EZB wirft die Notenpresse an: 9 Fragen zum Massenkauf von Staatsanleihen

EZB wirft die Notenpresse an: 9 Fragen zum Massenkauf von Staatsanleihen
EZB wirft die Notenpresse an: 9 Fragen zum Massenkauf von Staatsanleihen

EZB-Chef Mario Draghi lässt freisches Geld drucken.

Das vielzitierte "Quantitative Easing" dient der Deflationsbekämpfung. Die EZB kauft massenhaft Staatsanleihen, wodurch diese für Banken unattraktiv werden sollen. Wenn alles nach Plan verläuft, vergeben die Geldhäuser daraufhin mehr Kredite.

Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft ab heute, Montag, für mehr als eine Billion Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere. Mit diesem unkonventionellen Schritt soll ein Preisverfall auf breiter Front verhindert werden, der die Wirtschaft auf Jahre lähmen kann. Die Käufe sollen auch die Teuerungsrate in der Eurozone wieder Richtung der Zielmarke von knapp zwei Prozent bringen.

Im Fachjargon werden die Maßnahmen "Quantitative Easing" (QE) genannt. EZB-Präsident Mario Draghi hatte die Märkte seit Monaten darauf vorbereitet, im Jänner gab der EZB-Rat mit breiter Mehrheit grünes Licht - gegen den Widerstand etwa von Bundesbankpräsident Jens Weidmann und dem österreichischen EZB-Rat und Notenbankgouverneur Ewald Nowotny.

1. Warum setzt die EZB diesen Schritt?

Das schärfste Schwert der Europäischen Zentralbank (EZB) ist in normalen Zeiten der Leitzins. Dieser liegt aber seit längerem bereits bei 0,05 Prozent. Damit ist die Waffe stumpf geworden. Die Notenbank muss also andere Maßnahmen ergreifen, um eine Deflation abzuwenden - eine langanhaltende Schwächephase aus fallenden Preisen und sinkenden Investitionen. Denn die EZB strebt eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an - davon ist sie aber derzeit weit entfernt. In Februar waren die Preise in der Eurozone um 0,3 Prozent gefallen, nachdem sie im Jänner sogar um 0,6 Prozent gesunken waren.

Warum ist das gefährlich? Bei anhaltend sinkenden Preisen halten sich Verbraucher oft zurück, weil sie erwarten, Produkte bald noch günstiger zu bekommen. Unternehmen verdienen weniger, bauen Personal ab und investieren kaum noch. Eine Spirale nach unten kommt in Gang, die nur schwer zu stoppen ist.

2. Wieviel Geld wird in die Märkte gesteckt?

Um eine solche Situation zu verhindern, pumpt die EZB jetzt riesige Summen in den Geldkreislauf - gut 1,1 Billionen Euro sind geplant. Die Käufe sollen "schrittweise und auf breiter Basis" durchgeführt werden, um die Preisbildung auf den Finanzmärkten nicht zu stören: Pro Monat, und mindestens bis September 2016, will die Notenbank auf diesem Weg 60 Milliarden Euro in die Wirtschaft führen. Die EZB kauft dabei den Geschäftsbanken im großen Stil Wertpapiere - insbesondere Staatsanleihen - ab. Denn im Vergleich zu anderen Schuldtiteln wie Unternehmensanleihen ist der Markt für staatliche Bonds in Europa deutlich größer, die EZB kann daher hier die größte Wirkung erzielen. Dabei schafft die Notenbank durch die Käufe zusätzliche Liquidität: Sie wirft die Notenpresse an und druckt mehr Geld.

3. WAS SOLL QE BRINGEN?

Kauft die Notenbank massenhaft Staatsanleihen, steigen tendenziell die Anleihenkurse und die Renditen sinken entsprechend. Das Kalkül: Banken werden aus diesen Schuldtiteln herausgedrängt, da sie weniger Zinsen bringen. Sie haben dann mehr Kapital für andere Bereiche zur Verfügung - und vergeben idealerweise wieder mehr Kredite. Damit würde die Geldschwemme der stotternden Wirtschaft zugutekommen. Auch die Teuerungsrate würde dann tendenziell wieder steigen. Andere Notenbanken - etwa in den USA oder Großbritannien - haben nach der Finanzkrise 2008 bereits zu diesem Instrument gegriffen, um ihre Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

4. Was wird für die besagten 60 Milliarden Euro gekauft?

In den 60 Milliarden Euro pro Monat enthalten sind sogenannte ABS-Papiere und Pfandbriefe im Volumen von etwa zehn Milliarden Euro - die restlichen rund 50 Milliarden Euro entfallen auf Bonds. Das Programm soll Ende September 2016 auslaufen. Es kann aber auch früher beendet oder verlängert werden - je nach Erfolg der Maßnahmen. Maximal können 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erworben werden.

