Interview mit Jelena Baturina: "Es ist nie nur einer schuld"

Interview mit Jelena Baturina: "Es ist nie nur einer schuld"
Interview mit Jelena Baturina: "Es ist nie nur einer schuld"

Jelena Baturina, Milliardärin, Unternehmerin, Investorin

Die russische Milliardärin Jelena Baturina vergleicht im Interview mit FORMAT-Redakteurin Silvia Jelincic den Konflikt zwischen Russland und dem Westen mit den Streitereien ihrer pubertierenden Töchter. Baturina ist laut "Forbes" mit einem Vermögen von rund einer Milliarde Dollar die reichste Russin. Sie lebt mittlerweile in Großbritannien und Österreich. Über ihre Beneco-Privatstiftung hat sie in Österreich den Golfplatz Eichenheim Kitzbühel-Aurach und das Tiroler Hotel Grand Tirolia Kitzbühel gekauft. Nun sucht sie weitere Investitionsmöglichkeiten. Sie wird daher auch als "Oligarchin von Kitzbühel" bezeichnet.

Keine Frage: Jelena Nikolajewna Baturina ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Sie kämpfte sich in der Industriebranche vor 20 Jahren an die Spitze und setzte sich somit gegen viele ihrer männlichen Kollegen durch. Die Ehe der 51-jährigen Unternehmerin mit dem früheren Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow bescherte ihren Baufirmen hoch dotierte Aufträge. Es folgten Vorwürfe, wonach die beiden Gelder veruntreut haben sollen, doch Baturina gelang es stets, sich weitgehend schad- und klaglos zu halten.

Heute lebt Baturina, die laut "Forbes" mehr als eine Milliarde Euro Privatvermögen besitzt, größtenteils in ihrer Wahlheimat Österreich, wo sie das Hotel Grand Tirolia in Kitzbühel samt Golfclub Eichenheim ihr Eigen nennt. Auf Shoppingtour geht die geschäftstüchtige Russin offenbar gerne: Über ihr weit verzweigtes Firmenimperium kauft sie Immobilien-und Bauunternehmen in ganz Europa auf und hat jüngst zehn Millionen Euro in Projekte zur Entwicklung erneuerbarer Energien gesteckt.

FORMAT: Der Westen wirft Russland vor, die Ukraine anzugreifen, der Unmut gegen ihr Land wächst. Wie sehen Sie den Konflikt?
Jelena Baturina : Ich kenne Russland, und ich kenne Europa, und eben deshalb verstehe ich die unterschiedlichen Sichtweisen. Die Presse liefert uns ein sehr einseitiges Bild der Geschehnisse. Um eine Antwort auf die aktuelle Situation zu finden, müssen beide Seiten eine konstruktive Haltung - ohne Vorurteile - einnehmen. Nehmen Sie zum Beispiel mich her: Ich bin Mutter zweier Töchter, die eine ist nur zwei Jahre älter als die andere. Als die beiden Teenager waren, gab es ständig wegen irgendwelchen Dingen Streit. Bei jedem Streit waren sie beide schuld, eine ging zu weit, und die andere war nicht kompromissbereit. Es ist nie nur einer schuld.

FORMAT: Sie investieren neben Tourismus und Bauprojekten neuerdings in Energieprojekte. Das klingt nach einem neuen Standbein.
Jelena Baturina : Ich bin ein pragmatischer Mensch. Das Baugewerbe hat mich immer am meisten angezogen. Mein Ziel war es immer schon, Geschäftszweige zu finden, die eine Verbesserung industrieller Standards bedeuten. Ich wusste: Um gut zu sein, musst du schnell sein, ein Vorreiter und innovativ. Du musst also immer am neuesten Stand der Technik sein und Ideen folgen, die mitunter schwierig und schwer umsetzbar erscheinen.

