Jan Maršálek - Der meistgesuchte Österreicher der Welt

Er ist seit dem Zusammenbruch von Wirecard untergetaucht: der Wiener JAN MARŠÁLEK. Aber was stimmt an seinen Angaben überhaupt? Neue Details zum Phantom, nach dem nun international gefahndet wird.

Jan Maršálek - Der meistgesuchte Österreicher der Welt

SMART UND UNDURCHSICHTIG. Der Mann, dessen Schattenreich bei Wirecard nun kollabierte: Jan Maršálek, 40.

Wer bei Ex-Wirecard-CEO Markus Braun in der Vergangenheit wegen Interviews anfragte, musste in der Regel Monate warten, bis überhaupt eine Antwort kam. Als es der trend im Dezember 2018 endlich in die Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München "geschafft" hatte, drehte sich rund die Hälfte des Gesprächs mit dem visionsverliebten Österreicher um die Bedingungen, unter denen das Gespräch zu führen sei.

Fragen über seine ebenfalls aus Österreich kommenden Vorstandskollegen Jan Maršálek und Susanne Steidl blieben unbeantwortet. Am liebsten, so der Eindruck, hätten die Manager des Payment-Konzerns überhaupt nicht mit der Öffentlichkeit kommuniziert, wenn nicht der Aufstieg in den deutschen Aktienleitindex DAX im September 2018 gewisse Transparenzpflichten mit sich gebracht hätte.

Seit dem Zusammenbruch von Wirecard im Juni erklärt sich diese Mischung aus Misstrauen und Einsilbigkeit. Ebenso verschwunden wie 1,9 Milliarden Euro, die in der Bilanz aufschienen, ist der Vorstand fürs operative Geschäft, Maršálek. Während Braun, 50, sich stellte und gegen eine Fünf-Millionen-Euro-Kaution freikam, ist der um zehn Jahre jüngere COO untergetaucht und hat sich mit der erfolgreichen Platzierung falscher Fährten zunächst Luft verschafft. Er gilt inzwischen als Architekt der mutmaßlich kriminellen Machenschaften bei dem Zahlungsabwickler.

Offiziell für das operative Wirecard-Geschäft zuständiger Vorstand, hat er wohl eine Art Schattenreich mit Partnerfirmen, vor allem im asiatischen Raum, dirigiert -und verband das zusehends mit Aktivitäten, die nicht einmal mehr am Rande mit den Geschäften des Konzerns zu tun hatten. Inzwischen werden fast täglich neue Details über den Mann mit dem Kurzhaarschnitt enthüllt, etwa über Treffen mit FPÖ-Politikern, Geheimdienstkontakte oder seine abenteuerlichen Pläne, eine 15.000-Mann-Miliz in Libyen zu installieren.

Der trend hat neue Fakten über das Wirecard-Phantom recherchiert. Dabei geht es im Grunde um folgende sechs Kernfragen:

1. Warum verließ Maršálek Österreich?

In München brüstete sich Maršálek, Jahrgang 1980, gegenüber seinen Co-Österreichern häufig, dass er sich durch den Wegzug nach Deutschland Ende der 90er-Jahre dem österreichischen Wehrdienst entziehen habe wollen. Das stimmt nach trend-Informationen, jedenfalls hat Maršálek trotz Tauglichkeit nie seinen Dienst an der Waffe geleistet. Dieser Umstand ist umso pikanter, als er 2017 laut Medienberichten mit dem österreichischen Verteidigungsministerium über ein "Aufbauprojekt" in Libyen verhandelte.

2. War Maršálek wirklich ein russischer Spion?

Laut Leuten, die mit ihm viel beruflich zu tun hatten, prahlte er regelmäßig mit seinen Kontakten nach Russland. Dabei nannte er auch explizit "die russischen Netzwerke von Sarközy", gemeint war der französische Ex-Staatspräsident Nicolas Sarközy. Maršálek soll sehr gut Französisch sprechen, er hat nach eigenen Angaben das französische Gymnasium in Wien besucht, aber keine Matura. Für diese Information gab es vorerst keine Bestätigung des dafür in Frage kommenden Lycée de Vienne.

Erste Kontakte ins "Schattenreich" knüpfte er wohl in München, als er für Wirecard, bei der er noch vor Braun andockte, bald die schmuddeligen Geschäfte mit Partnerfirmen steuerte. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2001 waren einzig die Kunden und Betreiber von Glücksspiel-und Pornoseiten an Onlinezahlungen interessiert. Maršálek wurde später auch fürs Asien-Geschäft zuständig.

Wann hingegen seine Russland-Kontakte begannen und welcher Art sein Verhältnis zum russischen Geheimdienst GRU war und ist, konnte bisher nicht präzisiert werden. Die "Presse" berichtete, dass Wirecard seit 2011 die Österreichisch-Russische Freundschaftsgesellschaft, eine klassische Drehscheibe zur bilateralen Geschäftsanbahnung, mit 10.000 bis 20.000 Euro sponserte, in der sowohl Braun als auch Maršálek Ehrensenatoren waren. Die Wirecard-Russland-Niederlassung wurde erst 2018 gegründet.

