Schicksalsjahr für das Riesenreich

Bisher konnte Präsident Putin die Wirtschaftsmisere mit Großmacht-Politik kompensieren. Doch niedriger Ölpreis und Rubel-Absturz bringen ihn zunehmend in Bedrängnis.

Schicksalsjahr für das Riesenreich

Die Signale aus Moskau klingen beunruhigend. Das russische Militär hat soeben 38 neue Interkontinentalraketen, die mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden können, gekauft. Auch in anderen Waffengattungen wird massiv aufgerüstet. Die sibirische Rüstungsindustrie produziert auf Hochtouren. Es gilt, den Status Russlands als Großmacht wiederherzustellen und Eroberungen wie die Halbinsel Krim zu zementieren. Dabei nimmt Präsident Wladimir Putin auch harte Sanktionen der USA und der Europäischen Union in Kauf. Deren Ende ist nicht absehbar und stellt die Wirtschaft des Landes im kommenden Jahr auf die härteste Belastungsprobe seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Russland-Krise 1998.

Die Zahlen sprechen für sich: Elvira Nabiullina, Chefin der russischen Zentralbank, rechnet für das kommende Jahr mit einem Fortschreiten der enormen Kapitalflucht. Sie beziffert das 2015 voraussichtlich von Unternehmen, Investoren und privaten Haushalten abgezogene Kapital mit rund 120 Milliarden Dollar. Hinzu kommt der rasant fortschreitende Verfall der Landeswährung Rubel. Nahezu wöchentlich werden neue Tiefststände gemeldet. Seit Jahresbeginn wurde der Rubel um über 40 Prozent abgewertet. Ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen. Darunter leidet die Bevölkerung durch verteuerte Importe.

Rezession durch Ölpreis-Tief

Die Lage im kommenden Jahr wird sich weiter verschärfen, wenn der Ölpreis weiter fällt oder auf dem aktuell niedrigen Niveau verharrt. Denn Russland braucht einen Preis von 90 bis 96 Dollar pro Barrel (159 Liter), um eine Rezession nachhaltig abwehren zu können. Doch danach sind es derzeit absolut nicht aus.

Hinzu kommen die gewaltigen Schulden, die russische Unternehmen angehäuft haben. Die Außenstände betragen gewaltige 500 Milliarden Dollar, wovon 130 bis Ende 2015 bezahlt werden müssen. Ob das gelingt, ist mehr als fraglich. Denn sogar Kreml-nahe Energieunternehmen wie Rosneft stehen unter großem Zahlungsdruck. Zuletzt wollte Rosneft ein 44-Milliarden-Darlehen vom russischen Staat, was freilich aus Gründen der Reputation abgelehnt wurde.

Kein Ende der EU-Sanktionen

Tatsächlich treffen die EU-Sanktionen Putins Reich wesentlich härter als ursprünglich erwartet. Zwar werden einzelne Maßnahmen von den EU-Gremien laufend evaluiert, und die nächste große Entscheidung über Verlängerung, Aussetzung oder gar Verschärfung der Sanktionen steht im Februar an - doch im Kreml gibt man sich diesbezüglich keinen Illusionen hin. Vize-Wirtschaftsminister Alexej Wedew meinte zuletzt: "Wir gehen davon aus, dass die Sanktionen das gesamte Jahr 2015 über in Kraft bleiben. Das bedeutet geschlossene Kapitalmärkte für die Mehrheit der russischen Unternehmen und Finanzinstitute.“

Wie wird sich die Wirtschaftsmisere auf die Bevölkerung und die wichtigsten Handelspartner Russlands, darunter auch Österreich, auswirken? Im Alltag der Menschen zwischen Wladiwostok und St. Petersburg sind die Sanktionen vor allem durch ein verändertes Warenangebot in den Supermärkten zu spüren. Statt westeuropäischer Delikatessen gibt es nun Wurst aus Weißrussland und Weintrauben aus China. Die Umstellung der Lieferantenländer wird auch 2015 anhalten und trifft auch österreichische Unternehmen wie Greisinger (Wurst-und Fleischwaren), Kotanyi (Gewürze) und diverse Obstbaugenossenschaften. Der Haken: Sind erst einmal die Lieferanten ausgetauscht, kehrt man auch nach Ende der Sanktionen kaum zum früheren Status zurück - ein Umstand, vor dem auch Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl warnt.

