Fairer Handel: "Keine Nische mehr, sondern Mainstream"

Fairtrade-International-Geschäftsführerin Harriet Lamb im FORMAT-Interview über den Boom von Fairtrade-Produkten, warum es für Unternehmen manchmal schwierig sein kann, auf fair gehandelte Produkte umzustellen, wie man Kinderarbeit auf den Kakao-Plantagen in Westafrika bekämpft und weshalb Schokolade ein Luxusprodukt sein sollte.

Fairer Handel: "Keine Nische mehr, sondern Mainstream"

Fairtrade-CEO Harriet Lamb: Bei "Fairtrade" ist das Wort Handel ist genauso wichtig wie das Wort fair.

Der Handel mit Fairtrade-Produkten boomt. Über 1.100 in Österreich gehandelte Produkte tragen bereits das Fairtrade-Gütesiegel. Im ersten Halbjahr 2015 legte der Umsatz damit um 30 Prozent auf 90 Millionen Euro zu. Umfragen zufolge ist das Siegel bei der Bevölkerung auch weithin bekannt und anerkannt. Neun von zehn Österreichern vertrauen dem Siegel. Kaffee, Bananen und Kakao haben innerhalb der Fairtrade-Produkte das größte Wachstum. FORMAT hat Fairtrade-International-Geschäftsführerin Harriet Lamb interviewt.

FORMAT: Was bedeutet "fair" eigentlich für Sie?

Harriet Lamb: Das ist eine sehr schwierige und fast schon philosophische Frage. Ich denke, fair bezieht sich immer auf beide Seiten. Wenn sie an fairplay denken, heißt das, das sich jeder an die Regeln hält und den anderen respektiert. Fairness bedeutet, dass ich Menschen mit Respekt behandle und keinen Unterschied mache, nur weil sie Kakaofarmer in Westafrika oder Kaffeebauern in Äthiopien sind. Bei Fairtrade konzentrieren wir uns auf den Handel und Nachhaltigkeit. Aber das Wort Handel ist genauso wichtig wie das Wort fair. Es darum, die Bedingungen für den Handel zu verändern.

FORMAT: Beim Handel geht es auch ums Geldverdienen: Wie haben sich die Umsätze mit Fairtrade-Produkten entwickelt?

Lamb: Im vergangenen Jahr sind die Umsätze weltweit um zehn Prozent gewachsen. In Österreich waren es 15 Prozent, auch Deutschland und Schweden sind stark wachsende Märkte. Das Volumen von Fairtrade-Produkten beläuft sich auf 5,9 Milliarden Euro – wenn wir zehn Jahre zurückschauen war es noch sehr klein. Im ersten Jahr mussten wir erst einmal Aufmerksamkeit generieren: Was ist Fairtrade und was nicht? Dabei ist es sehr einfach, ein Teil davon zu sein, weil man nur etwas mit dem Fairtrade-Siegel kaufen muss. Rund 40 Prozent des Preises behält der Handel. 2014 wurden insgesamt Fairtrade-Prämien in Höhe von 105 Millionen US-Dollar ausbezahlt, ein Anstieg um 14 Prozent. Die Prämie macht rund zehn Prozent des Mindestpreises aus.

FORMAT: Was bedeutet es für ein Unternehmen, auf Fairtrade-Produktion umzusteigen, wie es in Österreich zum Beispiel der Schokoladenhersteller Zotter gemacht hat? Gibt es dabei Unterschiede hinsichtlich der Größe des Unternehmens?

Lamb: Es hängt nicht so sehr von der Größe ab. Ich denke, es kann bei kleinen Unternehmen sehr gut funktionieren, aber auch für sie ist es ein großes Stück Arbeit. Sie müssen schließlich zu den am Markt üblichen Preis auch noch die Prämie bezahlen. Auf der anderen Seite ist es auch für große Konzerne eine Herausforderung: Oft gibt es dort Abteilungen für Nachhaltigkeit, die gerne mehr Fairtrade-Produkte kaufen würden. Doch dann schreit der Einkauf: Stop, wir wissen, wo und zu welchen Konditionen wir den Kakao kaufen müssen. Daher ist es schwierig, Fairtrade in ihr System hineinzubekommen. Am Ende hängt es doch einfach vom Willen ab.

