VW-Abgas-Skandal: Elf Millionen PKW betroffen - Winterkorn will bleiben

Der Skandal um die manipulierten Abgaswerte bei VW-Diesel-Modellen ist größer als bisher angenommen. Elf Millionen Fahrzeuge weltweit sind davon betroffen. VW sieht sich gezwungen, 6,5 Milliarden Euro zurückzustellen. Die Aktie verlor am Dienstag bis zu 23 Prozent. VW-Chef Martin Winterkorn wird nicht zurücktreten.

Martin WInterkorn bei seiner Aussage vor dem Deutschen Bundestag (2017)

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen in den USA erreicht immer größere Dimensionen. VW-Chef Martin Winterkorn sagte in einer Videobotschaft umfassende Aufklärung zu.

Aus der Affäre um gefälschte Abgaswerte bei Dieselautos in den USA weitete sich für den deutschen Autokonzern Volkswagen binnen eines Tages zum weltweiten Skandal aus. Weltweit seien laut Volkswagen elf Millionen Fahrzeuge mit der Software ausgestattet, die die Abgaswerte manipuliert. Die beanstandete Software beeinflusse aber weder Fahrverhalten, Verbrauch noch Emissionen. "Auffällig" seien Motoren vom Typ EA 189, teilte Volkswagen mit.

Volkswagen -Chef Martin Winterkorn tritt wegen der Vorwürfe um Abgas-Manipulationen in den USA nicht zurück. Es wäre falsch, wenn wegen der schlimmen Fehler einiger weniger, die ehrliche Arbeit von 600.000 Menschen unter Generalverdacht gerät, sagte Winterkorn in einem Video-Statement, das auf der Webseite des Konzerns veröffentlicht wurde. "Deshalb bitte ich um ihr Vertrauen auf unserem weiteren Weg."

Video-Statement von Volkswagen Chef Martin Winterkorn © Video: Volkswagen AG

VW-Chef Martin Winterkorn hat im Skandal um manipulierte Abgasmessungen in den USA eine umfassende Aufklärung zugesagt und um Vertrauen gebeten. "Wir klären das auf", sagte Winterkorn in einer Videobotschaft per Internet am Dienstag. "Ich gebe Ihnen mein Wort, bei all dem werden wir mit der nötigen Transparenz und Offenheit vorgehen." Eine solche Manipulation dürfe es nie wieder geben. "Wir werden alles tun, um Ihr Vertrauen Schritt für Schritt zurückzugewinnen", ergänzte er. Die rund 600.000 Mitarbeiter des Konzerns hätten es nicht verdient, unter Generalverdacht gestellt zu werden.

Dobrindt setzte Untersuchungskommission ein

Der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) setzte inzwischen eine Untersuchungskommission ein. Das Gremium unter Leitung von Staatssekretär Michael Odenwald werde noch diese Woche nach Wolfsburg reisen und Einblick in Unterlagen erbitten, teilte das Verkehrsministerium am Dienstag in Berlin mit. Beteiligt sei auch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). "Unsere Kommission wird untersuchen, ob die betreffenden Fahrzeuge innerhalb der bestehenden deutschen und europäischen Vorschriften gebaut und geprüft worden sind - und ob dies konform der Fahrzeugzulassungen geschehen ist", erklärte Dobrindt.

VW kappt nun seine Gewinnziele und legte 6,5 Milliarden Euro auf die Seite. Im dritten Quartal wird VW damit voraussichtlich einen Verlust einfahren - bisher gingen Analysten von einem Gewinn von knapp drei Milliarden Euro aus. Auch das Ergebnis des laufenden Geschäftsjahres wird unter dem Skandal leiden. VW-Hauptaktionär Porsche teilte mit, das Ergebnisziel dementsprechend anzupassen. Volkswagen ist um eine rasche Aufklärung der Manipulation bemüht, der Konzern dulde "keinerlei Gesetzesverstöße", wie es in einer Aussendung heißt.

Porsche-Chef als Winterkorn-Nachfolger?

