Original vs. Fälschung: Milliardenmarkt Produktpiraterie

Original vs. Fälschung: Milliardenmarkt Produktpiraterie

Ob Wasserkocher, Duschkopf, Taschenmesser oder ein Spielzeug-Bagger, kaum ein Produkt ist vor Fälschung sicher. Der finanzielle Schaden durch Plagiate geht in die Milliarden, tausende Arbeitsplätze sind gefährdet. Den Hersteller zu finden, ist für die Unternehmen mühsam und kostspielig. Fälschungen schaden aber auch dem Konsumenten, eine Ausstellung in Wien versucht, auf Plagiate aufmerksam zu machen.

Die beiden Duschköpfe "Relax Plus Top 4" sind optisch nicht voneinander zu unterscheiden. Es scheint, als seien Original und Kopie absolut gleich verarbeitet - selbst die Verpackung sieht verblüffend ähnlich aus. Lediglich ein Buchstabe auf dem Karton verrät den Betrug: "Grohi" statt "Grohe".

Vom Duschkopf über ein Salatbesteck bis hin zum Winkelschleifer werden in der Ausstellung "(Un)echt - Original vs. Fälschung" im Designforum Wien derzeit rund 50 Originale und ihr gefälschtes Pendant gezeigt. Erstmals in Österreich sieht man Exponate aus der Sammlung der Aktion Plagiarius in Solingen. Diese wurde 1977 von Designer Rido Busse ins Leben gerufen und sammelt seitdem dreiste Nachahmungen.

Christine Lacroix von Plagiarius sagt, viele Plagiate werden auf Designmessen entdeckt. "Der Zoll macht zusammen mit Firmenanwälten und Mitarbeitern, häufig auch mit Kamerateams Rundgänge auf Messen und sucht nach Imitaten. Werden gefälschte Waren gefunden, werden diese vom Messestand genommen und Kataloge geschwärzt."

Weder etwas Banales wie ein Duschkopf, noch die Technik eines Hochdruckreinigers sind vor Fälschung sicher. Zu den häufigsten Fälschungen gehören Bekleidung, Kinderspielzeug, Sportartikel, Handys, Filme, aber auch Lebensmittel, Medikamente bis hin zu Flugzeugteilen und ganzen Fabrikanlagen. Im Museum Plagiarius in Solingen wurden bisher über 350 Originalprodukte sowie die dazugehörige Fälschung zusammengetragen.

Doch das ist nur ein verschwindend kleiner Teil der Fälschungen am Markt. Allein 2012 haben die Zollbehörden der EU Produkte im Wert von einer Milliarde Euro an den EU-Außengrenzen beschlagnahmt. Fast drei Viertel der Waren - rund 72 Prozent - kamen aus China und Hongkong. Weltweit wird der Wert, der mit gefälschten Waren umgesetzt wird, auf 600 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Industrieländer geben Fälschungen in Auftrag

Auch wenn viele Fälschungen aus Fernost stammen sind es oftmals die Industrieländer selbst, die Fälschungen in Auftrag geben oder die gefälschten Waren importieren. "Die Asiaten fälschen nicht, weil sie selbst darauf kommen, sondern Europäer reisen mit unserem Produkt nach Asien und geben dort die Fälschung quasi in Auftrag. Oft werden auch ganze Konzepte kopiert", sagt Katrin Bode von Koziol Deutschland.

Das mittelständische Unternehmen im hessischen Erbach ist ein führender Anbieter für Design von Büro- und Haushaltswaren und exportiert in 60 Länder. Vom Hocker bis zum Lampenschirm und von der Käsereibe bis zur Klobürste stellt das Unternehmen über 600 verschiedene Artikel her. Von 15 Prozent der Gesamtkollektion tauchten schon Plagiate auf, der Schaden beträgt mehrere Millionen Euro.


