zeit.


Zur Person

Jeremy Rifkin hat mit zahlreichen Büchern und Veröffentlichungen öffentliche Debatten angestoßen. Er berät Regierungen, Regionen und Unternehmen wie Siemens, E.On und Daimler.


Buchtipp

  • Autor: Jeremy Rifkin
  • Verlag: Campus, 319 Seiten, 27,70 €

Das Interview ist der trend-Ausgabe 41/2019 vom 11. Oktober 2019 entnommen.


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