3. Wie viel Geld hat Maršálek für sich beiseite geschafft?

Vermutet wird ein dreistelliger Millionenbetrag, wobei die exakten Geldkreisläufe erst jetzt von den Münchner Ermittlern rekonstruiert werden. Als Wirecard-Vorstand hat Maršálek zuletzt 2,7 Millionen Euro pro Jahr verdient. Anders als Braun besaß er jedoch kaum Aktien des eigenen Unternehmens, nur im Februar 2019 kaufte er vergleichsweise mickrige 1.000 Stück um damals 110.000 Euro.

Lieber investierte er anderswo: Er hatte 2018 keine Mühe, sieben Millionen Dollar für einen virtuellen Börsengang (ICO, Initial Coin Offering) des Messenger-Dienstes Telegram lockerzumachen -Seite an Seite mit dem russischen Oligarchen und FC-Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch. Das geht jedenfalls aus kürzlich auf Internetportalen der Krypto-Community aufgetauchten Dokumenten hervor.

4. Hat Maršálek auch CEO Markus Braun getäuscht?

Brauns Freunde verbreiten diese Darstellung, doch es sind erhebliche Zweifel angebracht. Der spätere CEO stieß 2001, ein Jahre später als Maršálek, zu Wirecard, zunächst als KPMG-Berater. Bald galt der Jüngere dem Älteren als rechte Hand. Ungeklärt in dieser Frühgeschichte der Firma ist der angebliche Einbruch in die Geschäftsräume von Wirecard im November 2001, bei dem die Laptops von Braun und Maršálek inklusive wertvoller Daten gestohlen wurden. Kurz darauf wurde die "alte" Wirecard insolvent und konnte günstig übernommen werden.

Der Gründer vermutete eine Intrige und erstattete Strafanzeige; die Staatsanwaltschaft München konnte den Fall jedoch nie lösen. Während Braun in den Folgejahren daran arbeitete, das Unternehmen aus dem Schmuddeleck zu holen und in Richtung eines europäischen Digitalchampions zu pushen, blieb Maršálek offenkundig seinen alten Kontakten treu -und entwickelte ein bizarres Eigenleben. Trotz fast 20-jähriger enger beruflicher Zusammenarbeit sind die beiden - Braun ein Opernliebhaber und Heimito-von-Doderer-Fan, Maršálek eher der Typ Prahlhans - einander fremd geblieben, sagen Eingeweihte.

Wo genau bei Braun, der im Beraternetzwerk Think Austria von Kanzler Sebastian Kurz saß und sowohl den Neos als auch der ÖVP Geld gespendet hatte, die Grenze zwischen "nicht genau hinschauen" und " aktiv mitmachen" verlief, wird eine der spannenderen Fragen in der Aufarbeitung des Wirecard-Desasters

5. Gab es in Libyen Kontakte mit den Asamers?

Laut "Financial Times" rühmte sich Maršálek mehrmals, an der Libyan Cement Company (LCC) beteiligt zu sein, die im Osten des Bürgerkriegslandes drei Zementfabriken betreibt - exakt jene Firma, die bis 2015 der gestrauchelten oberösterreichischen Baustoffgruppe Asamer bzw. ihrer Sanierungsgesellschaft Quadracir gehörte.

Laut Darstellung der Asamer-Nachfolgegesellschaften ist dieser Umstand aber Zufall. Bestätigt wird einzig, dass Sanierer Jörn Trierweiler, Chef der Quadracir, zu einem nicht genau bezeichneten Zeitpunkt Maršálek in München vorgestellt wurde. "Mehr als ein 'Grüß Gott' war es aber nicht", beteuert ein Asamer-Sprecher.

6. Wie beschreiben Maršálek jene, die mit ihm zu tun hatten?

Was bei Deutschen als "Wiener Charme" Anklang fand, bezeichnen Landsleute auch als "Napoleon-Komplex des kleinen Mannes". Je unangreifbarer sich Maršálek im Wirecard-Universum fühlte, umso stärker ließ er sein Gegenüber spüren, dass es ein Privileg sei, einen Termin bei ihm zu bekommen. "Er war immer extrem hektisch und auf dem Weg zum Flughafen", fasst es ein Geschäftspartner zusammen. Undurchsichtigkeit durchzieht jedenfalls Maršáleks Geschäfte.

So dürfte in den letzten Jahren eine Villa in der Prinzregentenstraße im Münchner Nobelbezirk Bogenhausen eine Rolle gespielt haben. Laut "FT" hat Maršálek dort Anfang 2018 Pläne für die libysche Miliz besprochen. Gästen gegenüber hat er von den Räumlichkeiten als seinem Privatdomizil gesprochen.

Doch die repräsentative Villa Prinz Alfons von Bayern in der Nähe des Friedensengels, unweit des russischen Konsulats, wird nach trend-Recherchen lediglich von Münchner Fonds als Büro genutzt, der Wirecard-Vorstand kann dort höchstens selbst Gast gewesen sein. Wie ein roter Faden zieht sich also nicht nur durch die Wirecard-Bilanzen, sondern auch durch das Leben von Jan Maršálek der Umstand, dass es offenbar eine große Kluft zwischen Schein und Sein gab.

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