FORMAT: Ein wichtiges Fairtrade-Produkt ist Kakao. Dafür steigt die Nachfrage und damit ziehen auch die Preise an den Rohstoffbörsen an. Vor ein paar Monaten wurde Kakao schon als Luxus-Produkt bezeichnet.

Lamb: Nun ja, die Schwankungen sind offen gesagt Teil des Problems. Als der Händler Anthony Ward, genannt „Choc-Finger“, enorme Mengen Kakao eingekauft hat, kamen die hohen Preise nie bei den Kakaobauern an. Der Handelspreis ist nicht gleich mit dem Preis, den die Bauern für ihr Produkt bekommen. Es geht um die Frage, wie viel vom Handelspreis zurück an die Bauern fließt. Schokolade sollte unbedingt ein Luxus-Produkt sein. Heute ist sie so billig wie Tee, das ist ein Witz.

FORMAT: Weshalb sollten die Konsumenten bereit sein, mehr für Scholkolade zu zahlen?

Lamb: Dafür muss das Produkt aufgewertet werden. Etwa, in dem man eine besondere dunkle Schokolade, Bio-Schokolade oder Schokolade mit einem speziellen Ursprungsland anbietet. Die Schokoladen-Industrie sollten Luxus-Produkte schaffen. Die schätzen die Konsumenten mehr und sind bereit, auch mehr dafür zu bezahlen. Für Marken-Sneaker geben die Menschen ja auch mehr Geld aus als für andere. Ich denke, die Mehrheit unserer der Gesellschaft hat genug Geld, mehr für Schokolade zu zahlen. Bei Kaffee funktioniert das auch. Der Markt für spezielle Kaffeesorten und Bohnen etwa boomt, weil sie Luxus-Produkte sind, die sich vom billigen Fertigkaffee abgrenzen.

Die Mondelez-Tochter Cadbury hat mit Fairtrade angefangen und das Projekt „no bean no bars“ (keine Bohnen, keine Riegel) ins Leben gerufen. Cadbury hat verstanden, dass in die Kakaobauern investiert werden muss, weil die sonst ihre Plantagen verlassen. Und ohne Kakaobauern gibt es keine Kakaobohnen und damit keine Schokolade. Für Cadbury ist das eine absolut logische und wirtschaftliche Entscheidung.


"Schokolade sollte unbedingt zum Luxus-Produkt werden, sie ist so billig wie Tee, das ist ein Witz", Fairtrade-CEO Harriet Lamb.

FORMAT: Welche Produkte sind im fairen Handel die wichtigsten und die mit dem größten Wachstum?

Lamb: Global gesehen sind immer noch Kaffee, Kakao und Bananen am wichtigsten. Kaffee hat einen Fairtrade-Symbolcharakter. Wenn man bedenkt, dass in Österreich mehr als 20 Prozent der Bananen und ein Drittel der aus Übersee gehandelten Blumen Fairtrade sind, dann ist das keine Nische mehr, sondern Teil des Mainstreams.

FORMAT: Im Schnitt geben die Österreicher pro Jahr trotzdem erst 17,50 Euro für Fairtrade-Produkte aus. Das ist immer noch sehr wenig. Werden die Konsumenten von den höheren Preisen abgeschreckt?

Lamb: Es gibt Fairtrade in so vielen Kategorien. Natürlich ist es ein sehr kleiner Anteil, weil die Menschen auch Eier, Käse und Brot kaufen. Produkte also, die nie Fairtrade werden können. Aber wir sind ehrgeizig, dass noch mehr Menschen noch öfter zu Fairtrade-Lebensmitteln greifen.

FORMAT: Auf den Kakao-Plantagen der Welt ist Kinderarbeit weit verbreitet. Welchen Beitrag leistet Fairtrade, um diese zu verhindern?

Lamb: Wenn Sie faire Schokolade kaufen, unterstützen sie die Kakao-Farmer, das Problem der Kinderarbeit selbst in ihrer Gemeinschaft zu lösen. Denn die Wurzel der Kinderarbeit ist Armut. Niemand ist gewillt, seine Kinder mit Macheten arbeiten oder schwere Säcke mit Kakaobohnen schleppen zu lassen. Die Armut zu bekämpfen ist der beste Weg, das Problem der Kinderarbeit zu lösen. Mit den Älteren und den Jungen darüber zu sprechen, ist besonders wichtig.

