Machtkampf bei VW: Außerordentliche Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums

Machtkampf bei VW: Außerordentliche Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums

Nachdem VW-Patriarch Ferdinand Piëch in der Öffentlichkeit zu seinem VW-Vorstand Martin Winterkorn "auf Distanz" gegangen ist, ohne die Gründe näher zu nennen, kommt nun das sechsköpfige Aufsichtsratspräsidium außerplanmäßig zusammen. Noch vor dem Start der Messe Auto Shanghai 2015 könnte über die Zukunft von VW-Chef Winterkorn eine Entscheidung fallen.

In der Machtprobe bei Volkswagen trifft sich das Präsidium des Aufsichtsrats heute zu einer außerplanmäßigen Sitzung. Das Schicksal von CEO Martin Winterkorn dürfte auf der Agenda stehen.

Nachdem VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech am vergangenen Freitag mit einer Aussage im "Spiegel" ("Ich bin auf Distanz zu Winterkorn") vom Konzernchef abgerückt war und damit einen Wirbel im Unternehmen selbst und bei den Eigentümern ausgelöst hatte, wird nun offenbar auf eine rasche Entscheidung gedrängt. Und nicht bis zur Hauptversammlung am 5. Mai gewartet, bei der Winterkorn und Piech nebeneinander Platz nehmen müssen. Kaum vorstellbar ist es, dass die beiden einst bestens harmonierenden VV-Granden zu ihrem nun offenbar zerrütteten Verhältnis Auskunft geben wollen.

Das nun tagende Präsidium des Aufsichtsrat ist der innere Zirkel des VW-Kontrollorgans. Es stellt mit seinen sechs Personen den Kern des 20-köpfigen Kontrollgremiums und bereitet die entscheidenden Weichenstellungen des Aufsichtsrates vor.

Insidern zufolge will Piech mit seinem Vorstoß eine Änderung in der Leitung des Konzerns. Er soll mit dem US-Geschäft der Kernmarke VW nicht zufrieden sein. Die Rendite der Kernmarke VW nur bei rund zwei Prozent. Die jüngsten Quartalsergebnisse zeigen daraufhin, dass sich die Probleme bei der Kernmarke noch weiter verschärft haben. In den USA, China, Brasilien und Russland hat VW stagnierende bzw. leicht rückläufige Absatzzahlen. Am 29. April berichtet VW seine Quartalsergebnisse, die für den VW-Patriarchen weitere Argumente gegen Winterkorn liefern könnten. Piech, der die Strategie des Konzerns bisher mitgetragen hat, ist offenbar der Geduldsfaden gerissen.

Am Sonntag startet für die Autokonzerne bereits der Auftakt zur Messe Auto Shanghai 2015, die für Medien bereits ab 20. April die Tore öffnet. Zuvor könnte über die Nachfolge von VW-Chef Winterkorn entschieden werden, rechnet man in der Branche. Sechs Kandidaten, alles aus dem VW-Konzern, werden bereits als Favoriten für den Konzern-Chefsessel genannt.

Zwei Top-Favoriten

Audi-Vorstandschef Rupert Stadler (52 Jahre alt) und der Porsche-CEO Matthias Müller (61) sollen die besten Karten auf den Chefvorsitz des VW-Konzerns haben. Beide lieferten zuletzt hervorragende Ergebnisse und sind im Konzern bestens vernetzt. Gegen Stadler spricht, dass er kein Techniker ist. Müller hingegen hat eine Karriere vom Lehrling als Werkzeugmacher bei Audi bis zum studierten Wirtschaftsinformatiker vorzuweisen.

Piech soll für die Chefposition des VW-Konzerns Techniker bevorzugen, was aber die Chancen des Betriebswirts Stadler nicht unbedingt schmälern soll.

Wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr, tagt das Präsidium "noch im Laufe des Tages" und saß in der Früh noch nicht zusammen. In dem Gremium sitzen: Ferdinand Piech (Vorsitz), Berthold Huber von der IG Metall (stellvertretender Vorsitz), VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh, der Sprecher des Porsche-Familienzweigs Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sowie der Osterloh-Vize Stephan Wolf. Zu Ort und Zeit des Treffens gab es zunächst noch keine Informationen. Jedoch wird Weil zunächst - zumindest nach bisherigem Plan - von 11.00 Uhr an auf der Hannover Messe erwartet.

Winterkorn war bis zu der Aussage im "Spiegel" als Nachfolger des VW-Patriarchen Piech an der Spitze des Aufsichtsrates gehandelt worden. Neben der Distanz-Ansage zitierte das Nachrichtenmagazin Piech auch mit den Worten: "Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen." Zusammen mit dem Zitat "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn" steht damit nicht nur Winterkorns möglicher Wechsel an die Spitze des Kontrollgremium infrage, sondern auch sein weiterer Verbleib im Vorstand. Winterkorns Vertrag als Volkswagen-Chef läuft Ende 2016 aus. Piechs Kontrakt als Aufsichtsratschef hat eine Laufzeit bis zum Frühjahr 2017.

Die VW-Aktie notiert am Donnerstagvormittag bei regem Handel mit 0,29 Prozent schwächer als am Vortag.

Die Frontenbildung

Mit der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat und den zwei Vertretern des VW-Großaktionärs Niedersachsen auf der Kapitalseite hat sich eine Allianz für Winterkorn ausgesprochen. Doch in der derzeitigen Führungskrise geht es möglicherweise nicht ums Stimmenzählen der Mandate im Aufsichtsrat. Übereinstimmend sagen Insider, dass eine offene Frontenbildung im Aufsichtsrat gegen Piech eher unwahrscheinlich ist. Der Aufsichtsratschef und Vertreter der Piech-Eigentümerfamilie gilt als VW-Machtzentrum.

Wolfgang Porsche ist im Präsidium der Sprecher des Familienzweigs der Porsches, der zusammen mit den Piechs die Stimmenmehrheit an VW hält. Porsche hatte Piechs vernichtendes Zitat zunächst als "Privatmeinung" zurückgewiesen. Die Aussage sei nicht abgestimmt.

Unter Winterkorns gut achtjähriger Ägide - er wurde 2007 Konzernchef - legten die Auslieferungen des heute größten Autobauer Europas nach Berechnungen der Deutschen Presse-Agentur um 64 Prozent zu, der Umsatz um 86 Prozent, das operative Ergebnis vervierfachte sich. Bei seinem Amtsantritt 2007 zählte der Konzern 329.000 Mitarbeiter. Heute sind es, auch dank vier neuer Marken, fast 600.000 Menschen.

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