Medienoffensive

Die russische Regierung müht sich indes redlich, zumindest auf der Informationsfront das Bild der starken Wirtschaftsmacht aufrechtzuerhalten. Über den Twitter-Kanal von "Russia Today“ trudeln täglich Meldung über neue Innovationen der Industrie ein. Und auch was Bildung, Wissenschaft und Sport betrifft, läuft die PR-Maschinerie reibungslos. Präsident Putin will diese 2015 weiter ankurbeln. So wird "Russia Today“ 2015 einen deutschsprachigen Kanal starten.

Positiv-Image ist vor allem auf der Energiefront von Nöten. Denn die größte Trumpfkarte Russlands sind immer noch die Gaslieferungen nach Westeuropa. Und diese Karte wird auch im kommenden Jahr wieder stechen. Das Atout: Dreht Russland einigen Ländern wie Bulgarien, Polen, der Ukraine, aber vor allem Deutschland das Gas ab, führt dies unweigerlich zu enormen wirtschaftlichen Problemen. Und mit dem Aus für das Russland umgehende Pipeline-Projekt Nabucco ist die EU mehr denn je auf Taiga-Gas angewiesen. Unangenehm: Das heuer vor allem von der österreichischen OMV gemeinsam mit der Gazprom vorangetriebene Projekt Southstream ist durch Russlands Ärger seit November abgebrochen. Zwar ist die Versorgungssicherheit nicht unmittelbar gefährdet. Unruhen und Fortsetzungen der Kampfhandlungen in der Ukraine können die Situation aber rasch verschärfen.

Unfreundlich sieht auch die Lage für österreichische Banken aus, die in Russland engagiert sind - allen voran die Raiffeisenbank International (RBI). Wobei der Chef der RBI in Russland, Sergej Monin, die Lage entspannt sieht und betont, noch keine signifikanten Auswirkungen aufs Geschäft festzustellen. Russische Banken in der EU müssen sich bezüglich Refinanzierung mehr Sorgen machen und leiden auch unter atmosphärischen Auswirkungen der neuen Eiszeit zwischen Ost und West.

Putins Polit-Zukunft

Politisch wird 2015 für Präsident Wladimir Putin aber erneut zum Schicksalsjahr. Zwar sind weit und breit keine ernsthafte Opposition und kein persönlicher Widersacher in Sicht. Die gegenseitige Abhängigkeit von der Gunst und vor allem dem Geld der Oligarchen bietet aber durchaus Konfliktstoff. Putin kapselt sich zunehmend ab und vertraut hauptsächlich auf seine alten Freunde aus St. Petersburg. Der Machtfaktor Armee scheint durch jüngste Waffenkäufe und die Eroberung der Krim ruhiggestellt.

Hauptproblem ist die immer weiter wachsende Kluft zwischen sehr armen und sehr reichen Bürgern. Bis auf Großstadtregionen wie Moskau ist kaum ein Mittelstand vorhanden. Vor allem die Landbevölkerung leidet unter Abwanderung, maroder Infrastruktur und Perspektivenlosigkeit. Bisher hat die Bevölkerung jede Verschlechterung der wirtschaftliche Lage mit stoischer Ruhe hingenommen. Doch das könnte sich ändern. Putin muss rasch Maßnahmen setzen, um die Unzufriedenheit zu bekämpfen. Die offizielle Arbeitslosigkeit betrug im abgelaufenen Jahr 6,2 Prozent. Wirtschaftsforscher gehen aber von einer Steigerung auf über sieben Prozent aus.

Fazit: Russland wird auch 2015 die Welt in Atem halten. Imperialismus, das Drohen mit der Gas-Karte und diplomatische Frontalangriffe werden weiter aktuell bleiben. Putin versteht sein Land als Gegengewicht zum Westen, sind sich sämtliche Politikbeobachter einig. Für die Wirtschaft, auch in Österreich, bedeutet das vor allem Unsicherheit. Da kann etwa Russlands Botschafter in Wien, Sergej Netschajew, vom guten Klima zwischen Wien und Moskau sprechen. Das mag für Kultur und Diplomatie gelten - für die Wirtschaft hingegen weniger.

Lesen Sie den ganzen Artikel in FORMAT Nr. 51/52 2014
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