Europäische Staatsanleihen: Die nächste große Blase?

EZB-Boss Draghi ist sich bewußt, dass die niedrigen Zinsen ein Nährboden für Ungleichgewichte ist.

EZB-Boss Draghi ist sich bewußt, dass die niedrigen Zinsen ein Nährboden für Ungleichgewichte ist.

71 Prozent der deutschen Staatsanleihen bringen keine Zinsen mehr. Ein typisches Zeichen einer Spekulationsblase. Wie Experten die Lage einschätzen und mit welchen Auswirkungen sie rechnen.

Aus Sicht der EZB läuft es derzeit richtig gut. Das Anfang März gestartete großangelegte Programm zum Kauf von Staatsanleihen, das von vielen Seiten kritisiert wurde, zeigt Wirkung.

0,1 Prozent Zinsen

Doch just zu dem Zeitpunkt als EZB-Chef Mario Draghi gestern den Erfolg verkündete, erreichten die Zinsen von Staatsanleihen neue Tiefstande. Mit dem Kauf der maßgeblichen Staatspapiere mit zehn Jahren Laufzeit erzielten Anleger am Donnerstag erstmals weniger als 0,1 Prozent Rendite. Damit nähert sich der Zins dieses wichtigen Produkts immer weiter der Null-Marke. Staatsanleihen mit Laufzeiten von acht Jahren und weniger lange bringen bereits negative Zinsen.

In der Schweiz, deren Staatsanleihen als besonders sichere Anlage gelten, liegt der zehnjährige Zins schon länger unter Null. Österreich hatte erstmals Anfang März eine Bundesanleihe mit Negativ-Rendite begeben, konkret waren es -0,038 Prozent; bei der Aufstockung von Bundesanleihen vorige Woche waren die Renditen aber positiv.

Diese große Maß an negativen Zinsen sind klare Vorzeichen für eine Blase. Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees von Carmignac, einer der größten Vermögensverwalter Europas dazu:


"Wenn Anleihen im Wert von mehr als 2.000 Milliarden Dollar weltweit - 80 Prozent davon aus der Eurozone - heute eine negative Rendite erzielen, dann verwandeln die zusätzlichen massiven Liquiditätsspritzen die Märkte in Fässer, die kurz vor dem Überlaufen sind."

In weiterer Folge auch Blase an den Aktienmärkten wahrscheinlich

Auch führenden deutschen Wirtschaftsforscher warnen vor Risiken des lockeren EZB-Kurses. "Es ist nicht auszuschließen, dass es bei anhaltend expansiver Geldpolitik zu Blasen auf den Aktienmärkten kommt", schreiben die Forscher in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Frühjahrsgutachten. Ein Platzen hätte negative Konsequenzen für die Konjunktur. "Auch auf anderen Vermögensmärkten, etwa für Immobilien, besteht dieses Risiko." Die Europäische Zentralbank (EZB) pumpt derzeit über den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren monatlich rund 60 Milliarden Euro in die Finanzmärkte, um für mehr Inflation und Wirtschaftswachstum zu sorgen.

Grundsätzlich sehen die Ökonomen Staatsanleihekäufe durch die Zentralbank als geeignetes Mittel, um Gefahren eines konjunkturschädlichen Preisverfalls auf breiter Front (Deflation) entgegenzuwirken. Die Forscher betonen aber auch: "Der Kauf von Staatsanleihen durch das Eurosystem ist mit erheblichen Risiken für die Finanzstabilität und für die Stabilität der öffentlichen Finanzen im Euroraum verbunden."

Zudem mahnen die Institute, dass die EZB mit ihren groß angelegten Käufen in ein Dilemma geraten könnte. "Mit dem Programm verhindert sie letztlich, dass die Kapitalmärkte mit höheren Renditen auf zunehmende öffentliche Verschuldung in Mitgliedsstaaten der Währungsunion reagieren. Dies schaffe Fehlanreize, da Staaten ihre Verschuldung wegen der niedrigen Zinsausgaben weiter erhöhen könnten.

Auch EZB-Chef Draghi ist sich der Risiken offenbar bewusst:

"Wir sind uns sehr wohl bewußt, dass niedrige Zinsen für eine lange Zeit den Nährboden für Ungleichgewichte bilden können."

Wirtschaft

Waschmaschine an Amazon: Ich brauche Waschpulver!

Wirtschaft

Neue Jahreszeit bei der Bank Austria: Vivaldi tritt als Vorstand ab

Wirtschaft

ILO-Trendbericht: Arbeitslosigkeit nahm 2015 global zu