Starinvestor Gil Penchina: "Wir alle fangen dumm an"

Starinvestor Gil Penchina: "Wir alle fangen dumm an"

Gil Penchina wurde reich, indem er früh in Unternehmen wie eBay, LinkedIn und PayPal investierte. Im Gespräch mit format.at erklärt er, wie man die ersten Gehversuche als Business Angel macht, was seine schlechtesten Investments waren und warum er noch immer gerne auf den Sofas anderer Leute schläft.

Format.at: Für Österreicher ist das Investieren in Start-ups etwas Neues, wir haben unser Geld lieber sicher auf dem Sparbuch. Warum haben Sie beschlossen, ein Business Angel zu werden?

Gil Penchina: Ich habe damit im Jahr 1998 begonnen, mache das also seit rund 17 Jahren. Ich war bei Ebay eingestiegen, als es noch ein lustiges, cooles, aufregendes Start-up war; Ende 1998 haben dort aber schon 1000 Leute gearbeitet, es war groß und voller Bürokratie – total langweilig. Also habe ich mit Angel Investing begonnen, um mit Menschen zu sprechen, die ich mag – also junge Unternehmer und Leute, die auch mal riskante Sachen wagen und die Welt verändern wollen.

Aber Sie haben auch von eBays IPO profitiert, richtig?

Ja, ich hatte dann ein wenig Geld – das hat geholfen. Aber als ich mit dem Angel Investing begann, habe ich immer bloß 5 bis 10.000 Dollar investiert, ich wollte immer so wenig Geld wie möglich in die Start-ups stecken. Denn ich ging davon aus, dass ich mit den meisten Investments Geld verlieren würde; ich wollte erstmal lernen, wie man richtig investiert – und um das über mehrere Jahre tun zu können, musste ich mit meinem Kapital haushalten.


Hätte ich das Geld angezündet, anstatt es zu investieren, dann hätte ich mehr davon gehabt.

Nachdem Sie vor dem Platzen der Dotcom-Blase mit dem Investieren begonnen haben: Was sind die größten Fehlschläge, bei denen Sie Ihr Geld verschwendet haben?

Ich habe in rund 100 Unternehmen investiert. Bei der Hälfte dieser Investments gilt: Wenn Sie die dort investierten 10.000 Dollar nehmen, in eine Badewanne legen und anzünden, dann haben Sie mehr davon, als ich von meinem Investment hatte – denn das Feuer spendet wenigstens Wärme. Im Jahr 2006 habe ich etwa in eine spanische Immobiliensuchmaschine investiert, und das lief fürchterlich. Ebenso katastrophal: Ein Web-Broadcast, mit dem jedermann online ein DJ werden konnte – das war im Jahr 1999, als noch niemand ausreichend Bandbreite hatte, um sich Audiostreams im Internet überhaupt anzuhören. Man lernt, dass Timing, der Unternehmer und die Idee wichtige Faktoren sind – aber leider sind auch Dinge entscheidend, die außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen.

Sind solche negativen Erfahrungen frustrierend?

Europäer und US-Amerikaner denken sehr unterschiedlich über Risiko. Wenn in Frankreich Ihr Unternehmen Insolvenz anmeldet, sind Sie Ihr Leben lang als Versager gebrandmarkt; in den USA sieht man Sie als Veteran: Sie sind ein Pilot, der ein abstürzendes Flugzeug sicher auf dem Boden gelandet hat. Wir sehen Scheitern als gute Erfahrung und erlauben Ihnen, es nochmal zu tun. Manchmal spreche ich mit Gründern, die sagen, dass sie bei konservativem Wirtschaften acht Monate lang mit dem Geld auskommen – ich sage ihnen, dass sie das Geld lieber in drei Monaten ausgeben und rausfinden sollen, ob ihre Idee gut ist. Besser, sie verlieren mein Geld schnell und machen etwas Nützliches als dass sie vier Jahre lang mein Geld ausgeben, um langsam gar nichts zu erreichen.

Worauf legen Sie nun wert, wenn Sie europäische Start-ups analysieren?

Wir haben auf Angellist ein Syndikat für UK gelistet; außerdem suche ich nach einem Syndikat in Deutschland, das mich bei Investments im DACH-Raum unterstützt. Wir suchen nach Software-Unternehmen: SaaS, Internet of Things, Fintech, AdTech – Start-ups, die große Konzerne attackieren wollen, die schlecht mit ihren Kunden umgehen, indem sie bessere Angebote schnüren. Online-Kredite sind etwa interessante Themen. Oder Software, die sich leichter verwenden lässt als SAP. Oder komplett neue Geschäftsbereiche, wo es noch gar keine etablierten Betreiber gibt – etwa Internet of Things, oder Drohnen.


In zehn Jahren werden wir uns fragen, warum die Leute früher überhaupt in eine Bank gegangen sind.

