In Japan will die Sonne einfach nicht aufgehen

In Japan will die Sonne einfach nicht aufgehen

Ähnlich wie der Schweizer Franken gilt auch der japanische Yen als sicherer Hafen in wirtschaftlich turbulenten Zeiten - und so wie SNB versucht auch die Bank of Japan, die eigene Währung mit Zinsen und Anleihenkäufen abzuwerten. Das soll die Exporte und somit die Wirtschaft ankurbeln. Doch Japan zudem ein demographisches Problem.

Wer sich durch Filme wie den Anime "Akira", den US-Streifen "Lost in Translation" oder Doris Dörries "Erleuchtung garantiert" ein Bild von Japan gemacht hat und das Land im Jahr 2016 besucht, der wird bei im Land der aufgehenden Sonne enttäuscht. Die in der Popkultur des auslaufenden 20. Jahrhunderts zelebrierte Schrillheit mit punten Leuchtreklamen und lauter Musik wird nur noch in einzelnen Ecken Tokios gelebt, in weiten Teilen besticht das Land durch Sauberkeit, Ordnung und Ruhe. Tief in der Seele der Japaner liegen noch die "Ushinawareta Nijūnen" - die "zwei verlorenen Dekaden" der japanischen Wirtschaft, die auf das Platzen der Blasenökonomie Anfang der 1990er Jahre folgten und durch externe Effekte wie die Asienkrise, die Dotcom-Blase und die Weltwirtschaftskrise in die Länge gezogen wurden.

Premierminister Shinzo Abe und die japanische Notenbank (BoJ) sind bemüht, die Wirtschaft nun wieder vor allem durch aggressive Geldpolitik anzutreiben. Dazu gehört etwa, die Aufwertung des japanischen Yen zu verhindern, der ebenso wie der Schweizer Franken für Investoren als "sicherer Hafen" gilt und in jüngster Vergangenheit wieder stark nachgefragt wurde - Stichwort: Brexit. Ähnlich wie die Schweierische Nationalbank (SNB) gegen den starken Schweizer Franken kämpft, so entwertet auch die BoJ den japanischen Yen durch Negativzinsen und Anleihenkäufe.

Strafzins für Japans Banken

Am Mittwoch verkündete die BoJ nach einer zweitägigen Sitzung, bei ihrer ultralockeren Geldpolitik vorerst auf eine Verschärfung des Strafzinses zu verzichten - derzeit müssen Finanzinstitute auf ihre laufenden Konten bei der Zentralbank weiterhin eine Gebühr von 0,1 Prozent zahlen. Für ihr massives Anleihenkaufprogramm setzt die Notenbank ein langfristiges Zinsziel. Zudem kehrte sie dazu zurück, die Inflationsrate möglichst schnell wieder auf zwei Prozent zu bringen.

Es gebe noch Spielraum die Zinsen tiefer in den Minus-Bereich zu drücken, teilte die Zentralbank mit. "Die BoJ wird anstreben die Realzinsen durch die Kontrolle der kurz- und langfristigen Zinsen zu drücken." Dies sei Kern des neuen Rahmenplans. Mit den neuen Vorhaben sei die Geldpolitik nun noch flexibler und nachhaltiger, sagte Notenbankchef Haruhiko Kuroda.

Was sagen die westlichen Analysten zu dieser Ankündigung? "Die japanische Notenbank schlägt mit dem heutigen Tag ein neues Kapital auf", sagt Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank aus Liechtenstein. Ziel sei ist es nicht mehr, soviel Wertpapiere wie möglich zu kaufen, sondern die Zinsen bis in den langlaufenden Bereich ins Visier zu nehmen. "10-jährige japanische Staatstitel sollen nach Möglichkeit eine Rendite im Bereich von 0 Prozent ausweisen." Die Zentralbanker wollten damit künftig die "Steilheit der Renditekurve" steuern. "Je deutlicher die Zinsen im langlaufenden Bereich über den kurzen Zinsen liegen, desto besser für die Banken", sagt Gitzel.

Exporte brechen weiter ein

Der starke Yen ist unter anderem der Grund dafür, dass Japans Exporte im August stärker eingebrochen sind als von Analysten prognostiziert worden war: Den am Mittwoch vom Finanzministerium vorgelegten Daten zufolge betrug das Minus 9,6 Prozent, Volkswirte hatten lediglich mit 4,8 Prozent gerechnet. Für Japan ist dies der elfte monatliche Rückgang in Folge.

Angesichts der jüngsten Zahlen steht in Frage, ob Japan im laufenden Quartal beim Wirtschaftswachstum an Tempo zulegen kann. Die Ausfuhren nach China, den größten Handelspartner Japans, sanken im August um 8,9 Prozent. Die Exporte in die USA sanken um 14,5 Prozent, die in die Europäische Union um 0,7 Prozent.

Verlorene Jugend

Mit einem BIP von 4,123 Billionen Dollar im Jahr 2015 (Quelle: Weltbank) ist Japans Wirtschaft zwar größer als jene von Deutschland - diese kam 2015 nur auf 3,356 Billionen Dollar. Heruntergebrochen auf die Einwohnerzahl ist Japan jedoch deutlich schwächer als andere Nationen: So kam Japan laut Analyse der Economist Intelligence Unit 2015 auf ein BIP pro Kopf von 32.594 Dollar - zum Vergleich: Die Deutschen erwirtschafteten 2014 47.785 Dollar pro Einwohner, jeder Österreicher steuerte 2015 im Schnitt 43.798 Dollar zum BIP bei.

Hintergrund dieser Zahlen ist auch ein Problem, das Abe und seine Notenbank mit noch so aggressiver Geldpolitik nicht bekämpfen können: Die Überalterung der japanischen Gesellschaft. Mit einem Durchschnittsalter von 45,9 Jahren ist Japan nach Berechnungen der Economist Intelligence Unit das zweitälteste Land der Welt, nach dem Pensionistenparadies Monaco (Durchschnittsalter: 50,5 Jahre). Eine alternde Gesellschaft bedeutet weniger leistungsfähige Arbeitskräfte und folglich weniger Wirtschaftswachstum - jedoch auch etliche Chancen für jene, die fähig und willig zum Erbringen von Leistung sind: Japans Arbeitslosenquote lag im Juli 2016 bei 3,0 Prozent, dem niedrigsten Stand seit Mai 1995. Dies kommt nach hiesigen Standards einer Vollbeschäftigung gleich - ein Umfeld, um das so mancher arbeitsloser jugendlicher Europäer die strebsamen Japaner beneiden dürfte.

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