Gießkanne von Koziol mit Fälschung/Bild: Aktion Plagiarius

Nur ein Bruchteil der Fälschungen wird entdeckt

"Was wir finden ist nur ein Bruchteil dessen, was auf dem Markt kursiert", so Bode. Beinahe wöchentlich werden bei Koziol Plagiate entdeckt. Entweder informieren Ländervertretungen oder die Imitate werden bei Reklamationen identifiziert. "Sie fälschen alles, vor allem Produkte, die erfolgreich sind", so Bode. Zum Beispiel die Käsereibe "Kasimir": Das Original kostet 11,45 Euro, die Kopie aus Asien nur 2,50 Euro. Von der Gießkanne "Elise" (siehe Foto) existieren ebenfalls Kopien und von einer Saftkanne wurden schon rund 30 verschiedene Plagiate entdeckt.

Unternehmen wie Koziol haben für ihre Produkte einen sogenannten Geschmacksmusterschutz, den sie beim Patentamt einreichen. Dadurch wird die äußere Form geschützt, unabhängig etwa von Farbe oder Design. Sobald ein Plagiat auftaucht, versucht man bei Koziol, den Hersteller ausfindig zu machen - ein nahezu unmögliches Unterfangen. "Das ist eine Kostenfrage. Wir sind ein mittelständisches Unternehmen und Recht zu bekommen, ist sehr schwierig", so Bode. Gefunden werden hingegen kann der Lieferant: "Die Aufklärungsquote liegt bei nahezu hundert Prozent", sagt Bode.

Weniger, aber dafür teurere Fälschungen konfisziert

In Österreich zog der Zoll 2013 98.440 Produkfälschungen aus dem Verkehr. Laut Produktpirateriebericht des Bundesfinanzministeriums haben die beschlagnahmten Imitate einen Originalpreis von 5,6 Millionen Euro. Zwar hat sich die Anzahl an beschlagnahmten Waren halbiert (2012: 182.046), doch der Gesamtwert stieg an: 2012 betrug der Wert der Fälschungen nur 4,2 Millionen Euro. Ursache hierfür sind vor allem hochpreisige Kosmetika und Mobiltelefone.


Original und Fälschung: Gameboy von Nintendo/ Bild: Aktion Plagiarius

Auf europäischer Ebene stellen Produktfälschungen aus China, Vietnam und der Mongolei ein großes Problem dar. "Russland ist ein Durchgangsland für gefälschte Produkte aus dem ostasiatischen Raum", so Ernst Klicka, Geschäftsführer beim Verband der Markenartikelhersteller Österreichs MAV. Die Fälscher würden sich vor allem auf bekannte Haushaltsmarken konzentrieren.

Enge Zusammenarbeit mit dem Zoll

Bei Victorinox, dem prominenten Hersteller der Schweizer Taschenmesser, versucht man Fälschungen gezielt mit Aufklärung entgegenzusteuern. Da die meisten Fälschungen aus China und Hongkong stammen, startete ma dort ein spezielles Anti-Piraterieprogramm, bei dem mit lokalen Anwälten zusammengearbeitet wird. Internetplattformen werden systematisch überprüft, die Anbieter von Fälschungen abgemahnt und Razzien durchgeführt. Doch die Fälscher seien schlauer geworden, sagt Bettina Linder, bei Victorinox für Rechtsfragen zuständig. "Sie lassen nur noch Einzelteile produzieren, irgendjemand setzt dann die Teile zusammen", so Linder.

Kein Wunder, dass die gefälschten Taschenmesser (siehe Foto) eine schlechte Qualität haben: Die Schale bestehe oft aus billigem Plastik, die Klinge aus minderwertigem Stahl und die einzelnen Teile klemmen, so Linder. Gefälscht wird neben Messern alles, auf dem das populäre "Crossing Shield"-Emblem prangt: Uhren, Bekleidung und Geldbörsen.


Gefälschtes Taschenmesser und Original

Um die Ausfuhr der gefälschten Waren zu verhindern, arbeiten die Schweizer Messerhersteller eng mit den Zollbehörden an chinesischen Häfen und Flughäfen zusammen. "Wir machen die Zöllner darauf aufmerksam und schulen sie, nach welchen Kriterien sie eine Fälschung vom Original unterscheiden können", sagt Linder.

Auch bei Victorinox geht der Schaden in die Millionen, genaue Zahlen kann Linder nicht nennen, nur so viel: "2002 haben wir sieben Millionen Offiziersmesser in die USA geliefert. Aus China gelangten im gleichen Zeitraum 64 Millionen Fälschungen weltweit in Umlauf."

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