Auf dem Pioneers Festival hat die Erste Bank auf einer Pressekonferenz verkündet, dass sie ein besseres eBanking-System hat als die meisten Fintech-Start-ups und dass Start-ups zu klein sind, um den Banking-Markt zu erobern. Was ist Ihre Meinung dazu? Kann ein Fintech-Startup eine Bank herausfordern?

Ich mag es ganz besonders, wenn die große, langsame, in höchstem Maße regulierte Bank verkündet, sie fürchte sich nicht vor innovativen Start-ups. Weil Sie dann nicht wachsam sein werden, wenn wir ihnen den Markt wegnehmen.

Könnte mit Fintech-Startups das passieren, was Uber mit den Taxis gemacht hat und Airbnb mit den Hotels?

In den USA gibt es ein mit sechs Milliarden Dollar bewertetes Unternehmen namens „Lending Club“, bei dem man online Darlehen beantragen kann. Beim Unternehmen „Vouch“ werden hingegen Bonitätsbewertungen revolutioniert. Beim Start-up card.com wird die Bank komplett ersetzt, man hat nur noch das Online-Konto, einen Bankomaten und eine Bankomatkarte. Es ist also großartig, dass sich große Banken keine Sorgen um uns machen – denn ich sorge mich nicht um große Banken.

Bill Gates sagte mal, dass man auch in Zukunft Banking brauchen wird – die Frage sei bloß, ob man Banken braucht. Werden Fintech-Startups und Banken koexistieren? Oder verschwinden Banken komplett?

Vor 20 Jahren hätten Sie keiner Bank vertraut, die kein großes Gebäude mit Marmorsäulen, einem Tresor und Sicherheitskräften hat – heute vertrauen Sie bedenkenlos jedem Bankomaten, der in einem Coffeeshop steht. In zehn Jahren wiederum werden Sie auf dem Handy via Bitcoin bezahlen. Sie werden Ihr Geld in ein Online-Konto stecken, auf das Sie nur über Ihr Smartphone zugreifen. Und Sie werden sich fragen, warum die Leute früher überhaupt in die Bank gegangen sind. Ehrlich: Wozu brauche ich eine Bank? Mein Gehalt wird auf das Onlinekonto überwiesen, das Bargeld kommt aus dem Bankomaten und Darlehen bekomme ich im Web. Womit sonst könnte eine Bank mir noch dienen?

Sie können einen Kaffee anbieten?

Aber keinen guten.


Auch Tischler machen während der Lehre Fehler und lernen daraus.

Welchen Ratschlag würden Sie einem Österreicher geben, der Business Angel werden möchte?

Ich begann damit unter der Annahme, dass ich Geld verlieren muss, um daraus zu lernen. Das ist so wie bei jedem anderen Beruf, den man erlernt: Auch Tischler machen während der Lehre Fehler und lernen daraus. Mein erster Ratschlag lautet daher: Investieren Sie so wenig Geld wie möglich in 20 bis 30 unterschiedliche Dinge.

Wie hoch sollte das Investment jeweils sein?

Auf der Website Angellist können Sie ab 1000 Dollar in Start-ups investieren, das können sich die meisten Leute leisten. Gehen Sie halt nicht davon aus, dass Sie smart sind – wir alle fangen dumm an. Lernen Sie, indem Sie billige Fehler statt teurer Fehler machen. Das ist das Tolle an Start-ups: Sie machen schon bei 100 Kunden die Champagnerflasche auf, weil Sie vorher 20 billige Fehler gemacht haben, um an diese 100 Kunden zu kommen. Wenn die Bank einen Fehler macht und Millionen Kunden schädigt, droht ihnen in manchen Fällen gar die Gefängnisstrafe.

Können Sie unseren Lesern das Konzept von Angellist ein wenig erläutern?

Dort können sich Start-ups und Investoren Profilseiten anlegen – Beide finden dann zueinander. Als eine neue Funktion haben sie nun die sogenannten „Syndikate“, eine Art Matching-Algorithmus für Investoren und Unternehmen. Die Syndikate haben Zugriff auf sogenannte „Super Angels“ – Investoren, die den Job schon lange machen und daher ein größeres Wissen und bessere Kontakte haben. Sie können also mir auf Angellist folgen, und ich schicke Ihnen eine Liste möglicher Angebote; anschließend können Sie selbst entscheiden, welche Sie für erfolgsversprechend halten. Das Ganze passiert online, die Dokumentation ebenso wie die finanziellen Überweisungen. So kann man einfach für 25.000 Euro in 30 Start-ups investieren.

Und so lautet auch Ihre Empfehlung?

Ich würde sagen: Nehmen Sie 25.000 Euro und investieren Sie in 30 Unternehmen. Rückblickend ist unter meinen ersten 30 Investments bloß ein einziges der Grund, weshalb ich nicht wie ein Idiot aussehe. Bei den nächsten 30 Investments waren drei Start-ups der Grund, weshalb mich niemand für einen Idioten hält. Manche Leute glauben, ich hätte damals gewusst, welche Unternehmen Erfolg haben würden – aber ich hatte tatsächlich keine Ahnung.

