Österreichs Start-ups erobern die Gründermetropole London

Österreichs Start-ups erobern die Gründermetropole London

Im Rahmen der "Pitching Days" konnten österreichische Start-ups ihre Unternehmen vor britischen Investoren präsentieren. Im Vereinigten Königreich floriert die Szene - vor allem aufgrund massiver Steuererleichterungen für Investoren.

„Die Investoren werden Sie vermutlich fragen, ob Sie ein Tochterunternehmen in England gründen wollen“, sagt Monika Dunkel, Head of Technology Affairs am Außenwirtschaftscenter London zu den versammelten österreichischen Jungunternehmern: „Das hat steuerliche Gründe, und Sie sollten die Frage mit ‚Ja‘ beantworten.“ Ausgewählte heimische Start-ups dürfen im Rahmen der „Pitching Days London“ ihre Unternehmen vor britischen Investoren präsentieren, und wenige Minuten vor Beginn der „Pitches“ klärt Dunkel die Unternehmer noch ein letztes Mal über die wichtigen Dos&Don’ts auf. Die Teilnehmer geben sich entspannt und knabbern vor ihrem Auftritt noch an den Mannerschnitten, mit denen die Außenhandelsstelle den Wirtschaftsstandort Österreich auch auf kulinarischer Ebene bewirbt.

Die Auswahl der an den Pitching Days teilnehmenden Start-ups ist breit – sowohl in Bezug auf die thematische Fokussierung, als auch in punkto Qualität der Präsentationen. Während manche Gründer selbstsicher auf der Bühne auftreten, haben andere scheinbar Schwierigkeiten, ein akzentfreies Englisch zu sprechen – hier besteht definitiv bei manchen Start-ups Verbesserungsbedarf, wenn sie international reüssieren wollen. Auf inhaltlicher Ebene reicht die Bandbreite von Fintech-Startups über Security-Lösungen und Medizin bis zu Musikproduktion.

Rainer Philippeit war schon auf conda.at erfolgreich. Nun pitchte er vor britischen Investoren.

Rainer Philippeit zum Beispiel ist ein ehemaliger burgenländischer Exekutivbeamter, der mit einem Handvenenscanner den Zugang in Hochsicherheitsbereiche von Unternehmen oder Veranstaltungsorten verbessern will – die Technologie ist sicherer als herkömmliche Zugangslösungen wie Iris- oder Fingerabdruckscanner, verspricht er. Mit einer Crowdinvesting-Kampagne auf conda.at hatte er vor seiner London-Reise 50.000 Euro Kapital eingesammelt.

Ein ganz anderes Projekt ist die Fresnex GmbH von Hartmut Schneider – mit der Lösung dieses Unternehmens kann Solarenergie in Wasserdampf umgewandelt werden. Die Econob GmbH wiederum hat sich darauf spezialisiert, geschriebenen Text semantisch zu analysieren, um so Investoren bei ihren Entscheidungen zu unterstützen; die DealMatrix GmbH hat eine App programmiert, mit der Investoren die Pitches von Start-ups bewerten können – für Gründer Christoph Drescher ergibt sich der angenehme Nebeneffekt, dass er bei jedem Pitch vor Investoren gleichzeitig ein Verkaufsgespräch mit potenziellen Kunden führt.

An die Zielgruppe von Hobbymusikern richtet sich hingegen Sofasession: Hier können Musiker aus aller Welt online miteinander musizieren und ihre Musik aufnehmen. Und HappyMed ist ein Start-up, das Filme auf einer Virtual Reality-Brille zeigt – dadurch sollen Patienten während ihres Zahnarztbesuchs beruhigt werden.

Helmut Herglotz erklärt professionelle Musiksoftware. Sein eigenes Produkt "Sofasession" lässt sich viel leichter bedienen.

Die britischen Investoren reagieren sehr unterschiedlich auf die Präsentationen der Österreicher. Liliana Reasor etwa ist eine Investorin, die sich auf Fintech spezialisiert hat und somit die Pitches von Econob und DealMatrix verfolgte. Tom Daale, Business Unit Leader von Scaale London, sagt hingegen, dass Fresnex für ihn ein interessantes Start-up war – allerdings weniger für den sonnenarmen britischen Markt, sondern für Indien, wo sich mit der Sonnenkraft diverse Energieprobleme lösen ließen. Denn auch das zeigt sich im Gespräch mit den Investoren: London ist als Destination für die heimischen Start-ups nicht nur wegen des britischen Marktes interessant, sondern auch als Sprungbrett in die USA oder in den Commonwealth-Raum.

Kritischer gegenüber den Austro-Gründern ist der Business-Berater, Seriengründer und Bestsellerautor Colin Turner: „Österreicher bekommen zum Start viel Förderung und glauben, dass sie genauso einfach Geld von Risikokapitalgebern und Business Angels bekommen“, sagt er zu FORMAT.at: „Doch manche Unternehmen sind falsch bewertet.“ Für eine gute Bewertung brauche es Marktanteil, Kunden, Umsatz und Gewinn – und viele der jungen Unternehmen haben das noch nicht. Andere berechnen ihre Bewertung nach dem Umsatz, während laut Turner der Gewinn die ausschlaggebende Kennzahl sein sollte.

London – der florierende Startup-Hotspot

Die Startup-Szene im Vereinigten Königreich floriert: Die Zahl der Neugründungen belief sich 2013 auf 526.446, 2014 sogar auf 581.173, was einem Anstieg von 10,4 Prozent entspricht. Mit ein Grund dafür ist das Angebot an alternativen Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups durch die Regierung – Stichwort: Crowdfunding. Der Markt für alternative Finanzierungsmöglichkeiten, hat sich zwischen 2012 und 2014 jährlich verdoppelt und hatte im Vorjahr eine Größe von 912 Millionen Euro. Derzeit arbeiten laut dem Inkubator TechCity UK im Vereinigten Königreich 1,46 Millionen Menschen in Technologie-Unternehmen.

