Machtkampf im Volkswagen-Konzern: Piëch gegen Winterkorn

Machtkampf im Volkswagen-Konzern: Piëch gegen Winterkorn
Machtkampf im Volkswagen-Konzern: Piëch gegen Winterkorn

Zankhähne: Ferdinand Piëch (re) will Volkswagen CEO Martin Winterkorn loswerden.

Die Führungskrise bei Volkswagen wirft einen Schatten auf die Zukunft von Europas größtem Autokonzern. Nach dem überraschenden Schlag von VW-Patriarch Ferdinand Piech gegen Vorstandschef Martin Winterkorn wird über die Gründe des Bruchs zwischen den Firmenlenkern spekuliert. Nun bemühen sich die Aufsichtsräte hinter den Kulissen um einen Ausweg aus der festgefahrenen Situation. In der jetzigen Lage nach dem Bruch des VW-Patriarchen Ferdinand Piech mit Konzernchef Martin Winterkorn sei die Hauptversammlung am 5. Mai in Hannover "undenkbar".

"Ich bin auf Distanz zu Winterkorn" - ein kurze Äußerung von VW-Patriarch Ferdinand Piëch am Freitag mit großer Wirkung. Es hat gereicht, um zumindest Erstaunen um seinen VW-Vorstandschef Martin Winterkorn zu provozieren. Und geradezu eine Führungskrise bei dem weltweit zweitgrößten und Europas größten Autokonzern in Fahrt zu bringen. Martin Winterkorn, einst kongenialer Kopf zu Piëchs Vorstellungen eines globalen Top-Player in der Autoindustrie, gar als "Ziehsohn" apostrophiert, scheint als VW-Vorstand und als designierter Aufsichtsrat ins Wanken zu kommen.

Und die jüngsten Zahlen sprechen zudem gegen Winterkorn. Und spielen direkt dem VW-Patriarchen Piëch zu, der mit der Performance in der Kernmarke VW unzufrieden ist. VW ist im abgelaufenen ersten Quartal in Russland, Brasilien und dem boomenden Automarkt China mit angezogener Handbremse unterwegs: Von Jänner bis März verkaufte Volkswagen nur 1,48 Millionen Auto - das sind 1,3 Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahresquartal.

In Südamerika sanken die Auslieferung um 15 Prozent, in Zentral- und Osteuropa fast um ein Viertel. Im China stagnierte der Umsatz bei 678.400 verkauften Autos. Einzig in Westeuropa konnte Winterkorn punkten: plus 5,5 Prozent stehen unterm Strich. In Deutschland konnte ein Plus von 8,3 Prozent erzielt werden.

Doch Winterkorn will alles andere als aufgeben, trotz der öffentlichen Demütigung durch Piëch. Erstmals in der Geschichte, bekommt Piëch Gegenwind von den anderen Aufsichtsräten sowie aus der eigenen Familie.

Der Stichtag: 29. April

Die nach dem Eklat nun veröffentlichten Zwischenergebnisse liefern einmal mehr Piëch die Argumente, auch wenn die Front auf Seiten der Aufsichtsräte gegen den VW-Patriarchen wächst. Mit Spannung darf man schon jetzt auf die Hauptversammlung blicken, die für den 5. Mai angesetzt wird.

Doch mit dem 29. April dürfte bereits eine Vorentscheidung fallen. Sollten auch die Quartalszahlen nicht passen, dürfte Winterkorn als CEO schon Ende des Monats Geschichte sein. Hinter den Kulissen soll es auf Seiten der Aufsichtsräte bereits zu einem intensiven Austausch der Kontrolleure gekommen sein, um einen Ausweg aus der festgefahrenen Situation zu finden. "Die Drähte glühten", heißt es in informierten Kreisen. Regulär tagt der Aufsichtsrat wieder am 4. Mai, also ein Tag vor der Hauptversammlung.

