Finnland: Ende der Hoffnung in der einstigen Nokia-Hochburg

Finnland: Ende der Hoffnung in der einstigen Nokia-Hochburg

Disconnected: Im finnischen Salo, einst Stolz der Handyproduktion von Nokia, gehen nun bald die Lichter aus. Der neue Eigentümer der Handysparte von Nokia will den Standort massiv zurück stutzen.

Trostlosigkeit beherrscht Salo, die einstige Nokia-Hochburg in Finnland. Durch Microsofts Kündigungspläne könnte die Arbeitslosigkeit hier auf 20 Prozent steigen, doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt.

Gerade einmal ein gutes Jahr ist es her, da keimte im südfinnischen Salo noch einmal so etwas wie Hoffnung auf. Der US-Softwaregigant Microsoft machte damals die Übernahme der angeschlagenen Handysparte des einstigen Weltmarktführers Nokia perfekt. Nicht wenige der 54.000 Einwohner dachten, dass es jetzt nach mehreren Rückschlägen wirtschaftlich in ihrer Region wieder aufwärtsgehen könnte. Doch im Sommer 2015 ist jeder Optimismus verpufft. Microsoft hat zum Kahlschlag im Handygeschäft angesetzt. Und der macht auch vor der einstigen Nokia-Hochburg Salo nicht Halt. Dem Standort droht das Aus. "So schlimm hat es sich noch nie angefühlt, hier zu leben", sagt Maria Gustafsson.

Seit 20 Jahren wohnt sie in Salo. Hier wurde in den 1970er Jahren eines der ersten Nokia-Werke eröffnet. Die Kleinstadt blühte auf, Tausende Jobs, Voll- und Teilzeit, moderne Schulen und Geschäfte entstanden. Für Studenten und Schüler hatte Nokia stets zu Ferienzeiten beliebte, vor allem gut bezahlte Ferienjobs mit der Aussicht auch nach Schule oder Studium dort eine berufliche Karriere zu starten. Mit dem Aufstieg Nokias kam der Wohlstand.

Doch dann hängten Apple und Samsung mit ihren Smartphones Nokia ab. Finnlands Elektronikindustrie geriet ins Hintertreffen. Parallel brach auch noch die weltweite Nachfrage nach Papierprodukten ein, was einen weiteren zentralen Wirtschaftszweig Finnlands traf. Und die Europäische Union verhängte im Zuge der Ukraine-Krise Sanktionen gegen Russland, einen der wichtigsten Handelspartner des skandinavischen Landes.

Seit drei Jahren steckt Finnland nun in der Rezession. Hohe Arbeitslosigkeit und die Angst, wie es weitergehen soll, machen die Runde. Davon profitieren Euroskeptiker und Rechtspopulisten, die jetzt mit in der Regierung sitzen. Zum Ministerpräsident wählten die Finnen im Frühjahr Juhä Sipilä von der Zentrumspartei aus der politischen Mitte. Er hat versprochen, den Haushalt in den Griff zu bekommen, die Bürokratie abzubauen und die Steuern für kleinere Firmen zu senken. Sipilä setzt auf den Unternehmergeist der Finnen. Doch ob das reicht, um die Wirtschaft, die über Jahrzehnte von Nokia mitgetragen wurde, wieder richtig auf Vordermann zu bringen, wird gerade in Salo bezweifelt. "Nicht jeder kann ein Unternehmer sein", sagt Heidi Kirjavainen.

Jeder Zehnte arbeitete für Nokia

Mit 15 Prozent liegt die Arbeitslosenquote in Salo deutlich über dem Landesdurchschnitt von 9,7 Prozent. Vor zehn Jahren arbeiten hier 5000 Menschen für Nokia, fast jeder zehnte Einwohner. Noch 2008 waren mehr als ein Fünftel aller Jobs im IT-Sektor angesiedelt. Doch vier Jahre später verlagerte Nokia seine Produktionsstätte von Salo nach Asien. Die jetzt anvisierte Schließung der Produktentwicklungssparte bedroht weitere 1100 Jobs. Die Arbeitslosigkeit in der Kleinstadt könnte auf 20 Prozent steigen. Auch Schulen, Kliniken und andere öffentliche Einrichtungen bleiben nicht verschont. Flossen 2010 noch 60 Millionen Euro an Unternehmenssteuern in die Kassen der Stadt, waren es vergangenes Jahr nur noch zehn Millionen Euro.

Microsoft teilte auf Reuters-Anfrage mit, die neue Strategie sehe vor, die Smartphone-Palette einzudampfen. Daher benötige man nicht mehr drei Entwicklungsstandorte in Finnland. Espoo und Tampere sollen offen bleiben. Doch auch hier könnte am Ende die Zahl der Mitarbeiter von 3200 auf 900 fallen.

Gegenzusteuern wird schwierig. Regierungschef Sipilä sagt, er will sich um Unterstützung aus dem Globalisierungsfonds der EU bemühen, der Menschen helfen soll, die wegen großer Strukturveränderungen arbeitslos geworden sind. Salos Bürgermeister Antti Rantakokko sagt, er führe mit ein paar Technologiefirmen Gespräche. Dabei soll es um Investitionen gehen. Mehr sagt er nicht. Andere setzen auf Eigeninitiative. Kirjavainen etwa eröffnete gerade mit Marjo-Riitta Maattanen ein Modegeschäft in Salo. Ironischerweise sei das genau in der Woche gewesen, in der Microsoft seine Schließungspläne bekanntgab, sagt Maattanen und fügt hinzu: "Schlechtes Timing."

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