"Die Investitionen sind in Europa um 200 Milliarden Euro zurückgegangen"

Format.at sprach mit Marcel Fratzscher, Chef des deutschen DIW, eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute und Denkfabriken Europas und der selbst elf Jahre bei der EZB arbeitete, über Auswirkungen der Schuldenkrise, darüber, warum es in Europa zu einer Konsolidierung der Banken kommen muss, wie die Kreditvergabe, vor allem für den Mittelstand, angekurbelt werden kann und warum er eine jahrelange Stagnation erwartet.

Marcel Fratzscher, Professor für Makroökonomie und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)

Marcel Fratzscher, Professor für Makroökonomie und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)

Format.at: Noch vor einigen Monaten war von einem baldigen Ende der Eurokrise die Rede. Warum kommt die Wirtschaft in der Eurozone nicht in Schwung? Spanien und Portugal konnten den Euro-Rettungsschirm verlassen. Irland versprach, seine Schulden schneller als geplant abzutragen. Und nun ist das Wachstum in der Eurozone auf null. Wie das?
Fratzscher: Weil wir mitten in einer Krise stecken, eigentlich vier Krisen: Eine Finanzkrise, eine Investitionskrise, eine Wachstumskrise, und eine Vertrauenskrise.

Format.at: Wie stark sind die Investitionen in Europa zurückgegangen?
Fratzscher: Die Eurozone weist derzeit eine Investitionslücke von zwei Prozent pro Jahr auf. Um diese Lücke zu füllen sind 200 Milliarden Euro pro Jahr notwendig. Nur wenn diese Lücke gefüllt wird, haben wir überhaupt einen Chance auf eine stabile Erholung. Es fehlt sowohl an öffentlichen als auch privaten Investitionen.

Format.at: Ist es nicht normal, dass nach einer massiven Krise, wie es die Finanzkrise war, die Investitionen noch auf niedrigem Niveau sind?
Fratzscher: Nicht in diesem Ausmaß. Es war zwar absehbar, dass in Spanien, Portugal oder Irland die Investitionen zurückgehen, gab es doch bis 2008 hohe Überinvestition. Doch von diesem Phänomen ist ganz Europa betroffen, auch Deutschland. Aber ohne steigende Investitionen wird es keine Erholung in der EU geben. Investitionen sind so wichtig, weil nur so die Beschäftigung steigt und damit das Einkommen, das wiederum kurbelt den Konsum an und trägt letztlich dazu bei den Staatshaushalt zu sanieren. Die Arbeitslosenrate ist mit ein paar Ausnahmen wie Deutschland und Österreich in allen Staaten Europas hoch. In mehr als zehn EU-Staaten ist sie sogar in zweistelliger Höhe.


"Schulden in Spanien haben sich seit Beginn der Krise verdreifacht"

Format.at: Europa hat sich durch die Rettung südlicher Krisenstaaten massiv verschuldet. Dämpfen die hohen Schulden einen möglichen Aufschwung?
Fratzscher: Der Schuldenstand der 18 Eurostaaten gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt bei fast 94 Prozent. Viele Staaten sind damit weit jenseits der als gesund erachteten Schuldenobergrenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Problematisch ist vor allem die hohe Staatsschuldung in Ländern wie Italien, Portugal und Spanien. So hat Spanien erst vor kurzem die Schwelle von einer Billion Euro Schulden überschritten. Das entspricht knapp 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Seit Beginn der Finanzkrise hat sich damit die Schuldenlast in Spanien fast verdreifacht. Aber auch der private Sektor in diesen Ländern ist stark verschuldet. Aufgrund der hohen Verschuldung werden weitere Preisanpassungen nach unten nötig sein. Ich erwarte daher Preisrückgänge etwa bei Immobilien in Spanien oder Irland. Alles in allem ist die Schuldenlasten noch viel zu hoch. Diese macht es auch so schwierig Investitionen anzukurbeln.

Format.at: Die Banken vergeben in Europa immer weniger Kredite statt mehr. Ist ein Ende der Schuldenklemme in Sicht?
Fratzscher: Die Vergabe von Krediten funktioniert noch immer schlecht. Vor allem für kleine und mittelgroße Firmen ist es nach wie vor sehr schwierig an Kredite heranzukommen. Doch es gibt auch Ausnahmen wie in Deutschland wo Unternehmen ausreichend Kredite erhalten. Vielmehr sitzen Firmen in Deutschland auf viel Geld. Wir sehen also nach wie vor große Unterschiede innerhalb der EU-Staaten.


