Richtungswechsel des Gasriesen

Richtungswechsel des Gasriesen

Gazprom CEO Alexej Miller

Die russische Gazprom wendet sich vom Westen ab und legt den Fokus auf Asien. Als Europas wichtigster Gaslieferant auszufallen, kann sie sich aber nicht leisten.

Vergangenen Montag, Berlin, Hotel Sofitel. Seit Monaten gab es von Alexej Miller, dem CEO von Gazprom, keine Aufritte mehr in Europa, jetzt soll er bei einer Konferenz sprechen. Der Saal ist voll besetzt. Miller kommt zu spät, nimmt am Podium Platz und stellt fest: Das Mikrofon funktioniert nicht. Dass auch beim größten Gaskonzern der Welt nicht alles ganz optimal läuft - der Gewinn brach 2014 ohne das Ölgeschäft um 70 Prozent auf drei Milliarden Euro ein -, merkt man Miller ein paar Minuten später nicht an. Locker und selbstbewusst lässt er aufhorchen: "Europa und Asien sind auf dem Weg in eine neue Energiewelt", sagt er. Nicht nur Europa, sondern vor allem China soll in Zukunft auf Gas aus Sibieren zugreifen. Schon Ende des Jahres soll der Rohstoff aufgrund der neuen Nachfrage wieder teurer werden, 2016 setze sich das fort.

Millers Berliner Aufritt verdeutlicht, was sich seit ein paar Monaten abzeichnet: Gazprom (ISIN US3682872078) stellt sich neu auf. Europa, sein mit großem Abstand wichtigster Abnehmer, soll Konkurrenz im Osten bekommen. Was bedeutet das für die EU, die rund 30 Prozent ihres Gasverbrauchs aus Russland bezieht?

Die schwache Konjunktur, die Ukraine-Russland-Krise, der Verfall des Rubels und die Bestrebungen der Europäischen Union, sich unabhängiger von russischem Gas zu machen, setzten dem Konzern in den vergangenen Jahren zu. Dass der Anteil an langfristigen Lieferverträgen von 75 Prozent auf 50 Prozent gesunken ist und der niedrige Marktpreis auch Gazprom zu kräftigen Preisnachlässen zwang, macht ihm ebenso zu schaffen wie der Aufstieg von erneuerbaren Energien und Flüssiggas. Die EU-Sanktionen gegen Russland erschweren zudem, sich im Westen zu finanzieren. Noch 2008 sprach Miller davon, den Börsenwert auf eine Billion Dollar zu steigern. Heute liegt er, auch bedingt durch den für Gas wesentlichen niedrigen Ölpreis, bei 50 Milliarden Euro.

Dass der mehrheitlich dem russischen Staat gehörende Konzern strategische Änderungen vornimmt, kommt nicht ganz überraschend. Verhandlungen mit China liefen über Jahrzehnte. Doch die Europa-Pläne wurden nun schneller ad acta gelegt, als Beobachter es vermuteten. "Gazprom hatte lange vor, hier Energiehandel, Produktion und Speicher auszubauen", sagt Andrey Politschuk, in Moskau sitzender Gazprom-Spezialist der Raiffeisen Centrobank.

Doch Ende 2014 hat sich Gazprom von der South-Stream-Pipeline verabschiedet , an der auch die OMV beteiligt gewesen wäre. Der Ausbau der Beteiligung an der Nord-Stream-Pipeline wurde abgesagt, ein Milliardendeal mit dem deutschen Chemieriesen BASF ebenso. Vor wenigen Tagen stieg das Unternehmen aus dem deutschen Versorger VNG aus. Auch Handels-und Marketinsparten Gazproms sollen von Europa nach Russland verlegt werden.

Lesen Sie den ganzen Artikel in FORMAT Nr. 16/2015
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