Karstadt-Mitarbeiter vor dem "Pakt der Grausamkeiten" mit Benko

Karstadt-Mitarbeiter vor dem "Pakt der Grausamkeiten" mit Benko

Die Karstadt-Belegschaft muss sich auf ein erneutes Sanierungsprogramm einstellen. Wenige Wochen nach der Karstadt-Komplettübernahme räumt der neue Eigentüme, der Tiroler Rene Benko mit der Signa-Gruppe, nun auf.

Beim deutschen Kaufhauskonzern in Händen des österreichischen Investors Rene Benko beginnt das Tauziehen um Jobs und Millionenkürzungen. Karstadt-Eigentümer Benko muss sich auf Widerstand der Belegschaft gefasst machen. Die Belegschaftsvertreter befürchten einen Kahlschlag. Benko soll nur an den Grundstücken und nicht an der Sanierung des maroden Kaufhauskonzerns interessiert sein.

Essen/Wien. Stellenabbau, Filialschließungen und drohende massive finanzielle Einschnitte: Harte Zeiten für die Beschäftigten des kriselnden Warenhauskonzerns Karstadt. Besonders die quälende Ungewissheit, wie sich das Unternehmen unter dem neuen Eigentümer, dem Österreicher Rene Benko, aufstellen wird und was von dem Warenhauskonzern übrig bleibt, wird zur Geduldsprobe.

Ver.di-Bundesvorstand Stefanie Nutzenberger rügt, dass die Karstadt-Führung nur scheibchenweise mit schlechten Nachrichten herausrücke und die Belegschaft mürbe machen wolle. An diesem Mittwoch (12.11.) starten Verhandlungen zwischen Belegschaftsvertretern und Konzernspitze über das Kürzungsprogramm.

Was auf die Mitarbeiter des Unternehmens zukommen könnte, das machten Gesamtbetriebsrat und Wirtschaftsausschuss unlängst in einem Rundbrief an alle Beschäftigten deutlich: Danach plant das Management den Abbau von fast 2.000 Vollzeitstellen, unter anderem in der Zentrale und in der Online-Sparte. Berücksichtigt man die Teilzeitquote, wären 3.000 Menschen betroffen. "Dies ist kein Sanierungsprogramm, sondern ein Kahlschlag", schimpfen die Betriebsräte und sprechen von einem "Paket der Grausamkeiten". Karstadt hat derzeit rund 17.000 Beschäftigte in 83 Kaufhäusern in Deutschland. 20 Kaufhäuser sollen angeblich geschlossen werden - sechs davon bereits im Jahr 2015.

Rene Benko hatte im August 2014 Karstadt vom Ex-Investor Jonas Berggruen die restlichen Anteile übernommen. Bereits im August 2012 war Benko mit seiner Signa-Gruppe eingestiegen (siehe auch unten "Chronologie") und hatte damals die Immobilien mehrerer Kaufhäuser übernommen. Im September 2013 übernahm er von Berggruen für 300 Millionen Euro die Mehrheit bei Karstadt.

Doch damit nicht genug: Der neue Konzernchef Stephan Fanderl will darüber hinaus alle Häuser auf den Prüfstand stellen. Ob sich damit bereits ein neues Schließungsszenario andeutet, muss abgewartet werden. Gefährdet sind am ehesten die defizitären Häuser. Ihnen will Fanderl nur noch bis Mitte 2015 Zeit für eine Trendwende geben will - viel zu kurz sagen Kritiker.

Es entstehe der Eindruck, dass es Immobilieninvestor Benko an manchen Standorten in Wirklichkeit gar nicht um eine Rettung der Filialen, sondern um die Verwertung der Immobilien geht, heißt es bei Gewerkschaftern. Wolle man die Kunden tatsächlich in den Mittelpunkt rücken, brauche es mehr und nicht immer weniger Beschäftigte auf der Fläche. Gefährdete Standorte werden offiziell nicht genannt, aber die Spekulationen schießen hoch. Filialen in mittelgroßen Städten wie Mönchengladbach, Bottrop oder Iserlohn sollen zu kämpfen haben, aber auch Standorte in Metropolen wie Düsseldorf oder München.