Anleihen südlicher Eu-Staaten verkommen zu Zockerpapieren, das erhöht die Risiken für die Wirtschaft

Format.at:
Ein wichtiges Instrument zur Sanierung und Finanzierung des Staatsaushaltes sind Staatsanleihen. Doch vor allem die Papiere südlicher EU-Staaten sind überspitzt gesagt, zu Zockerpapieren verkommen. Wie wirkt sich das rasche Aus- und Einsteigen der Anleger auf die Staatshaushalte aus?
Fratzscher: Ein Trend, der durch die Krise ausgelöst wurde, ist, dass Investoren ihr Geld bei Ausbruch der Krise aus Spanien, Italien und anderen Krisenländern abgezogen haben und in ihren Heimatländern veranlagt haben. So hielten rund 70 Prozent der Staatsanleihen, die von Irland, Portugal und Griechenland begeben wurden, Ausländer. Dieser Anteil ist mittlerweile auf 30 Prozent zurückgegangen. Eine Tendenz, die allerdings auch Restrukturierungen schwierig macht. Denn sobald es zu einem Schock an den Märkten kommt wird Geld wieder abgezogen. Dadurch steigt die Abhängigkeit von Banken und Staaten von Investoren. Und das erhöht auch die Risiken, wenn die lokale Wirtschaft in Schwierigkeiten gerät.

Format.at: Was ist aus ihrer Sicht das größte Problem für die Wirtschaft in Europa?
Fratzscher: Die Vertrauenskrise. Aus dieser ist es wahrscheinlich am schwierigsten wieder herauszukommen. Es fehlt am Vertrauen an eine starke Erholung. Dieses fehlende Vertrauen ist auch einer der Hauptgründe warum private und institutionelle Investoren sich mit Investitionen zurückhalten. Und das macht es auch so schwierig Investitionen zu stimulieren. So ist es zwar auf der einen Seiten tatsächlich so, dass Banken nicht genügend Geld verborgen, auf der anderen Seite hinkt aber auch die Nachfrage nach Krediten hinterher. Die Vertrauenskrise ist auch eine politische Krise. Es ist ein Teufelskreis, der schwierig zu durchdringen ist. Wann immer es auf einer Seite eine Verbesserung gibt, solange die Nachfrage niedrig und die Banken mit Krediten zurückhaltend sind, ist es schwierig aus diesem Teufelskreis auszubrechen.

Format.at: Wie wird sich die Wirtschaft, angesichts dieser Analyse, ihrer Ansicht nach entwickeln?
Fratzscher: Drei Zukunftsszenarien sind möglich. Die Wirtschaft nimmt langsam wieder an Fahrt auf, es kommt zu einer jahrelangen Stagnation oder ein Rückfall in die Rezession steht bevor. Bei der Stagnation würden wir auf ein Szenario zusteuern, wie es in den frühen 90iger Jahren in Japan ihren Ausgang genommen hat, in dem das Land in eine Periode der niedrigen Inflation und dann für eine lange Zeit in eine Deflation geschlittert ist.

Format.at: Unterscheidet sich Europa zum Japan der frühen 90iger Jahre auch in manchen Punkten?
Fratzscher: Es gibt vor allem einen wichtigen Unterschied zu Japan in den frühen neunziger Jahren. Das sind die Schulden. Japan hatte damals zwar Schulden, aber sie waren nicht ganz so erdrückend. Und die privaten Haushalte hatten de facto keine Schulden. So war es dem Staat möglich über Dekaden die Wirtschaft mit fiskalen Stimuli zu fördern. Da die Schulden in Europa aber bereits jetzt hoch sind, limitiert das naturgemäß die Möglichkeiten des Staates und der privaten Haushalte die Konsumnachfrage anzukurbeln.


Steigen die Schulden weiter, steigen die Risikoprämien und die fressen Budgets auf

Format.at: Doch es gibt von europäischen Politikern immer wieder Rufe nach fiskalen Stimuli.
Fratzscher: Ja, aber das ist eben ein zweischneidiges Schwert. Die Staatsverschuldung ist deutlich über dem langjährigen Schnitt. Wenn sich aber Staaten zu hoch verschulden, steigen die Risikoprämien für Staatsanleihen und die Zinszahlungen fressen staatliche Budgets auf.

Format.at: Welches Szenario ist aus ihrer Sicht am Wahrscheinlichsten und warum?
Fratzscher:
Für mich ist das Szenario, jahrelange Stagnation, am wahrscheinlichsten. Aufgrund fehlender struktureller Reformen, die nicht in Angriff genommen massiver Restrukturierung des Bankensektors, die anhaltende Kreditklemme und der hohe Level an Schulden geben dem Szenario Stagnation eine 50 Prozent Chance. Am unwahrscheinlichsten halte ich, dass die Wirtschaft wieder rasch an Fahrt aufnimmt. Das hat nur eine 20 Prozent Chance. Die Wahrscheinlichkeit in eine Rezession zu schlittern ist dagegen höher und hat nach meiner Einschätzung eine Chance von 30 Prozent.