Mit diesem von Piëch initiierten Machtkampf könnte gleichzeitig der Streit im Familienclan der Porsches und Piëchs wieder aufflammen. Im Machtkampf bei VW gehen als zentrale Figuren VW-Patriarch Ferdinand Piëch und sein Cousin Wolfgang Porsche auf Konfrontationskurs. Der Clan hält die Macht des Autokonzern, der zwölf Automarken unter seiner Haube hat (siehe Grafik) , aber nur gemeinsam. Uneinigkeit zwischen den beiden Familienstämmen gibt es nicht zum ersten Mal.

Was steckt dieses Mal hinter der öffentliche Kritik an VW-Chef Martin Winterkorn, fragen sich zu Recht viele Auto-Experten, wo er doch auch in die Fußstapfen von Piëch als Chefkontrolleur im Aufsichtsrat nachfolgen soll. Konzernmanager, aber auch Analysten und Spekulanten hat den ausgebrochenen Machtkampf überrascht.

Im Zuge des Machtkampf könnte eine Neuauflage eines Dauerstreits von Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche stehen, die nämlich auch wie Gegenpole wirken, was sich seit Freitag einmal mehr abzeichnet. Porsche distanziert sich in einer ersten Reaktion klar von Piëchs Äußerung. Das ist gut zu sehen, wenn die Vettern etwa bei Preisverleihungen auf einer Bildfläche erscheinen.

Wolfgang Porsche ist nahbar. Er versprüht bubenhafte Freude, wenn er von seinen Autos schwärmt. "Er ist ein wichtiger Ruhepol", sagt Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück über "WoPo", wie sie den 71 Jahre alten Doktor der Handelswissenschaften nennen. Wenn Ferdinand Piëch dagegen Hof hält, weichen Anwesende ehrfurchtsvoll zurück. "Der Alte" heißt er der bald 78-Jährige intern. Insider nennen den für seine Halbsätze berüchtigten Österreicher das "Orakel von Salzburg".

Der Zweikampf

"WoPo", wie Piëch ein Enkel des Porsche-Gründers Ferdinand, stammt aus dem Zweig der Familie, der als anthroposophisch gilt. "Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass man nicht nach Profiten giert, sondern dass man unter Menschen mit Menschen umgeht", sagte Porsche einst dem Südwestrundfunk. "WoPo" ist Waldorfschüler. Piëch wurde als Heranwachsender von einer Salzburger Realschule auf das Schweizer Elite-Internat Zuoz geschickt.

Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche sprechen beide leise. Bei "WoPo" wirkt das großväterlich-sanft, bei Piëch eher so, als wisse er genau, dass er als Machtzentrum seine Stimme gar nicht erst heben muss. Den Autokonstrukteur und Manager, den Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder einmal in einer Laudatio in eine Reihe mit Henry Ford und Gottlieb Daimler rückte, umweht eine Aura kühler Unnahbarkeit und kompromissloser Willenskraft. "WoPo" gilt als bodenständig - ein Familienmensch, traditionsbewusst. Er ist Nebenerwerbslandwirt.

Piëch hat mit wenigen Worten schon Managerkarrieren beendet. Der gewiefte Taktiker platziert knappe Sätze punktgenau in den Medien. Einer dieser berüchtigten Piëch-Sätze traf am Freitag den VW-Chef "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", sagte Piëch. Dem hält "WoPo" nun entgegen: "Die Aussage von Herrn Dr. Piëch stellt seine Privatmeinung dar, welche mit der Familie inhaltlich und sachlich nicht abgestimmt ist." Was sehr erstaunt

Der Streit

Damit tritt in der Familie wieder offen ein Bruch zutage. Streit zwischen den Familien gab es schon, als sich die Sportwagenschmiede Porsche vor rund sechs Jahren mit ausgefeilten Geldgeschäften anschickte, den viel größeren VW-Konzern zu schlucken. Hinter den Kulissen herrschte Hauen und Stechen, wie Eingeweihte zu berichten wissen. Am Ende verhob sich die Porsche-Muttergesellschaft PSE.