Widerstand der Betriebsräte gegen Benko

Viele Betriebsräte und die Gewerkschaft sind zum Widerstand entschlossen. Und der regt sich auch deshalb, weil den ohnehin gebeutelten Mitarbeitern erneut tief in die Taschen gegriffen werden soll: Streichung des Urlaubsgelds und der tariflichen Sonderzahlung (Weihnachtsgeld) ab 2015, Erhöhung der Arbeitszeiten und eine Verlängerung der Tarifpause. Hierüber werden Arbeitgeber und Gewerkschaft in der kommenden Woche (17.11.) in einer weiteren Tarifrunde verhandeln.

Ob sich die Wogen glätten lassen, wird sich an diesem Mittwoch zeigen, wenn Management und Gesamtbetriebsrat die Beratungen über die tiefen Einschnitte starten. Hennig Lotter, Mitglied des Gesamtbetriebsrates, ist sich sicher: "Was das Management plant, ist nicht das Endergebnis". Er fordert vor allem eine stärkere Einbindung der Beschäftigten in den nun anstehenden Prozess der Neuordnung.

Tatsächlich ist der Umbau der Karstadt-Häuser unvermeidlich. Kurz nach seinem Amtsantritt in der letzten Oktoberwoche hatte Fanderl die Leitplanken für die anstehende Sanierung gezogen: In einem Brief an die Mitarbeiter sprach er von "schmerzhaften" Entscheidungen. Man müsse hart arbeiten, um die defizitären Filialen zu drehen. Bis Mitte 2015 soll das geschafft sein. Wenn nicht, droht wohl die Schließung.

Karstadt habe allein seit 2010 eine halbe Milliarde Euro Umsatz verloren, sagt Fanderl. Trotz massiver Investitionen "verdienen wir heute immer noch kein Geld über die Ladenkasse".

Das deutsche Traditionsunternehmen hat nach den Ende August im Bundesanzeiger veröffentlichten Zahlen im abgelaufenen Geschäftsjahr bereits massive Erlöseinbrüche zu verzeichnen: Von Oktober 2012 bis September 2013 sind die Umsätze um 264 Millionen Euro auf 2,672 Mrd. Euro gesunken (minus 9 Prozent). Das Betriebsergebnis war tiefrot: Der Verlust im gewöhnlichen Geschäft belief sich auf 124 Millionen Euro, nach 30 Millionen Euro im Jahr davor. Für das laufende Geschäftsjahr 2013/14 erwarte Karstadt "einen Verlust in knapp dreistelliger Millionenhöhe", heißt es in den Dokumenten weiter, die im Frühjahr und damit vor dem jüngsten Eignerwechsel erstellt worden waren.

Die Chronologie des Niedergangs von Karstadt

2009:
9. Juni: Der Mutterkonzern Arcandor und damit seine Töchter Karstadt und Quelle sind pleite.
1. September: Das Insolvenzverfahren für Arcandor und Karstadt wird offiziell eröffnet.
7. November: Der Insolvenzverwalter und die Beschäftigten verständigen sich auf Eckpunkte für einen Sanierungsbeitrag der Belegschaft.
10. November: Die Gläubiger stimmen für die Fortführung des Unternehmens. Der Insolvenzverwalter kündigt die Schließung von sechs Filialen an.
1. Dezember: Der Sanierungsplan wird verschärft: Insgesamt 13 Filialen mit 1200 Beschäftigten werden geschlossen. 120 Filialen sollen erhalten bleiben.
12. Dezember: Der Verkauf von Karstadt beginnt offiziell.