Was waren Ihre ersten guten Deals?

In den ersten fünf Jahren war der beste Deal ein Hedgefund-Manager ohne Programmiererfahrung, der eine Software schreiben wollte, mit der man von seinem Nokia-Handy Geld auf einen Pepsi-Automaten überweisen konnte. Er wollte die Software auf die Nokia-Handys bringen und von Pepsi Geld für die Server-Software verlangen. Das war im Jahr 1998, und die Software gibt es noch immer nicht – aber das Unternehmen wurde später unter dem Namen „Paypal“ bekannt.

In den darauffolgenden fünf Jahren investierte ich in einen Typen, der auf Oxford ein Philosophiestudium abgeschlossen hatte; sein letzter Job in einem Start-up war im Bereich Regierungsbeziehungen und Strategie – also kein Techniker, kein Produktexperte, nicht mal Marketingerfahrung konnte er vorweisen. Er wollte damals die Nischenversion eines großen Unternehmens bauen, dass damals sehr erfolgreich war – normalerweise eine schlechte Idee, weil meist das Mainstream-Produkt Erfolg hat und das Nischenprodukt scheitert. Aber er war ein cleverer Typ, und ich mochte ihn, also gab ich ihm 25.000 Dollar. Der Name des Unternehmens: LinkedIn – damals eine Nischenversion von Friendster.

Friendster hat nicht einmal wirklich den Weg nach Europa geschafft, dieser Markt gehört nun Facebook.

Friendster gab es eine Zeit lang im Jahr 2004. Die Nischenversion für Studenten, Facebook, und die Nischenversion für Geschäftskontakte, LinkedIn, halten sich gut – das Mainstream-Produkt Friendster hingegen nicht. Das ist sehr ungewöhnlich.


Couchsurfing ist eine geniale Plattform, um coole Leute zu treffen.

Sie haben auch in exotische Web-Angebote wie Wikia oder Couchsurfing investiert. Verdienen Sie damit überhaupt Geld?

Bei Wikia kann sich jedermann eine kleine Website im Stil von Wikipedia anlegen. Es nutzt OpenSource-Software, die gratis ist; der Content kommt von der Community. Heute hat es pro Monat über 100 Millionen Unique Visitors. Der Umsatz kommt durch Werbung zustande, so wie bei Facebook. Ich habe noch kein Geld dafür bekommen, bin mit der Performance des Unternehmens aber zufrieden. Auch Couchsurfing – eine Website, über die man in fremden Wohnungen übernachten kann - ist gratis; man zahlt aber, wenn man ein verifiziertes Profil haben möchte – solche offiziellen Verifizierungen schaffen Vertrauen. Auch diesem Unternehmen geht es gut, wenn auch nicht so gut wie Wikia – aber es ist eine geniale Plattform, um coole Leute zu treffen.

Sind die beiden Unternehmen cashflow-positiv?

Wikia war cashflow-positiv; derzeit sind wir auf Wachstum fokussiert und müssen dafür Einbußen hinnehmen, im nächsten Jahr sollten wir aber wieder positiv abschließen. Für Courchsurfing kriege ich keine regelmäßigen Finanzdetails, weiß dazu also nichts.

Nutzen Sie Couchsurfing selbst?

Kürzlich habe ich diese Seite genutzt, um bei einem Fremden in Budapest zu übernachten. Es war eine coole Wohnung; und die Gastgeberin war so nett, mich einfach gratis bei ihr aufzunehmen. Ich habe sie zum Abendessen eingeladen, wir schreiben uns noch immer Emails – Couchsurfing ist einfach ein netter Ort, um neue Freunde zu finden. Es ist viel persönlicher, als ins Marriott zu gehen – das ist langweiliger Konzernkram. Wenn Sie auf Geschäftsreise sind, dann würde ich es dafür zwar nicht empfehlen – aber um im Urlaub ein lokales Flair zu bekommen, ist Couchsurfing genial.

Also sind Sie mit Couchsurfing dorthin zurückgekehrt, wo sie angefangen haben: Sie treffen gerne coole Leute.

Ja, es gibt dort zwei unterschiedliche Zielgruppen: 20 bis 30 Jahre alte Backpacker-Abenteurer mit wenig Geld und 50jährige, die gerne reisen oder gerne interessante Leute zu Besuch haben – für die ist es eine interessante Form, das eigene Sozialleben aufzuwerten.

Wird Couchsurfing von Airbnb angegriffen?

Airbnb ist viel erfolgreicher als Couchsurfing, ich habe mich also wieder für das Falsche entschieden. Aber es ist auch ein sehr unterschiedliches Nutzerverhalten – als würde man Per-Anhalter-Fahren mit Uber vergleichen: Sie greifen einander nicht an und sind unterschiedlich erfolgreich; ich würde eher in Uber als in eine Autostopper-Seite investieren – aber trotzdem hat auch die Autostopper-Seite einen gewissen Wert.

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