Format.at: Was muss getan werden, damit die Wirtschaft wieder in Schwung kommt?
Fratzscher:
Die Antwort auf die Krise heißt Wachstum. Und Wachstum braucht Investitionen. Wir brauchen kurzfristige Stimuli in Europa. Nur so kommen wir aus dem Teufelskreis heraus. Nur so kann die Wirtschaftskrise gelöst werden, die Arbeitslosigkeit reduziert werden.

Format.at: Doch wer soll das Finanzieren wenn kein Geld vorhanden ist?
Fratzscher: Die Lösung wäre die Stärkung des europäischen Investmentfonds. Er dient in erster Linie dazu, kleine und mittelständische Unternehmen finanzielle Hilfe zu gewährleisten. Die Idee dahinter: Der Fonds sollte Banken, die diesen Firmen Kredit geben, Garantien dafür gewähren.

Format.at: Was wären noch wichtige Voraussetzungen für mehr Wachstum?
Fratzscher: Eine Konsolidierung bei den Banken. In Europa gab es de facto keine Bereinigung der Bankenlandschaft. Das Problem ist, dass die europäische Wirtschaft viel stärker von den Banken abhängt als in den USA, da die Finanzierung der Unternehmen, im Gegensatz zu den USA, großteils über Banken läuft. Die Profitabilität europäischer Banken hinkt entsprechend hinterher. Die meisten US-Firmen finanzieren sich über Unternehmensanleihen. Generell sind die Kosten für das eingesetzte Kapital vor allem für kleinere Firmen in Europa viel höher als in den USA.


"Nur durch Bankenbereinigung können faule Kredite leicht abgestoßen werden"

Format.at: Was hat die Konsolidierung der Banken in den USA gebracht?
Fratzscher:
Mehr als 500 Banken, vor allem kleinere, wurden in den USA seit der Krise von einem Tag auf den anderen geschlossen. Ein Run auf die Banken wurde verhindert. Das Kapital der Anleger war in allen Fällen geschützt, eine Panik so verhindert. Großen Instituten in Not wurde mit einer Geldspritze von 150 Milliarden Dollar rasch und unkompliziert geholfen. Mittlerweile ist der Nettoertrag der US-Banken bereits wieder auf hohem Niveau. Nur durch eine Bereinigung im Bankensektor können leichter faule Kredite abstoßen und so haben die verbleibenden Institute wieder mehr Spielraum Kredite zu vergeben.

Format.at: Sie haben auch von einer Krise der Politik gesprochen. Was muss diese unternehmen?
Fratzscher: Europa braucht vor allem Strukturreformen. Aber auch die Arbeitskosten müssen massiv reduziert werden. Krisenstaaten müssen auf diese Weise wieder konkurrenzfähiger werden. Deutschland hat diesen Prozess bereits nach dem Jahr 2003 vollzogen. Dort hat man es den Firmen leichter gemacht, Leute einzustellen und auch wieder zu kündigen. So ist es tatsächlich gelungen die Arbeitslosenrate nachhaltig zu senken.

Format.at: Was ist für die größte Herausforderung in den nächsten Jahren?
Fratzscher: Deflation ist eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre. Die Preise fallen in vielen Ländern, selbst in Ländern wie Frankreich und Italien fällt ein Drittel der Güterpreise. Der Schaden einer Deflation gilt für jede Volkswirtschaft, egal, ob innerhalb oder außerhalb einer Währungsunion. Und das Risiko ist akut. Unternehmen investieren weniger, wenn sie erwarten, dass die Preise über die nächsten Jahre fallen werden. Denn dann sinkt die Rendite von Investitionen, der Realzins und die Schuldenlast wachsen. Das heißt dann auch weniger Beschäftigung, weniger Einkommen, weniger Wachstum.

Zur Person Marcel Fatzscher:
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität Berlin und berater des deutschen Wirtschaftsministeriums. Als unabhängiges Institut mit 250 Mitarbeitern zählt das DIW Berlin zu den führenden Wirtschaftsforschungsinstituten und Denkfabriken in Europa.

Von 2001 bis 2012 war Marcel Fratzscher für die Europäische Zentralbank (EZB) tätig. Während der Asienkrise 1997-98 arbeitete er als Makroökonom beim Harvard Institute for International Development (HIID) in Jakarta, Indonesien. Zudem war er tätig beim Peterson Institute for International Economics in Washington D.C., USA, in 2000-01, bei der Weltbank 1996, und für kürzere Perioden in Asien und Afrika.

Marcel Fratzscher erlangte ein Vordiplom in VWL an der Universität Kiel, ein B.A. in Philosophy, Politics, and Economics (PPE) der University of Oxford (UK), einen Master of Public Policy der Harvard Universitys John F. Kennedy School of Government, in Cambridge (USA), und ein Ph.D. in Volkswirtschaftslehre vom European University Institute in Florenz (Italien).

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