FORMAT: Aber wird auch von Fairtrade kontrolliert, dass keine Kinder arbeiten?

Lamb: Natürlich, aber wir müssen unterscheiden: Wenn es sich um Zwangsarbeit handelt, ist das absolut nicht erlaubt. Aber viele Kinder helfen auf der Farm mit, das ist sehr schwierig. Finden die Prüfer der Fairtrade-Zertifizierung schwere Formen von Kinderarbeit, bedeutet das einen sofortigen Entzug der Zertifizierung. Danach kümmert man sich um die Kinder und die Behörden werden informiert. Normalerweise lenkt das Management der Kooperative ein. Immerhin haben sie unterschrieben, dass Kinderarbeit verboten ist. Sie müssen außerdem alle Mitglieder Kooperative informieren.

FORMAT: Wie fair kann der Handel mit Kakao sein, wenn die Farmer nur sechs Prozent des Verkaufspreises erhalten?

Lamb: Das ging runter von 16 Prozent, ja. Wir arbeiten daran, dass die Farmer einen fairen Preis bekommen, der ihre Kosten deckt. Zusätzlich bekommen sie die Prämie, um zu investieren. Im kommenden Jahr werden wir den Mindestpreis prüfen. Wenn wir richtig liegen, ist es Zeit, ihn zu erhöhen. Ein Problem ist, dass die Farmer oft mehr ihres Kakaos zu Fairtrade-Konditionen verkaufen wollen – derzeit sind dies nur 30 Prozent. Aber um einen Unterschied zu machen, müssen sie mehr verkaufen.

FORMAT: Was wäre ein fairer Anteil vom Verkaufspreis?

Lamb: Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, mehr als sechs Prozent. Wenn man daran denkt, dass Kakao das wichtigste Produkt in einem Schokoriegel ist, ist es fast ein Skandal, dass nur sechs Prozent zu den Farmern fließen. Das ist echt eine Herausforderung und die Menschen sind es gewohnt, dass sie billige Rohstoffe bekommen.


"Fairtrade-Gold ist sehr schwierig zu zertifizieren", Fairtrade-CEO Harriet Lamb.

FORMAT: Marktanteile von Fairtrade-Textilien sind immer noch sehr klein. Die Menschen kaufen gerne günstige Kleidung. Wie bringt man sie dazu, mehr in faire Kleidung zu investieren?

Lamb: Bisher gibt es nur Baumwolle mit Fairtrade-Zertifizierung. Wir versuchen aber, im kommenden Jahr in Deutschland Fairtrade-Textilien auf den Markt zu bringen, denn die Baumwoll-Farmer in Westafrika sind zum Beispiel noch ärmer als die Kakaobauern. Es ist aber sehr schwierig, Baumwolle als fair zu zertifizieren. Dabei gibt es sehr komplexe Lieferketten mit sehr vielen Stufen zwischen dem Baumwoll-Farmer und dem fertigen Kleidungsstück.

FORMAT: Fairtrade-Gold: Können Sie mir etwas über die Herausforderungen und Probleme mit fair zertifiziertem Gold erzählen?

Lamb: Fairtrade-Gold gibt es noch nicht lange, es ist sogar jünger als Fairtrade-Baumwolle. Und es ist ebenfalls sehr schwierig zu zertifizieren. Wir hoffen, dass wir den Durchbruch mit Gold noch vor der Baumwolle schaffen.

FORMAT: Wo kann man faires Gold kaufen?

Lamb: Man muss noch etwas reisen. Es gibt eine Reihe von Unternehmen in Großbritannien, Holland, Dänemark und Deutschland, die Ringe, Ohrringe und anderen Schmuck aus fairem Gold anbieten.

Zur Person: Harriet Lamb, 54, ist seit September 2012 Geschäftsführerin von Fairtrade International. Zuvor war sie mehr als zehn Jahre lang als Geschäftsführerin der Fairtrade Foundation UK tätig. Sie wurde in England geboren und wuchs in Indien auf.

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