FORMAT: Und bei alternativen Energieprojekten ist das der Fall?
Jelena Baturina: Ich habe 2012 den Be Open Fond ins Leben gerufen. Er unterstützt junge Leute dabei, ihre Visionen umzusetzen, wir unterstützen unter anderem Forschungsprogramme, um Leute gut auszubilden. Zu glauben, dass wir am Energiesektor ewig so weitermachen können, ist töricht und gefährlich. Wir müssen alle an die Zukunft denken, an die kommenden Generationen, nicht nur an uns. Ich bin daher eine Vereinbarung mit dem deutschen Unternehmen Renewable Energy Provider eingegangen, zur Erzeugung, Verwendung und Vermarktung erneuerbarer Energien in Europa. Wir prüfen gerade den Zukauf neuer Standorte in Süd- und Südosteuropa.

FORMAT: Wo sehen Sie derzeit die größten Chancen auf große Gewinne?
Jelena Baturina: Die Baubranche, die Entwicklung neuer Immobilienprojekte sind nach wie vor vielversprechende Wirtschaftszweige.

FORMAT: Sie waren auch in der Vergangenheit lukrativ. Laut "Forbes" beläuft sich Ihr Vermögen auf mehr als eine Milliarde Euro.
Jelena Baturina : Sie werden sich denken können, dass ich mein Vermögen nicht in einem Banktresor horte. Ich kann ihnen also auch gar nicht sagen, wie viel ich besitze. Ich habe Immobilien, Beteiligungen und einige wenige innovative Projekte. Und um auf "Forbes" Bezug zu nehmen: Nun, die Schätzungen kommen der Wahrheit recht nahe.

FORMAT: Müssen Sie sich nicht auch immer wieder in Österreich mit Vorurteilen herumschlagen?
Jelena Baturina : Ich hatte wirklich noch nie Probleme beim Kontakt mit Österreichern. Es geht doch immer um die Menschen, wir alle interagieren mit Nachbarn, Geschäftspartnern, Angestellten und vielen anderen Bekannten. Wenn man den einzelnen Menschen trifft, mit ihm redet und ihn besser kennenlernt, dann verschwinden Vorurteile und Klischees, die man bis dahin vielleicht hatte. All das verschwindet, wenn man dem Menschen ins Gesicht sieht und einfach miteinander redet.

FORMAT: Würde es Sie interessieren, in ihrer Wahlheimat Österreich mehr Business zu machen? Zum Beispiel mit Immobilienentwicklern?
Jelena Baturina : Ja, sicher. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit österreichischen Geschäftsleuten gemacht, sie sind sehr kompetente und verlässliche Partner. Wir sind für Kooperationen immer sehr offen - vor allem in Regionen, wo wir bereits tätig sind. Und die Zahl unserer Partner wird auch immer größer. Ich habe mich hier immer willkommen gefühlt, Geschäftsleute aus Österreich und Deutschland waren immer offen für Investments. Ich hatte hier immer das Gefühl, dass jeder, unabhängig von seiner Herkunft, die gleichen Chancen bekommt. Das unternehmerische Umfeld ist gut und fair.

FORMAT: Bis 2015 wollten Sie 14 Hotels besitzen. Wie viele sind es derzeit?
Jelena Baturina : Das Grand Tirolia in Kitzbühel, New Petershof in Russland, das Quisisana in Tschechien und das Morrison in Dublin. Es werden noch Hotelketten in Irland, Großbritannien, Norditalien, Russland, Österreich, Deutschland, Kasachstan sowie in den baltischen Staaten folgen. Wir prüfen einige Objekte gerade.

FORMAT: Das Grand Tirolia schrieb lange rote Zahlen -wie sieht es jetzt aus?
Jelena Baturina : Es entwickelt sich jetzt gut, wir hatten bis heuer das Problem, dass das Management nicht gut arbeitete. Die neuen Maßnahmen greifen aber schon, wir sind sehr zuversichtlich. Zum Beispiel wollen wir das Hotel gerade erweitern, wir haben die Genehmigung auf eine Erweiterung bereits beantragt. Es wird also bald mehr Zimmer und somit mehr Beherbergungsmöglichkeiten und auch mehr Umsatz geben. Ich bin voller schöner Erwartungen.

Das Interview erschien ursprünglich in FORMAT Nr. 37/2014 vom 12. September 2014.
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