Zwei Jahre Joe Kaeser - und noch keine Ruhe bei Siemens

Zwei Jahre Joe Kaeser - und noch keine Ruhe bei Siemens

Joe Kaeser versprach seinen 340.000 Mitarbeitern Ruhe - und setzte dann den Rotstift an. Die Belegschaft ist nun verunsichert, Krisenherde gibt es noch viele und auch die Aktionäre sind nicht mehr so euphorisch wie zuvor.

Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren versprach Joe Kaeser bei seinem Amtsantritt als Vorstandschef den 340.000 Siemensianern vor allem eins: Ruhe. Davon ist der Traditionskonzern heute allerdings weiter entfernt denn je. Kaum einer von Kaesers Vorgängern hat in dem Riesenunternehmen innerhalb so kurzer Zeit für so viele Umbrüche und Aufregung gesorgt wie der 58-Jährige Niederbayer. Er verordnete dem Dickschiff unter anderem eine neue Generalüberholung, der - einmal mehr - viele Arbeitsplätze zum Opfer fallen werden und trimmt es auf Gewinn. Vielen, die dem einstigen Finanzchef am Münchener Wittelsbacherplatz lange gewogen waren, dauert das alles allerdings zu lange. Die Arbeitnehmer sind ohnehin sauer.

"Die Bilanz fällt durchwachsen aus. Auf der einen Seite hat er viele wichtige Maßnahmen ergriffen. Auf der anderen Seite hat Siemens ein Wachstumsproblem, viele der acht Geschäftsbereiche wachsen nicht oder verzeichnen sogar Umsatzrückgänge", fasst Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment die Kritik zusammen. "Kaeser hat Siemens zweifellos einer Radikalkur unterzogen, die auch notwendig war. Der Stellenabbau ist für die Mitarbeiter natürlich eine bittere Medizin."

Kein Wunder also, dass Betriebsratschefin Birgit Steinborn nicht müde wird, über den fortgesetzten Sparkurs des Chefs zu klagen: "Dabei hat sich gezeigt, dass reine Kostensparprogramme nicht langfristig gewirkt haben, sondern die Mitarbeiter verunsichert und demotiviert haben."

Viele Krisenherde

Die Verunsicherung bei der Belegschaft ist groß. Zwar ist Kaesers großer Konzernumbau abgesehen von den noch laufenden Verhandlungen über den Abbau von mehr als 12.000 Stellen mit der Neueinteilung in neun Geschäftsfelder weitgehend abgeschlossen, doch die Liste der Unruheherde im Konzern ist lang. So sorgt die Abnabelung der Medizintechnik bei den Betroffenen nachhaltig für Stirnrunzeln. Trotz aller Beteuerungen Kaesers, das Segment mehrheitlich im Konzern zu halten, rechnen Experten früher oder später mit einer Abspaltung.

Auch dass Kaeser im Poker um die französische Alstom, den letztlich der Erzrivale GE gewann, die eigene Zugsparte als Verhandlungsmasse in Erwägung zog, sorgte in den Werken für Aufregung. Hinzu kommen Schwierigkeiten in der Kraftwerks- und Netztechnik. Gasturbinen laufen schlecht und die Konkurrenz setzt den Münchnern zu. Siemens' Vorzeige-Gasturbine in Irsching steht seit längerem still. Selbstläufer wie große Transformatoren bieten die Asiaten inzwischen billiger an. Und in Europa baut kaum ein Betreiber mehr konventionelle Großkraftwerke, die mit Kohle oder Gas befeuert werden. Kaeser setzte den Rotstift an, weitere Einschnitte drohen.

Gewerkschaften auf Distanz

Dabei nimmt der Chef seine Mannschaft durchaus ernst und kümmert sich immer wieder auch persönlich. Die Ergebnisse einer großen Mitarbeiterumfrage zitiert er bis aufs Komma genau aus dem Kopf. Grantige Vertriebsmanager, die sich über die legendäre Siemens-Bürokratie ärgern, ruft er direkt an oder er setzt sich an die Mitarbeiter-Hotline der Personalabteilung und lässt sich dort in Hemdsärmeln fotografieren.

Das Verhältnis zwischen der Siemens-Spitze und der IG Metall hat sich unter Kaeser jedoch abgekühlt. Vorgänger Peter Löscher versuchte noch, seine zahlreichen Sparprogramme, die mehr als 15.000 Mitarbeitern die Stelle kosteten, durch enge Kontakte mit den Arbeitnehmervertreter verträglicher zu machen. Der damalige Gewerkschaftschef Berthold Huber saß im Aufsichtsratspräsidium und bekam später einen repräsentativen Posten in der Siemens-Stiftung. Kaeser indes schätzt zwar die Betriebsräte, hält die Gewerkschafter aber auf Distanz.

Ihnen nimmt er die medienwirksam inszenierten Aktionstage gegen seinen Konzernumbau und die Stellenstreichungen übel. Zu seinem zweijährigen Dienstjubiläum will sich denn auch kurz vor den entscheidenden Verhandlungen über die Kürzung tausender Stellen niemand äußern, die Gewerkschaftsfunktionäre in München und Frankfurt schweigen beredt.

Auch Investoren werden ungeduldig

In seiner Zeit als Finanzchef war Kaeser der Liebling von Analysten und Investoren. Doch mittlerweile gibt es auch von dieser Seite nicht mehr nur Zustimmung. Seit Jahren schwindet der Konzerumsatz langsam vor sich hin, die Gewinne schwanken wegen zahlreicher Sondereffekte wie hoher Abschreibungen auf verpatzte Projekte und Erlöse wie dem Verkauf von Sparten stark. "Die Profitabilität von Siemens hat sich verbessert, liegt aber immer noch weit unter der der Konkurrenz", mosert Fondsmanager Niesel. Immerhin stieg der Börsenkurs von Siemens - auch dank Aktienrückkäufen - in den vergangenen zwei Jahren um rund ein Viertel.

Kaeser sitzt - trotz aller Schwierigkeiten - bis dato fest im Sattel. Die Konzernführung hat er fast vollständig auf sich allein zugeschnitten. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme gilt zwar nicht gerade als Busenfreund Kaesers, stellt sich ihm aber auch nicht in den Weg. Fondsmanager Niesel rechnet damit, dass Kaeser noch viele Jahre bleiben wird: "Mit seiner Vision 2020 hat er einen Pflock eingeschlagen und damit seine persönliche Karriere verbunden. Ich denke, er wird einen Erfolg selbst vereinnahmen."

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