IWF-Chefin Lagarde: Europa ist stärker, wenn es zusammenhält

IWF-Chefin Christine Lagarde sieht die Fortschritte, die die Europäische Union bisher erzielten konnte, durch mehrere Belastungen gefährdet. Dazu zählt sie die Altlasten aus der Krise der Eurozone, die Rekordzahl an Flüchtlingen und die bevorstehende Abstimmung in Großbritannien über einen Austritt aus der EU.

Christine Lagarde und Finanzminister Schelling
Christine Lagarde und Finanzminister Schelling

Christine Lagarde und Finanzminister Schelling

"Die Fortschritte, die Europa durch die Europäische Union erzielten konnte, sind gefährdet", meinte IWF-Chefin Christine Lagarde im Rahmen der Diskussionsveranstaltung "Finanz im Dialog" in Wien. Die Altlasten aus der Euro-Krise, die Flüchtlingsproblematik und das Brexit-Referendum seien Dämpfer. Sie bemängelte eine fehlende "europäische Stimme": "Es kam für mich nie so klar heraus, dass wir gemeinsam so stark sind. Europa ist immer stärker, wenn es zusammenhält." Mit 500 Millionen Konsumenten und 25 Prozent des globalen BIP im Hintergrund würden einem am Verhandlungstisch die Leute zuhören.

Für die Beantwortung der Nachwirkungen der Finanz- und Eurozonen-Krise gebe es einen Ablaufplan, zu dem unter anderem gehört, dass ausreichend Liquidität zur Verfügung gestellt wird und ein gesundes Bankensystem wiederhergestellt wird. Diese Krise werde zwar beherrscht, ihre Auswirkungen würden aber noch immer vorhanden sein.

Ein notwendiger erster Schritt zu einem prosperierenden und dynamischen Europa wäre ein stärkeres Wachstum, führte Lagarde aus. Dazu müssten wirtschaftliche Strukturen geöffnet werden, um Wettbewerb und Investitionen in neue Ideen zu fördern.

Flüchtlinge und Nationalismus

Die Flüchtlingskrise habe auch dazu beigetragen, dass traditionelle Eliten und Institutionen stärker in Frage gestellt werden zu verstärken. Sie zweifle nicht daran, dass Europa die Kapazität und Ressourcen habe, mit dieser humanitären Krise umzugehen. IWF-Studien würden zeigen, dass Flüchtlinge einen Beitrag zur Wirtschaft leisten können, ohne dass dies auf Kosten der ansässigen Arbeitskräfte gehe. Top-Priorität müsse die rasche Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt und in die Schulen haben.

Die Momente der Offenheit und Toleranz, wie sie sich etwa 1989 bei der Öffnung der österreichisch-ungarischen Grenze zeigten und zum Fall der Berliner Mauer führten, "sind noch immer ein Teil dessen, was wir sind", so die IWF-Chefin.

Flüchtlinge und Einwanderung spielten auch bei der bevorstehenden Brexit-Referendum eine Rolle. Sie könne es kaum glauben, dass die Offenheit des Vereinten Königreiches gegenüber anderen Nationalitäten und Kulturen sich so schnell geändert habe. Aber darüber müssten die britischen Wähler entscheiden. Deren Entscheidung hänge klarerweise von vielen Faktoren ab. Großbritannien habe bisher eindeutig von der EU-Mitgliedschaft profitiert und würde es auch künftig tun. Das betreffe sowohl Jobs, den Handel, Industrie, Investitionen, Produktivität und Einkommen.

Zudem würde eine EU-Mitgliedschaft auch die Transformation von Großbritannien in eine dynamische und vibrierende Volkswirtschaft unterstützen. Die EU-Mitgliedschaft habe Großbritannien nicht nur reicher gemacht, sondern auch diverser, faszinierender und kreativer. Wie in jedem Land würde es Menschen geben, die in dieser neuen Umgebung kämpfen müssten, aber für die Mehrheit sei es ein großer Erfolg gewesen.

Brexit als Ende Großbritanniens

Finanzminister Hans Jörg Schelling hält das Weiterbestehen von Großbritannien als Einheit im Falle eines Brexits für unwahrscheinlich: Sowohl Wales als auch Schottland würden das Vereinte Königreich möglicherweise verlassen, um in der EU bleiben zu können. Wenn Großbritannien die EU verlasse, habe man die Diskussion wahrscheinlich auch für andere Mitgliedsländer. "Das ist ein gefährlicher Punkt", so Schelling. Wenn es keine EU mehr gebe, könnte in der Folge aus der G-7 eine G-3 werden. Nicht einmal Deutschland wäre alleine groß genug, um in der G-3 zu bleiben. "Deshalb hoffe ich auf eine gute Entscheidung für die EU und für Großbritannien", so Schelling. Danach dürfte man 20 Jahre lang keine Diskussion mehr darüber haben.

Persönlich erwartet er aber einen positiven Ausgang der Abstimmung am 23. Juni: "Ich bin Optimist. Die Leute in Großbritannien sind weise genug, um in der EU zu bleiben", sagte Schelling. Ein Austritt wäre sowohl für die EU als auch für Großbritannien ein Problem. "Wenn Großbritannien kein Mitglied der EU ist, kann es die Vorteile der EU nicht haben".

Für die Zukunft Europas hält Schelling eine Harmonisierung der Kapitalmärkte für notwendig. "Wir arbeiten an einer Kapitalunion, nicht nur an einer Bankenunion", erklärte er. Die Arbeit daran sei aber nicht einfach, weil die Kapitalmarktstrukturen in den einzelnen Mitgliedsländern sehr unterschiedlich seien. Harmonisiert sollte vor allem werden, wie die Unternehmen an die Kapitalmärkte kommen können. Das sei nicht einfach zu lösen, da die Meinungen zwischen den einzelnen Ländern sehr verschieden seien. "Die größte Differenzen gibt es mit Großbritannien", meinte Schelling. Nächste Schritte zur Kapitalunion seien schon in diesem Jahr möglich. Sofern es eben nicht zum Brexit käme.

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Zu den Personen:
Caroline Palfy (r.) ist neue Geschäftsführerin in der Handler Holding GmbH und verantwortet den Bereich Sustainable-Strategie. Das Familienunternehmen HANDLER ist Spezialist für hochwertige Bau- und Immobilienprojekte in Österreich.
Marieluise Krimmel ist Partnerin bei Deloitte in Wien im Bereich Audit & Assurance und ist in der Prüfung und Beratung tätig. Ihre Branchenschwerpunkte liegen neben der Industrie in der Immobilien- und der Bauwirtschaft.

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