Nach dem Abkommen: Österreichs Chancen im Iran

Nach dem Abkommen: Österreichs Chancen im Iran

Der Finanzplatz Teheran könnte sich Anfang 2016 für ausländische Investoren öffnen - dann würde im ersten Jahr eine Milliarde Dollar in die Börse fließen.

Einst war der Iran für Österreich einer der wichtigsten Handelspartner der Region, doch mit den Sanktionen brach das Handelsvolumen ein. Nun steht eine Renaissance bevor - Bedarf gibt es für Güter aus fast allen Branchen.

„Vor zehn Jahren war der Iran einer der wichtigsten österreichischen Partner in der Region“, sagt Hans-Jörg Hörtnagl, Regionalverantwortlicher für Süd- und Südostasien bei der Außenwirtschaft Österreich (AWO). Im Jahr 2005 lag das Außenhandelsvolumen zwischen Österreich und dem Iran noch bei 600 Millionen Euro, doch im Zuge der Sanktionen brach das Geschäft mit der islamischen Republik immer weiter ein: Der Export schrumpfte bis zum Jahr 2014 auf 213,73 Millionen Euro; exportiert wurden jene Produkte, für die keine Sanktionen gelten – etwa aus der Pharmabranche. Die Importe waren mit 19,25 Millionen Euro kaum erwähnenswert, im Ranking der wichtigsten Importeure belegt der Iran den 91. Platz. Österreich bezieht derzeit vom Iran hauptsächlich Farbstoffe, Teppiche und Trockenfrüchte.

Mit dem am Dienstag verkündeten Übereinkommen zwischen dem Iran und dem Westen ergeben sich nun neue Chancen für sämtliche Branchen – Von Infrastruktur, Energie, Petrochemie, Öl- und Gasindustrie über Medizintechnik bis hin zum Bildungsexport. In vier bis fünf Jahren, so Hörtnagl, könnte das Aßenhandelsvolumen mit dem Iran auf eine Milliarde Euro gesteigert werden: "Es besteht ein riesiger Nachholbedarf in allen Bereichen. Die waren Jahre abgeschnitten."

Für den Oktober plant die Wirtschaftskammer eine Roadshow, die sich mit dem Bildungsmarkt Iran befassen soll; zudem findet am 23. Und 24. Juli in Wien die „Iran & EU International Conference“ statt – erwartet werden 200 bis 300 Teilnehmer aus ganz Europa, Stargast ist der iranische Wirtschafts- und Industrieminister Mohammad Reza Nematzadeh. „Außerdem wird es Marktsondierungsreisen geben“, sagt Hörtnagl zu den Plänen der AWO, das Land als Handelspartner im Nahen Osten zu promoten.

Große Mittelschicht – offener Aktienmarkt

Mit knapp 80 Millionen Einwohnern und einer vergleichsweise großen Mittelschicht ist der Iran ein reizvoller Absatzmarkt für Unternehmen aus dem Westen; mit 154,6 Milliarden Barrel hat das Land die viertgrößten Ölreserven der Welt, mit 33,8 Billionen Kubikmeter Gas die weltweit zweitgrößten Gasreserven.

Neben Export und Direktinvestments könnte das Land außerdem als Finanzplatz interessant werden: Experten der Investment Bank Renaissance Capital schrieben am Montag in einem Bericht, dass sich der iranische Aktienmarkt Anfang 2016 für ausländische Spekulanten öffnen könnte – im ersten Jahr würden dann nach Einschätzung der Experten eine Milliarde Dollar in die Börse Teheran fließen.

Kein schneller Wurf

Allerdings wäre es auch naiv, plötzlich einen kurzfristigen Boom bei iranischen Direktinvestments zu erwarten. „Das dortige Engagement wird eher mittel- bis langfristig wachsen“, sagt Hörtnagl. Zuerst arbeiten Exporteure mit lokalen Partnern zusammen, dann entsenden sie Vertreter, eröffnen ein Büro – und erst in letzter Konsequenz werden Direktinvestments gemacht. Langfristig könne er sich aber vorstellen, dass Iran als Produktionshub für westliche Güter fungiert – nicht nur für den Iran selbst, sondern für die ganze Region.

Derzeit ist es allerdings noch zu früh, um über unternehmerische Pläne zu sprechen – das sagt man auch beim österreichischen Öl- und Gaskonzern OMV: „Wir sehen die Einigung als positives Zeichen,“ heißt es aus der Pressestelle: „aber es sind noch zu wenige Fakten bekannt, um über Geschäftschancen im Iran zu sprechen.“ Die OMV hatte 2007 die Absicht bekundet, an der Entwicklung des weltgrößten Gasfeldes South Pars im Persischen Golf mitzuwirken. Auf politischen Druck hin musste der Wiener Konzern aber eine mit der staatlichen iranischen Ölgesellschaft NIOC geplante Zusammenarbeit abblasen – die Frage, ob die Pläne wieder aufgenommen werden, will man bei der OMV noch nicht kommentieren.

Der ehemalige OMV-Chef Gerhard Roiss meinte erst Mitte Juni, dass er davon ausgeht, dass der Iran politisch und wirtschaftlich wieder integriert werde und die OMV darauf vorbereitet sei. Die Nabucco (Gaspipeline-Projekt, Anm.) sei ursprünglich im Hinblick auf iranisches Gas geplant gewesen, sagte Roiss damals, "auch aus politischen Gründen sind wir dann gescheitert".

Sinkt der Ölpreis weiter?

Gleichzeitig ist der Iran ein wichtiger Faktor für die Entwicklung des Ölpreises – und somit für ölproduzierende Unternehmen von den Fracking-Anbietern in den USA über die OMV bis zu den Ländern der OPEC. Bereits im Vorfeld der Einigung war der Ölpreis gesunken, am Dienstag gab er erneut nach.

Dabei wird der Iran nicht von einem Tag auf den anderen Unmengen an Öl und Gas auf den Markt bringen: Nach Einschätzung des zukünftigen Chefs der internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, wird der Iran bis zu fünf Jahre benötigen, um seine Ölproduktion wieder deutlich zu steigern. Wegen der Sanktionen seien die Ölanlagen der islamischen Republik nicht optimal gewartet worden; die Strafmaßnahmen haben zu einem Rückgang der Produktion auf etwa 1,1 Millionen Barrel pro Tag geführt, 2012 waren es noch 2,5 Millionen Barrel pro Tag, sagt Birol.

Deutschland: Exporte könnten sich verdoppeln

Ambitionierte Pläne zum Export in den Iran hat übrigens nicht nur Österreich, sondern auch Deutschland: „Innerhalb von zwei Jahren können sich unsere Exporte dorthin auf rund fünf Milliarden Euro verdoppeln", sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, der Nachrichtenagentur Reuters: „Mittelfristig ist ein Handelsvolumen im zweistelligen Milliarden-Bereich möglich.“ Voraussetzung dafür sei aber, dass neben dem Wegfall der Sanktionen auch die Finanzierung von Geschäften erleichtert wird.

Dem DIHK zufolge sind zurzeit 80 deutsche Unternehmen mit Niederlassungen in der Islamischen Republik vertreten. Weitere 1000 haben Vertretungen dort. Wie sein österreichischer Amtskollege, so glaubt auch Treier, dass der Iran wegen seiner vielen hochqualifizierten Arbeitnehmer als industrieller Fertigungsstandort interessant sein kann.

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