Unter der Last von 11,4 Mrd. Euro Schulden kapitulierte sie, und ausgerechnet der VW-Konzern wurde zur letzten Rettung. Als Ergebnis hält heute die in Porsche/Piëch-Besitz befindliche PSE die Macht bei Volkswagen und ein Burgfrieden ist geschlossen. 2012 holte der Konzern den Autobauer Porsche AG als zwölfte Marke unter sein Dach. Seither herrschte Ruhe.

Und Piëch ging eindeutig als Sieger aus dem familiären Machtkampf hervor. Eine Situation, die sich nun wiederholen könnte. Piëch ist es bereits aus seinen Zeiten als Audi-Chef (1988 bis 2002 sowie danach als Vorstandchef von VW (1993 bis 2002) gewohnt, im Zweifel mit stählerner Hand zu regieren, wenn nötig auch als Aufsichtsrat bis ins Tagesgeschäft hinein.

Der Sieger

Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen ist überzeugt, dass Piëch auch in der aktuellen Krise siegen wird. "Er hat erkannt, dass ohne seine Aktion jetzt viel auf dem Spiel steht. Deshalb hat er so reagiert", sagt Dudenhöffer und verweist auf die VW-Dauerbaustellen wie die geringe Marge der VW-Kernmarke, die Winterkorn offensichtlich nicht in den Griff kriege. "Piëch traut Winterkorn nicht zu, den Konzern in die Zukunft zu führen", sagt Dudenhöffer.

Auch Piëch-Biograf Wolfgang Fürweger sieht den VW-Patriarchen als einzig möglichen Sieger in dem Machtkampf. "Es wird einer auf der Strecke bleiben - und das wird nicht Ferdinand Piëch sein", sagt der Österreicher. Er gehe davon aus, dass die Familien Porsche und Piëch eine Lösung finden werden - und zwar im Sinne von Piëch. "Was hätte die Porsche-Familie von einem internen Bruch - nur um einen hoch bezahlten Manager zu schützen?", fragt Fürweger. "Am Ende haben sich die Familienbande Porsche-Piëch noch immer durchgesetzt."

Das Minus

An der Börse sieht man den in der Öffentlichkeit ausgetragenen Machtkampf mit Skepsis. Die Aktie hat mit dem seit Freitag in die Öffentlichkeit getragenen Streit um fast 1,8 Prozent verloren und notiert bei 248,65 Euro. Und am Dienstag ging der Kursrutsch weiter: 1,17 Prozent minus und ein Kurs von 245,94 Euro standen kurz nach Mittag auf dem Zettel.

Das dürfte freilich nicht an Winterkorn und seiner Performance in den USA liegen. Obwohl VW am zweitgrößten Automarkt der Welt unter der Leitung von VW-CEO Winterkorn nicht gerade eine Erfolgsgeschichte schreibt, waren Analysten und Spekulanten zuletzt mit deutschen Autokonzern durchaus zufrieden. Vielmehr dürfte der Machtkampf die Anleger derzeit verunsichern.

VW-CEO Winterkorn machte anlässlich der Vorgänge um seine Person auf der Hannover Messe gut Mien zum sonderbaren Spiel. Er gab sich bei seinem zweiten Auftritt nach dem Eklat betont unbeeindruckt und locker. Auf die Frage eines NDR-Reporters, ob er etwas zu seiner Zukunft sagen wollte, meinte Winterkorn: "Es gibt eine."

Das Gespräch

Neben einem Gespräch von Piëch und Winterkorn, das noch diese Woche stattfinden soll, sei in den kommenden Tagen auch ein Treffen der Familien Piech und Porsche geplant, berichtete das "Handelsblatt" unter Berufung auf das Umfeld der Familie. Beide Clans haben vertraglich vereinbart, als Hauptaktionäre von VW stets mit einer Stimme zu sprechen.

Sollen dann "die Richtigen", wie Piech im Interview mit dem "Spiegel" meinte, für die Führung im Aufsichtsrat nominiert werden? Dann dürfte auch für Winterkorn die Karriere bei VW beendet sein - als CEO. Und die angekündigte Chefposition im Aufsichtsrat und somit Nachfolge von Piëch wäre dann gleichzeitig auch geklärt.

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