Die Verteilung von Start-ups im Vereinigten Königreich.

Die Szene definiert sich durch einzelne Cluster, in denen diverse Themengebiete geographisch gebündelt sind – etwa gibt es Coworking-Spaces, die sich auf das Thema Fintech fokussieren. Die Cluster ermöglichen ihren Mitgliedern einen Wissens- und Ideenaustausch, Erfahrungseinholung, führen vielfältige Expertisen zusammen und machen eine Region dadurch attraktiv für Unternehmensansiedlungen.

Kuschelige Sofas und viel Kapital: Philipp Albrecht von HappyMed zu Besuch in einem Londoner Coworking Space.

Neben alternativen Finanzierungsformen boomt aber auch die Szene der Business Angels und Risikokapitalgeber. Im ersten Quartal 2015 wurde über 450 Milliarden Euro Venture Capital in Londoner Technologie Start-Ups investiert. Mit ein Grund dafür sind massive Steuererleichterungen, wie in einem Informationsblatt der Außenhandelsstelle erläutert wird.

ENTERPRISE INVESTMENT SCHEME

Das „ENTERPRISE INVESTMENT SCHEME“ (EIS) zielt darauf ab, kleineren Unternehmen, insbesondere in der frühen Phase der Unternehmensgründung, den Zugang zu Risikokapital zu erleichtern. Dazu zählen folgende Punkte:

Einkommenssteuererleichterung von 30%
Beispiel: bei einer Investition von GBP 10.000 in ein Unternehmen im Rahmen von EIS wird dem Investor im Jahr der Investitionstätigkeit eine Steuerreduktion von GBP 3,000 gewährt (Anm.: Steuerreduktion bis zu einem Maximum von GBP 300.000)

Keine Kapitalertragssteuer auf Gewinne aus der Beteiligung nach Ablauf einer Beteiligungsdauer von drei Jahren

Verluste aus Investitionen: bei Investitionsverlusten kann ein Betrag in Höhe des Verlustes von der zu zahlenden Einkommensteuer im Jahr der Verluste aus der Anteilsveräußerung abgezogen werden
Beispiel: Bei einer Investition von GBP 10.000 und Verlust der gesamten Investition, beträgt der tatsächliche Verlust GBP 7.000, da sich die Steuerlast des Investors im Jahr der Investitionstätigkeit um GBP 3.000 reduziert. Im Jahr der Anteilsveräußerung können diese GBP 7.000 aus Verlusten das steuerbare Einkommen des Investors reduzieren, sodass ein Investor mit 40% eine Steuererleichterung von GBP 2.800 erhält (bei einem Steuerzahler mit einem Steuersatz von 40%)

keine Erbschaftssteuer für Anteile, die im Rahmen von EIS erworben werden

SEED ENTERPRISE INVESTMENT SCHEME

Ähnlich wie das EIS ist das SEED ENTERPRISE INVESTMENT SCHEME (SEIS) aufgebaut. Es kommt jedoch nur bei Investitionen in Unternehmen mit einer maximal 2-jährigen Bestandsdauer seit Gründung zu tragen. Hier sind die Vorteile für die Investoren:

Einkommenssteuererleichterung von 50%

keine Kapitalertragssteuer auf Gewinne aus der Beteiligung nach Ablauf einer Beteiligungsdauer von drei Jahren

Verluste aus Investitionen: bei Investitionsverlusten kann ein Betrag in Höhe des Verlustes von der zu zahlenden Einkommensteuer im Jahr der Verluste aus der Anteilsveräußerung abgezogen werden

keine Erbschaftssteuer für Anteile, die im Rahmen von EIS erworben werden

Zusätzliche Erleichterung: Bei kürzlich erfolgter Zahlung an Kapitalertragssteuer für andere Investitionen, können bis zu 50% rückgefordert werden, sofern die Rückzahlung als Investition an Unternehmen unter dem SEIS zu Gute kommt.

Damit diese Vorteile geltend werden, müssen die Gelder allerdings in ein Unternehmen fließen, das seinen Sitz im Vereinigten Königreich – daher der eingangs erwähnte Ratschlag von Dunkel, jenseits des Ärmelkanals ein Tochterunternehmen zu gründen. Gegenüber format.at erklärten britische Anwälte, dass die Registrierung eines Unternehmens rasch und unkompliziert verläuft. Vieles ist auch online möglich unter www.companieshouse.gov.uk

Tel Aviv calling

Auf Grund der großen Nachfrage führt die Junge Wirtschaft (JW) gemeinsam mit der AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA und den AWS i2 Business Angels Austria das Erfolgsformat Pitching Days fort. Die nächste Station: Tel Aviv. Von 7. Bis 9. Februar 2016 können zehn ausgewählte Start-ups ihre Geschäftsideen vor israelischen Top-Investoren präsentieren werden.

Bis zum 6. Jänner können sich Start-ups für die Pitching Days Tel-Aviv mit einem vollständigen Businessplan und einem Motivationsschreiben sowie einem Pitch-Video in Englisch unter www.pitchingdays.at bewerben.

Wirtschaft

Waschmaschine an Amazon: Ich brauche Waschpulver!

Wirtschaft

Neue Jahreszeit bei der Bank Austria: Vivaldi tritt als Vorstand ab

Wirtschaft

ILO-Trendbericht: Arbeitslosigkeit nahm 2015 global zu