2010

12. April: Die Gläubiger stimmen dem Insolvenzplan zu.
23. April: Der europäische Finanzinvestor Triton legt ein Kaufgebot vor.
21. Mai: Der US-deutsche Investor Nicolas Berggruen reicht eine Offerte ein.
28. Mai: Die Bieterfrist endet. In letzter Minute legt auch das Karstadt-Vermieterkonsortium Highstreet ein Angebot vor.
7. Juni: Der Gläubiger-Ausschuss wählt Berggruen als Karstadt-Käufer aus.
8. Juni: Berggruen und der Insolvenzverwalter unterzeichnen den Kaufvertrag. Er tritt nur in Kraft, wenn Highstreet auf Mieteinnahmen für Gebäude von Karstadt verzichtet.
30. Juni: Das Kartellamt genehmigt die Übernahme von Karstadt durch Berggruen.
2. September: Die Investoren von Highstreet stimmen den von Berggruen geforderten Mietnachlässen grundsätzlich zu.
3. September: Nachdem alle Highstreet-Gläubiger den Mietvertrag mit Berggruen unterschrieben haben, tritt der Kaufvertrag in Kraft. Das Amtsgericht Essen billigt den Insolvenzplan für Karstadt und damit den Verkauf.

2011

1. Jänner: Der frühere Chef der südafrikanischen Kaufhauskette Woolworths, Andrew Jennings, übernimmt die Leitung bei Karstadt.

2012

16. Juli: Karstadt verkündet Stellenstreichungen. Bis Ende 2014 sollen 2000 Arbeitsplätze wegfallen.
30. September: Karstadt schafft die Trendwende nicht: Im Ende September endenden Geschäftsjahr 2011/2012 macht der Konzern 158,4 Millionen Euro Verlust.
22. Dezember 2012: Die Signa-Gruppe des Tiroler Unternehmers René Benko kauft für 1,1 Milliarden Euro die Immobilien des Berliner KaDeWe und 16 weiterer Warenhäuser. Karstadt bleibt zunächst Mieter.

2013

13. Mai: Karstadt steigt aus der Tarifbindung für den Einzelhandel aus.
16. September: Berggruen verkauft die Mehrheit der Karstadt-Premium-Gruppe und von Karstadt Sport für 300 Millionen Euro an die Signa-Gruppe.
23. September: Management und Gewerkschaft Verdi starten ihre Verhandlungen über eine Rückkehr Karstadts in die Tarifbindung.
30. September: Karstadt hat auch im Geschäftsjahr 2012/2013 einen hohen Verlust gemacht. Der Konzern erwirtschaftete ein Minus von über 120 Millionen Euro.

2014

24. Februar: Die ehemalige Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt wird neue Karstadt-Chefin. Sie übernimmt das Amt von Jennings, der seinen Vertrag nicht verlängert hatte.
7. Juli: Sjöstedt gibt ihr Amt nach nur gut vier Monaten wieder auf. Sie fühlt sich von Berggruen nicht gut genug unterstützt.
11. Juli: Medien berichten über Übernahme-Verhandlungen zwischen Berggruen und Benko.
14. Juli: Aufsichtsratschef Stephan Fanderl stimmt auf neue harte Einsparungen ein: Über 20 der 83 Filialen werfen nicht genug Profit ab.
15. August: Signa kündigt die Komplett-Übernahme von Karstadt an. Geld fließt nicht.
21. August: Das Kartellamt genehmigt die Übernahme.
10. September: Der Karstadt-Aufsichtsrat berät über die Sanierung, trifft aber keine Beschlüsse.
12. September: Gewerkschaft Ver.di kündigt Widerstand an.
23. Oktober: Karstadt-Aufsichtsratschef Stephan Fanderl wird zum neuen CEO bestellt; Wolfram Keil, der als Vertrauter des Karstadt-Eigentümers Rene Benko gilt, wird Aufsichtsratschef.
24. Oktober: 2000 Stellen sollen gestrichen werden.
31. Oktober: Fanderl will bis Mitte 2015 bei den defizitären Warenhäuser die Wende schaffen. Schließung von sechs Häusern ist fix.
7. November: Gewerkschaft geht von 3000 Mitarbeitern aus, die vom Sparkurs betroffen sind.
ab 12. November: Verhandlungen zwischen Gesamtbetriebsrat und Unternehmen
17. November: Kastadt verhandelt mit Ver.di über mögliche Kürzungen tariflicher Leistungen

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