„2017 war ein verlorenes Jahr für den Wirtschaftsstandort Österreich“

„2017 war ein verlorenes Jahr für den Wirtschaftsstandort Österreich“

Die Berater von Deloitte analysierten die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Österreich. Das Ergebnis: Der Standort stagniert. Andere wie die Schweiz oder Nordeuropa entwickeln sich viel dynamischer. Die Probleme im Überblick.

Österreich geht es wirtschaftlich derzeit sehr gut. So zunächst der beruhigende Befund der Wirtschaftsberater von Deloitte, die in ihrem jährlichen Standort Radar Österreich aus wirtschaftlicher Sicht unter die Lupe genommen haben. Über alle untersuchten Standortfaktoren hinweg liegt Österreich laut "Deloitte Radar 2018" bei insgesamt 3 von 5 Punkten. "Das ist zu wenig, weil wir die dynamische Entwicklung anderer Standorte sehen", so Bernhard Gröhs, Chef von Deloitte Österreich.

Dennoch hat es die Alpenrepublik letztes Jahr im internationalen Wettbewerb nicht geschafft, mit einer nachhaltigen Trendumkehr in die Topliga zurückzukehren. Vielmehr stagniert der Standort laut Analyse im Mittelfeld. Seit mittlerweile einem Jahrzehnt ist im Schnitt nur eine Seitwärtsbewegung feststellbar. „Das zurückliegende Jahr war ein verlorenes Jahr für den Standort“, diagnostiziert Gröhs. „Wichtige Themen wurden nicht angegangen und es fehlte an Umsetzungskraft. Der Reformdruck ist dadurch beachtlich gestiegen.“

Schweiz, Schweden, Finnland, die Niederlande und Dänemark zählen zu den besten

In der Gesamtanalyse der fünf untersuchten globalen Indizes nehmen die Schweiz, Schweden sowie die USA wieder die Top-Platzierungen ein. Hierzulande hat es im Jahresvergleich keine Veränderung gegeben: Österreich befindet sich in vier der fünf untersuchten Indizes unter den Top 20 und belegt im Durchschnitt erneut nur Platz 19. „Der heimische Standort hat sich seit dem letzten Jahr nicht vom Fleck bewegt. Es fehlt klar an Dynamik“, so Gröhs. In den weltweiten Top 10 sind acht europäische Länder. "Im Hinblick auf unsere Wirtschaftslage und Grundvoraussetzungen kommt man für Österreich zum Schluss: Das muss besser gehen", so Gröhs. Laut Deloitte muss sich Österreich an den besten messen. Das sind in Europa die Schweiz, Schweden, Finnland, die Niederlande und Dänemark.

Hohe Steuer- und Abgabenquote als Wettbewerbsnachteil

Deloitte hat sieben Standortfaktoren im Detail analysiert. Der Faktor „Kosten“ ist besonders hervorzuheben. Hier erhält Österreich 1,5 von 5 möglichen Punkten (2017: 1 Punkt). Die hohe Abgabenquote ist noch immer ein klarer Nachteil im europäischen Wettbewerb. Die angekündigte Senkung der Quote auf 40 % und die geplanten Maßnahmen im Steuerbereich sieht Deloitte als Chance.

Senkung der Abgabenquote wird begrüßt

Das "größte Potenzial für Verbesserung" seht Deloitte auf der Kostenseite: Als Chance erachtet Deloitte das Ziel der Regierung, die Abgabenquote von aktuell knapp 43 Prozent auf 40 Prozent zu senken. Damit käme Österreich auf das Niveau von Deutschland, das - trotz niedrigerer Steuerquote - schon seit Jahren Budgetüberschüsse erziele. Hierzulande kämpft man - trotz hoher Steuern, niedriger Zinsen und guter Konjunktur - nach wie vor mit einem milliardenschweren Defizit.

Viele Arbeitslose haben nicht die nötige Qualifikation

Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind ein weiterer entscheidender Standortfaktor. Österreich ist hier stark gefordert. Der Deloitte Radar vergibt für die „Verfügbarkeit von Arbeitskräften“ 2 von 5 möglichen Punkten (2017: 2 Punkte).

Die Situation ist paradox: Unternehmen können Aufträge aufgrund des Fachkräftemangels nicht annehmen – bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit älterer oder unzureichend ausgebildeter Arbeitskräfte. „Die Wirtschaft braucht heute und morgen Qualifikationen, die viele Arbeitssuchende schlichtweg nicht mitbringen. Diese Lücke muss geschlossen werden. Ohne Investitionen in entsprechende Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen wird dieser Mangel zu einer Wachstumsbremse“, analysiert Gundi Wentner, Partnerin bei Deloitte Österreich.

Österreich bei Digitalisierung und Innovation gut unterwegs

Es gibt aber auch positive Ergebnisse. Für den Standortfaktor „Digitalisierung, Innovation, Forschung und Technologie“ gibt es im Deloitte Radar 4 von 5 möglichen Punkten (2017: 4 Punkte). Einen "kleineren Raum" für eine Attraktivierung des Wirtschaftsstandortes bieten laut Deloitte Innovation und Digitalisierung. A

Innovationskraft, technologischer Fortschritt und Forschung sind die entscheidenden Treiber der künftigen Wettbewerbsfähigkeit. Hier konnte Österreich im letzten Jahr überzeugen und liegt nur mehr knapp hinter den Innovationsführern Schweden, Dänemark und Finnland. In der Forschungsförderung wurden zuletzt wichtige Impulse gesetzt. Herausfordernd sind nach wie vor die Verfügbarkeit von Risikokapital und die Schaffung einer umfassenden Start-up-Kultur. „Wir müssen in puncto Innovation und Digitalisierung einen Spitzenplatz anstreben. Ein Hochlohnland wie Österreich kann nur dadurch punkten“, erklärt Barbara Edelmann von Deloitte Österreich. „Die Digitalisierung nimmt stetig an Fahrt auf. Wir müssen dranbleiben, um nicht von anderen innovativen Nationen überholt zu werden.“

Abstieg droht

Laut Deloitte liegen die notwendigen Reformmaßnahmen längst auf dem Tisch und müssen zielstrebig realisiert werden. „Wenn wir in den nächsten zwölf Monaten nicht endlich handeln, droht langfristig ein Abstieg. Dann geht es uns in fünf Jahren definitiv schlechter als heute. Eines ist klar: Ausreden gelten nicht mehr“, so Gröhs.

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