Unterdessen berichtet der Berliner "Tagesspiegel" unter Berufung auf Aufsichtsratkreise, dass VW-Chef Martin Winterkorn am Freitag bereits den Chefsessel räumen wird. Nachfolger soll Porsche-Chef Matthias Müller werden. Der 68-jährige Winterkorn soll das Vertrauen der Aufsichtsräte verloren haben.

Ein Sprecher von VW wies den Bericht umgehend zurück und bezeichnete die Winterkorn-Ablöse durch Müller als "Schwachsinn".

Eigentlich sollte am Freitag bei der Aufsichtsratsitzung der Vertrag von Winterkorn verlängert werden. Am Mittwoch wird Medienberichten zufolge bereits das Präsidium des Aufsichtsrats zu einer Krisensitzung zusammenkommen.

Abgaswerte millionenfach manipuliert

Volkswagen wird vorgeworfen, die Motorelektronik von Dieselmodellen so manipuliert zu haben, dass sie bei Tests bessere Abgaswerte als im Straßenverkehr vorgaukelt. Laut US-Umweltbehörde entwickelte VW dazu eine Software. Die Dieselfahrzeuge stießen folglich im regulären Straßenverkehr mehr gesundheitsschädliche Stickoxide aus als erlaubt. Rund 480.000 Fahrzeuge sind von den Manipulationsvorwürfen betroffen. Gerade mit den TDi-Direkteinspritzern wirbt der Konzern massiv in den USA. "Wir müssen unsere Autos in Ordnung bringen. Und wir müssen unser Verhältnis zu unseren Händlern und Kunden in Ordnung bringen", sagte VW-US-Chef Horn.

Ans Licht gekommen sind die gefälschten Abgaswerte durch Recherchen des International Council in Clean Transportation (ICCT), die letztlich die genauen Überprüfungen in den USA in Gang setzten; die Umweltbehörde EPA stieß auf die von Volkswagen ausgetüftelte Manipulationssoftware.

VW Passat TDI Blue Motion auf der IAA in Frankfurt. Mit Modellen wie diesem wirbt VW besonders in den USA.

Volkswagen verliert 27 Milliarden Euro an Börsenwert

Massive Spuren hinterlassen hat der Skandal an der Börse. Nachdem am Montag die VW-Papiere um fast 19 Prozent in den Keller rasselten - zwölf Milliarden Euro Marktwert wurden vernichtet -, hat sich die Talfahrt am Dienstag beschleunigt. Die Titel von Europas größtem Autobauer verloren in der Spitze 23,3 Prozent auf ein Vier-Jahres-Tief von 101,35 Euro. Noch am Freitag hatte eine VW-Aktie 162,40 Euro gekostet. Damit büßte der Wolfsburger Konzern seit Bekanntwerden des Abgas-Skandals knapp 27 Milliarden Euro an Börsenwert ein. Dies entspricht in etwa der gesamten Marktkapitalisierung der Münchener Rück, des weltgrößten Rückversicherers.

Aus Sicht von Experten ist nun ein Austausch des Managements nötig, damit die Talfahrt der Volkswagen-Aktie gestoppt werden kann. "Ohne einen personellen Neuanfang, wird die Aktie sich nicht erholen können." Nach Einschätzung von Marktanalyst Heino Ruland vom Brokerhaus ICF könnte die Aktie noch auf bis zu 80 Euro fallen.

Dem Kurssturz bei VW entkommen andere europäische Fahrzeug-Hersteller und Zulieferer nicht. Der Branchenindex fällt um 8,8 Prozent auf ein Zehn-Monats-Tief von 462,05 Punkte. Damit ist der Börsenwert der dort gelisteten Werte binnen zwei Tagen um rund 51 Milliarden Euro geschrumpft. Das ist mehr als BMW insgesamt wert ist. Die Sorge, wie stark der Volkswagen-Skandal seine Kreise ziehe und auch andere Werte "Made in Germany" belaste, setze dem deutschen Aktienmarkt zu, sagt Andreas Paciorek vom Brokerhaus CMC Markets.

Die Talfahrt vom Montag hat sich für die VW-Aktie am Dienstag beschleunigt.

