10 Jahre Lehman-Pleite: Wo die nächste Finanzkrise lauert

10 Jahre Lehman-Pleite: Wo die nächste Finanzkrise lauert

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite scheint die damals ausgebrochene Finanz- und Wirtschaftskrise überstanden zu sein. Experten sehen aber in den steigenden Zinsen, den explodierenden Immobilienpreisen und der hohen Verschuldung der Schwellenmärkte neue Risiken.

Nach der Krise ist - hoffentlich nicht - vor der Krise: Obwohl sich die Weltwirtschaft nach wie vor im Aufschwung befindet werden immer mehr Stimmen laut, dass bald neues Ungemach droht, wenn die von den Notenbanken mit viel billigem Geld zugedeckten Probleme bei steigenden Zinsen in verschärfter Form zurückkehren. "Was könnte die nächste Krise verursachen? Ich vermute, es könnte der Immobilienmarkt sein," warnte die oberste EZB-Bankenwächterin Daniele Nouy jüngst. Aber auch aus den Schwellenländern drohen Erschütterungen. Dort hat die Verschuldung in fremden Währungen allen Warnungen zum Trotz zuletzt gefährliche Höhen erreicht.

Wie schnell die Lehman-Pleite damals immer weitere Kreise zog, ist vielen Finanzexperten noch in schlechter Erinnerung. "Den 15. September 2008 werde ich niemals vergessen", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Jeder sei damals verdächtigt worden, der Pleitebank selbst Geld geliehen zu haben und von ihr mit in den Abgrund gezogen zu werden. Rasend schnell habe sich das Misstrauen von Banken auf andere Unternehmen übertragen, die Industrieproduktion in den westlichen Ländern fiel so schnell wie 1929 nach dem Schwarzen Freitag.

Problemfeld 1: Immobilien

Auch heute, nachdem die großen Notenbanken das Finanzsystem mit umfangreichen Anleihenkäufen und radikalen Zinssenkungen wieder aufgepäppelt haben, ist der Patient noch nicht vollständig genesen. So schleppen Europas Banken als Hinterlassenschaft der jahrelangen Wirtschaftsflaute weiter einen riesigen Berg an faulen Krediten mit sich herum. Allein bei den Instituten der Eurozone waren es Ende des ersten Quartals nach Daten der EZB-Bankenaufsicht 688 Milliarden Euro. Das bremst nicht nur die Kreditvergabe - es schmälert auch die Widerstandskraft der Banken im Falle eines erneuten Wirtschaftseinbruchs.

Zudem kommen die Nebenwirkungen der geldpolitischen Krisenmaßnahmen immer stärker zum Vorschein. Beispiel Immobilien: Wegen der jahrelangen Mini-Zinsen sind vielerorts die Preise für Wohnungen in die Höhe geschossen. Die deutsche Bundesbank warnt bereits vor Preisübertreibungen in München, Berlin oder Frankfurt. Bezahlbarer Wohnraum wird dort immer mehr zur Mangelware. Insgesamt lagen nach Bundesbank-Schätzungen 2017 die Preisübertreibungen in den Städten bei 15 bis 30 Prozent.

Viele Krisen in der Vergangenheit gingen vom Immobilienmarkt aus. Die Gründe liegen auf der Hand: Denn Probleme in diesem Bereich gehen oft hohe Verschuldungsgrade voraus. Dies kann auch große Banken in Schieflage und damit ganze Staaten in die Bredouille bringen, die die Geldhäuser wegen deren Relevanz für das Finanzsystem dann herauspauken müssen. Wenn die oberste Bankenwächterin der Euro-Zone hier ein mögliches Einfallstor für die nächste Krise sieht, spricht das Bände.

Problemfeld 2: Schwellenländer

In vielen Schwellenländern ist die Lage ebenfalls angespannt. Sie haben in den vergangenen Jahren hohe Dollar-Schulden aufgetürmt. Niedrigzinsen haben Fremdwährungskredite für sie lange attraktiv gemacht. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat sich seit der Finanzkrise ihr Umfang mehr als verdoppelt. Im ersten Quartal 2018 lag das Volumen der ausstehenden Fremdwährungskredite in den Schwellenländern bei 3,7 Billionen Dollar (3.196,8 Milliarden Euro). Das ist ein Zuwachs von rund neun Prozent binnen Jahresfrist.