Etwa zwölf Prozent der Anleihenkäufe entfallen auf Papiere europäischer Institutionen sowie Einrichtungen, die Länder aus der Finanzkrise geholfen haben. Dafür gilt eine gemeinschaftliche Haftung. Acht Prozent betreffen Staatsanleihen, die die EZB direkt erwirbt. Für die restlichen 80 Prozent kommen die nationalen Zentralbanken auf, die dann Titel ihres Landes auf eigenes Risiko erwerben. Auch Käufe von Schuldtiteln mit negativer Rendite sind unter bestimmten Bedingungen möglich.

5. Wer verwaltet die Käufe?

Die EZB koordiniert die Käufe und gibt entsprechende Vorgaben. Die nationalen Notenbanken haben aber etwas Spielraum. Zugelassen sind Staatsanleihen mit einer Bonitätsnote von mindestens "BBB-". Das ist eine Stufe über dem berüchtigten Ramschniveau, das vor großen Ausfallrisiken warnt. Unterhalb dieser Note müssen für die betreffenden Euro-Länder Hilfsprogramme der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Plan laufen.

6. Gibt es Kritik an den Staatsanleihenkäufen?

Deutsche-Bundesbank-Präsident Jens Weidmann befürchtet, dass der Reformeifer in Krisenländern nachlassen könnte - schließlich wird das Schuldenmachen billiger, wenn die EZB als großer Akteur auf den Plan tritt. Kritiker werfen der EZB zudem vor, sie finanziere letztlich Staatsschulden mit der Notenpresse. Das mache die Notenbank abhängig von den Staaten und gefährde ihre Unabhängigkeit.

7. Wie wirkt die Geldflut tatsächlich?

Bisher vor allem wie ein Schmierstoff für Aktienmärkte. Da viele andere Geldanlagen wegen der niedrigen Zinsen kaum noch etwas abwerfen, stecken Investoren ihr Geld in Aktien. Die Kurse steigen. Experten warnen, dass dadurch Blasen an den Aktienmärkten entstehen können. Ähnliches gilt für Immobilienmärkte. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret sieht die Gefahr, dass viele Anleger auf der Suche nach Rendite zu Vermögenswerten greifen, die sie bisher wegen deren Risiken gemieden haben: "Die Entstehung von Preisblasen wird damit wahrscheinlicher, und das könnte zu einem Problem für die Stabilität des Finanzsystems werden."

8. Wie reagiert der Euro?

Der Euro verliert wegen der lockeren Geldpolitik massiv an Wert gegenüber dem Dollar. Das hilft der Exportwirtschaft: Produkte "made in Germany" sind auf den Weltmärkten in Dollar billiger. Das kann die Konjunktur beflügeln. Allerdings: Für Verbraucher begrenzt der schwache Euro die Effekte gesunkener Ölpreise, weil Rohöl und Benzin international in Dollar gehandelt werden. Mit anderen Worten: Wäre der Euro stärker, wäre Sprit in Österreich billiger. Und: Reisen in Nicht-Euroländer wie die Schweiz oder die USA werden teurer.

9. Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf das Sparbuch. Allerdings dürfte die EZB die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das milliardenschwere Programm läuft. Die Zeiten bleiben also noch eine ganze Weile hart für Sparer. Die Deutsche Kreditwirtschaft kritisiert schon länger, dass die Geldpolitik der EZB die Sparer belastet und die private Altersvorsorge gefährdet. Die Renditen auf Staatsbonds wie Bundesanleihen dürften hingegen durch die Käufe direkt weiter nach unten gedrückt werden. Das trifft Besitzer von Anleihen oder Anleger, die Geld in Anleihenfonds investiert haben. Auch das Geld der Lebensversicherer steckt vor allem in Staatsanleihen. Hingegen profitieren Staaten: Die EZB erhöht die Nachfrage nach den Schuldpapieren, sie können sich nun also noch günstiger Geld am Kapitalmarkt besorgen.

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