Weltweit fordern Regierungen eine rasche Aufklärung des VW-Skandals

  • Österreichs Infrastrukturminister Alois Stöger (SPÖ) sagte über den VW-Skandal, dass sich technische Begutachter in Österreich die Fahrzeuge ganu ansehen werden. Die Werte würden hierzulande regelmäßig überprüft und eingehalten werden, so der Minister weiter.
  • Europäische Union: Die EU-Kommission hält spezielle Abgas-Kontrollen von Volkswagen-Autos in Europa zunächst für unnötig. Es sei verfrüht zu sagen, ob "unmittelbare spezifische Überwachungsmaßnahmen auch in Europa notwendig sind und ob von Volkswagen in Europa verkaufte Autos ebenfalls betroffen sind", teilte die Kommission mit. Allerdings habe die Kommission das Thema im Auge und sei mit VW und den zuständigen US-Behörden in Kontakt.
  • Italien: Die italienische Regierung fordert von Volkswagen und vom Kraftfahrtbundesamt Aufklärung. Das Verkehrsministerium ist besorgt, ob die in den USA angewendeten Manipulationen auch auf die in Italien verkauften VW-Autos zutreffen, und begann auch mit eigenen Untersuchungen.
  • Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat eine schnelle Aufklärung des Abgas-Skandals beim Autobauer VW gefordert. "Was VW anbelangt, so geht es angesichts der schwierigen Lage jetzt darum, volle Transparenz zu zeigen, den gesamten Vorgang aufzuklären", sagte Merkel. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte eine Anweisung an das Kraftfahrt-Bundesamt an, bei Dieselmodellen jetzt strenge spezifische Nachprüfungen durch unabhängige Gutachter zu veranlassen.
  • Die Schweiz will etwa prüfen, ob derselbe Typ von Diesel-Fahrzeugen in der Schweiz verkauft wurde. Mit Ergebnissen sei innerhalb von einigen Tagen zu rechnen.
  • Frankreich Der französische Finanzminister Michel Sapin fordert eine großangelegte Untersuchung auf EU-Ebene. Um die Bürger zu "beruhigen", müssten nicht nur VW-Fahrzeuge, sondern auch andere europäische Hersteller kontrolliert werden.
  • Australien: In der VW-Diesel-Affäre hat Australiens Verbraucherschutz- und Wettbewerbsbehörde eine Untersuchung eingeleitet. Nach Medienberichten vom Donnerstag will die Australian Competition and Consumer Commission (ACCC) herausfinden, ob Volkswagen die Besitzer von Dieselautos über die tatsächliche Abgasmenge ihrer Fahrzeuge getäuscht oder in die Irre geführt hat. Schätzungen zufolge habe der deutsche Hersteller seit 2009 rund 50.000 Dieselautos in Australien verkauft, hieß es. Es sei aber noch nicht klar, ob diese Wagen mit der in die Kritik geratenen Software zur Manipulierung des Schadstoffausstoßes ausgestattet seien.
  • Südkorea: Auch Südkorea will Klarheit darüber, ob Pkw von Volkswagen im südkoreanischen Straßenverkehr mehr Schadstoffe in die Luft blasen als von VW angegeben. Das Umweltministerium in Seoul bestellte für Mittwoch Vertreter des Konzerns ein und kündigte eigene Untersuchungen ab Oktober an.
  • Mexiko: Das mexikanische Umweltministerium kündigte am Mittwoch Untersuchungen an. Die Behörde werde prüfen, ob VW auch in Mexiko bei einigen Diesel-Fahrzeugen die Abgasvorschriften vorsätzlich umgangen habe. Umweltminister Rafael Pacchiano sagte, dass das Land bei einem Verstoß von VW handeln werde. Er hoffe, dass dem Ministerium bereits in den kommenden Tagen Ergebnisse der Untersuchungen vorlägen.

Strafrechtliche Ermittlungen

In den USA hat inzwischen das US-Justizministerium Medienberichten zufolge strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet, die US-Umweltbehörde EPA kündigte an, nun auch die Dieselfahrzeuge anderer Hersteller prüfen zu wollen .Die EPA erklärte, gemeinsam mit der kalifornischen Partnerbehörde Carb die Modelle weiterer Hersteller auf mögliche "Abschalteinrichtungen" zu überprüfen, die den Schadstoffausstoß bei offiziellen Emissionstests verringern. Die Umweltschutzbehörde machte keine Angaben dazu, welche Autobauer betroffen sind. Auch die deutschen Konzerne Daimler und BMW sind auf dem US-Markt mit Diesel-Fahrzeugen vertreten.