Dies wird immer stärker zu einem Problem, je höher die Zinsen in den USA steigen. Denn diese machen den Dollar für Investoren attraktiver und lassen ihn aufwerten. Die Folge: Aus Schwellenländern wird Kapital abgezogen, welches dort dringend gebraucht wird. Und es wird schwieriger für die aufstrebenden Staaten, ihre Verbindlichkeiten zurückzuzahlen. BIZ-Generaldirektor Agustin Carstens hält Argentinien und die Türkei für besonders anfällig. Dort hat der Kursverfall der Landeswährungen bereits zu Turbulenzen geführt. Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn etwa 40 Prozent zum Dollar verloren, der argentinische Peso sogar 50 Prozent.

Der Ökonom Marcel Fratzscher blickt vor allem mit Sorge auf China. Hier könnte ihm zufolge ein explosives Gemisch aus hoher privater Verschuldung und Preisblasen am Immobilienmarkt die nächste große Krise entzünden: "Die in Peking betriebene Politik kann noch eine Zeit lang gutgehen. Doch bei steigender Verschuldung wird es spätestens im nächsten Jahrzehnt mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Krise kommen", prophezeit der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Die spannende Frage wird Fratzscher zufolge sein: "Wo fällt der Dominostein, der als ähnlicher Krisenauslöser wie einst die Lehman-Bank fungieren könnte?" In jedem Falle werde ein größeres Beben im Finanzsystem der Volksrepublik nicht nur Asien erschüttern. Dafür sei China als zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt nach den USA mittlerweile zu stark in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden: "Eine Krise in China würde zu massiven Verwerfungen an den Weltmärkten führen."

Problemfeld 3: Donald Trumps Politik

Auch die Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump birgt Sprengkraft. Aus Sicht von Kritikern könnte sein Vorgehen im Handelskonflikt mit China und anderen Wirtschaftsmächten das globale Freihandelssystem zum Einsturz bringen: "Das Thema Zölle und unfaire Standortpolitik ist mit Trump mit voller Wucht in die Handelspolitik hereingekommen. Das ist das größte Risiko für die Weltwirtschaft", warnt etwa der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Volker Treier.

Problemfeld 4: Das Bankensystem

Manche Experten sehen auch die Gefahr einer Deregulierung des Bankensystems als Einfallstor für die nächste Krise. In den Jahren nach Lehman haben die internationalen Aufsichtsbehörden viele Schlupflöcher geschlossen und die Kreditinstitute mit strikten Kapitalvorgaben deutlich robuster gemacht. Regelmäßige Stresstests, bei denen Banken auf Herz und Nieren geprüft und ihre Widerstandsfähigkeit in Krisen-Simulationen getestet werden, sind mittlerweile die Regel. Hinzu kommt eine neue Qualität: In der Euro-Zone etwa schaut nicht mehr jedes Land bei seinen Banken nach dem Rechten, sondern seit Herbst 2014 die EZB.

Dank dieser Schritte sind Banken nach Ansicht vieler Experten heute weniger anfällig für eine gegenseitige Ansteckung im Krisenfall. Trotzdem könnte in den USA der Wind schon bald drehen. Denn dort hat die Regierung Fachleute beauftragt, eine mögliche Rücknahme der Bankenregeln zu prüfen, die nach dem Beinah-Zusammenbruch der Finanzbranche ab 2008 eingeführt wurden. "Ich kann nicht nachvollziehen, warum man in den USA beginnt, die erzielten Fortschritte bei der Regulierung des Bankensystems wieder einzureißen", sagt Finanzökonomie-Experte Falko Fecht von der Frankfurt School of Finance and Management. Ökonomisch mache das keinen Sinn.

Noch größere Sorge macht Fachleuten, dass in den vergangenen Jahren abseits der klassischen Institute ein Schattenbanken-System entstanden ist, das noch weitgehend unreguliert ist. In Europa hat dieser Sektor, zu dem unter anderem Hedge- und Geldmarktfonds, alternative Investmentfonds sowie spezielle Börsenhändler gezählt werden, 2017 einen Anteil von rund 40 Prozent am gesamten Finanzsystem erreicht. Inzwischen werden abseits der Banken mit Kredit- und Finanzgeschäften Vermögenswerte in Europa von 42,3 Billionen Euro bewegt. Die Informationen über diesen Sektor sind spärlich, daher ist auch das mögliche Risiko, das von ihm ausgeht, nur schwer abschätzbar. Finanzökonomie-Experte Fecht wird sehr deutlich: "Was mir Sorge bereitet, ist, dass dies die erzielten Erfolge mit der Bankenregulierung womöglich zunichtemachen kann."

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