Österreichischer Atomrisikoexperte: Kernkraft nicht mehr wirtschaftlich

Österreichischer Atomrisikoexperte: Kernkraft nicht mehr wirtschaftlich

Laut Atomsicherheitsexperte Wolfgang Renneberg rentiert sich Kernenergie allein aus ökonomischer Perspektive nicht mehr: Areva, der weltgrößte Kernkraft-Konzern, schrieb im Vorjahr über vier Milliarden Euro Verlust. Trotzdem baut Ungarn das AKW Paks an der Donau aus - mit russischer Hilfe.

Weil die Atomkraftwerke immer älter werden und die Geldmittel für die Kernenergie knapp sind, wird das Sicherheitsproblem dort immer größer, sagte der Atomsicherheitsexperte Wolfgang Renneberg von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien anlässlich einer Fachkonferenz, der "Ersten internationalen Nuklear-Risiko Konferenz", in Wien. Seiner Ansicht nach ist das Kernenergiegeschäft in Europa und den USA wirtschaftlich am Ende.

"Kein Betreiber wird mehr ein Kernkraftwerk in Auftrag geben, bei dem es nicht ganz erhebliche finanzielle Hilfestellungen seitens eines Staates geben wird", so Renneberg, der am Boku-Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften arbeitet. Denn ökonomisch würde sich die Kernenergie nicht mehr rentieren. Ausgebaut könnte die Atomenergie allenfalls in China und Russland werden, "wo entweder billigere Konzepte realisiert werden oder dies staatlich verordnet wird", erklärte er. In den USA würden hingegen schon Kernkraftwerke vom Netz genommen, weil ihr Betrieb viel teurer ist als jener von Erdöl- und Kohlekraftwerken.

Areva schreibt Verlust - Aktie bricht ein

Die Kernkraftwerksbetreiber und -hersteller stünden derzeit unter großem finanziellen Druck. So habe etwa der in Frankreich ansässige, weltweit größte Hersteller von Atomkraftwerken (Areva) im Vorjahr über vier Milliarden Euro Verluste geschrieben, die Aktie ist innerhalb von einem Jahr um knapp 50 Prozent eingebrochen. Außerdem würden europäische Länder, in denen viele Atomreaktoren stehen - wie etwa Spanien, Frankreich und Großbritannien -, noch mit den Auswirkungen der Finanzkrise ringen. "In dieser Situation ist natürlich ein großer Druck da zu sparen, und es ist nicht zu erwarten, dass viel in die Sicherheit von Kernkraftwerken investiert wird", meint Renneberg.

Derzeit entscheide sich im Streit um das britische Atomkraftwerksprojekt Hinkley Point C, ob neue Atommeiler staatliche Subventionen erhalten sollen. "Wenn man das Projekt einfach ausschreiben würde, dann würde dort niemand ein Kernkraftwerk bauen", erklärte er. Doch die britische Regierung wolle dies möglich machen, indem sie den dreifachen Preis (im Vergleich zu jenem an den Strombörsen) für eine Megawattstunde Strom garantiert. Die Europäische Kommission habe dies gebilligt, wogegen nun unter anderem Österreich beim Europäischen Gerichtshof geklagt hat.

Knackpunkt Sicherheit

Auch sicherheitstechnisch gäbe es derzeit Probleme mit europäischen Atomkraftwerken. "In den belgischen Kernkraftwerken Doel und Tihange sind überraschenderweise eine Vielzahl von Mikrorissen in den Reaktordruckbehältern entdeckt worden", sagte Renneberg. Damit würden die Sicherheitsreserven an einer entscheidenden Stelle verringert.

"Insbesondere, wenn es zu einem Störfall oder einer schnellen Abschaltung kommt, entstehen starke Druckwechsel in dem Reaktordruckbehälter", erklärte er. Es gäbe die Besorgnis, dass in solchen Fällen die Sicherheitsreserven wegen der Mikrorisse nicht mehr ausreichen und es zu undichten oder aufgeplatzten Stellen an den Reaktordruckbehältern kommen könnte. "Der Chef der belgischen Atomaufsicht, Jan Bens, hat in einem Schreiben an all seine internationalen Kollegen erklärt, er könne sich nicht vorstellen, dass solche Mikrorisse nur in belgischen Atomkraftwerken auftreten", so Renneberg.

Gespaltene Union

Entgegen Rennebergs Ausführungen plant Ungarn, sein Atomkraft Paks an der Donau auszubauen - und zwar mit russischer Hilfe. Im Interview mit format.at hatte Atom-Experte Robert Hargraves Atomkraft im vergangenen Herbst als "saubere Energie der Zukunft" gepriesen.

Im Zuge der aktuellen Diskussionen um eine mögliche Energie-Union wird deutlich, wie unterschiedlich die Vorstellungen europäischer Staaten in Bezug auf Energiepolitik sind: Deutschland setzt im Rahmen der "Energiewende" auf den Ausbau Erneuerbarer Energien, während Großbritannien oder Frankreich ihr Heil in der Atomkraft suchen und Polen die Verfeuerung von Kohle beibehalten will.

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