Bisher sind die Manipulationen nur in den USA festgestellt worden. Doch laut Auto Club Europa (ACE) könnte sich dies ändern: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Hersteller auch hierzulande spezielle Software nur für die Abgastests einsetzen, um die Klimabilanz zu beschönigen", sagte ACE-Sprecher Klaus-Michael Schaal. Das habe mit den tatsächlichen Abgaswerten des Autos im Alltagsverkehr aber rein gar nichts mehr zu tun. "Das ist systematische Verbrauchertäuschung, die weit verbreitet ist und schon lange praktiziert wird." Der ACE bezieht sich mit seinen Vorwürfen auf eigene Studien.

VW droht Milliardenstrafe

VW droht eine Milliarden-Strafzahlung von bis zu 18 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro). Das wären knapp fünf Milliarden Euro mehr als der Gewinn, den VW im Jahr 2014 (11,1 Milliarden Euro) einfuhr. Michael Horn, der Amerika-Chef von VW, entschuldigte sich Montagabend bei der Präsentation eines neuen Passat-Modells: "Wir waren unehrlich zur Umweltbehörde EPA, wir waren unehrlich zu den Behörden in Kalifornien und, am schlimmsten von allem, wir waren unehrlich zu unseren Kunden. Um es auf gut Deutsch zu sagen: Wir haben Mist gebaut." Auch Konzernchef Martin Winterkorn hatte sich öffentlich für das Vorgehen in den USA entschuldigt.

Weitere Kosten drohen Volkswagen durch Rückruf und Umrüstung der betroffenen Modelle sowie mögliche Regressansprüche von enttäuschten Kunden und Aktionären. Die EPA stellte allerdings klar, dass sie noch keinen formalen Rückruf angeordnet habe. Zunächst müsse VW aber in einem "angemessenen Zeitraum" einen Plan für die Umrüstung der beanstandeten Modelle entwickeln.

In den USA wirbt Volkswagen massiv mit den sauberen Dieselfahrzeugen wie dem Golf TDI.

Personelle Konsequenzen

In Deutschland forderte Aufsichtsratmitglied und Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies personelle Konsequenzen. "Wir werden jetzt, glaube ich, in den nächsten Tagen und Wochen ... die Details erfahren, wer, wann, wo welche Entscheidungen getroffen hat, wer dafür verantwortlich ist", sagte er. Niedersachsen ist zweitgrößter Anteilseigner und hat einen Stimmrechtsanteil von 20 Prozent. Einen Rücktritt von Vorstandschef Martin Winterkorn forderte er nicht. Lies sagte auch: "Im Moment gehe ich nach meiner Kenntnis davon aus, dass es sich ausschließlich um die Dieselmotoren handelt". Das sei schon dramatisch genug.

VW muss sich in den kommenden Wochen einer Anhörung bei der US-Umweltbehörde EPA stellen. Außerdem will sich ein Ausschuss des US-Kongresses damit beschäftigen. Das kündigten die beiden US-Politiker Fred Upton (Energie- und Handelsausschuss des Repräsentantenhauses) und Tim Murphy (Untersuchungs-Unterausschuss) an. "Das amerikanische Volk verdient Antworten und Zusicherungen, dass dies nicht wieder passiert", so die beiden Kongress-Mitglieder.

"Made in Germany" hat Kratzer bekommen

Der Skandal bei Volkswagen könnte sich laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) auf die deutsche Wirtschaft auswirken. "Der Imageschaden wird VW nicht nur in den USA, sondern auch global teuer zu stehen kommen. Damit werden auch Jobs bei VW und vielen Zulieferern in Deutschland gefährdet sein", sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Wirtschaftsvertreter sprechen bereits von einem "Image-GAU" für die so stark auf den Export ausgerichtete deutsche Autoindustrie. "Das Gütesiegel 'Made in Germany' insgesamt hat kräftige Kratzer bekommen", klagt ein führender Wirtschaftsvertreter.

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