Dieselgate kostet dem VW-Konzern bis zu 47 Milliarden Euro

Die Kosten des Dieselgate-Skandals werden inzwischen auf 47 Millionen Euro geschätzt. Der Volkswagen-Konzern hat nun eine erste Rückruf-Welle für von der Abgas-Affäre betroffene Autos gestartet. Fünf Millionen VW müssen in die Werkstatt, in Österreich müssen 363.400 Wagen nachgebessert werden. VW hat einem Bericht zufolge ein Dutzend Entwickler und Manager beurlaubt. Das Aufsichtsratpräsidium trifft heute zu einem erneuten Krisentreffen zusammen.

Dieselgate kostet dem VW-Konzern bis zu 47 Milliarden Euro Dieselgate kostet dem VW-Konzern bis zu 47 Milliarden Euro

Im Abgas-Skandal hat VW einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselautos mit manipulierter Software vorgestellt und will fünf Millionen Autos der Marke VW in die Werkstätten zurückrufen. Die betroffenen Autos bestimmter Baujahre und Modelle - darunter der Golf VI, der Passat (Generation VII) oder die erste Generation des Volkswagen Tiguan - sind mit Dieselmotoren des Typs EA 189 ausgestattet. Die Kunden sollen demnächst per Post informiert werden. Laut VW handelt es sich dabei um "Servicemaßnahmen".

Auch österreichische VW-Fahrer werden bald Post vom deutschen Autokonzern bekommen: Laut Porsche-Holding Österreich sind hierzulande 363.400 Fahrzeuge der Marken VW, Audi, Seat und Skoda der Baujahre 2009 bis 2014 betroffen. Das Abgasverhalten der Wagen soll in Kürze nachgebessert werden, heißt es weiter. VW wird demnächst spezielle Websites für jedes Land schalten, auf denen sich Kunden über den aktuellen Stand der Dinge informieren können. VW versichert, dass alle Fahrzeuge sicher und fahrbereit sind.

Betroffene Autos in Österreich:

  • 180.500 VW-Pkw
  • 24.400 VW-Nutzfahrzeuge
  • 72.500 Audi
  • 54.300 Skoda
  • 31.700 Seat

Bei VW rollen weitere Köpfe

Indes rollen bei Volkswagen weitere Köpfe: Insidern zufolge scheidet auch Kommunikationschef Stefan Grühsem bei Volkswagen aus. Es werde erwartet, dass der 53-Jährige seinen Rücktritt noch am Mittwoch bekanntgeben werden. Grühsem ist enger Vertrauter des vergangene Woche in der Abgasaffäre zurückgetretenen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn. Seinen Platz wird aller Voraussicht nach Hans-Gerd Bode einnehmen. Bode war bisher Leiter der Porsche-Kommunikation, der neue VW-Chef Matthias Müller holte ihn Insidern zufolge ins Boot.

Neuer Chef bei der VW-Sportwagentochter Porsche wird ab 1. Oktober Produktionsvorstand Oliver Blume. Blume ist schon seit gut zwei Jahrzehnten im VW-Konzern tätig, 2013 kam er als Produktionsvorstand zu Porsche. Damit geht zumindest ein Teil der Zuffenhausener Erfolgsgeschichte vergangener Jahre auch auf Blumes Konto. Seit 2010 hat die VW-Tochter Umsatz, Absatz und Mitarbeiterzahlen fast verdoppelt.

VW-Mitarbeiter beurlaubt

Wie das "Manager Magazin" berichtet, wurden im Zuge des Manipulations-Skandals rund ein Dutzend Mitarbeiter bei VW beurlaubt. Die Betroffenen stehen im Verdacht, an Entwicklung und Einsatz der zur Manipulation von Abgaswerten genutzten Software beteiligt gewesen zu sein - oder zumindest frühzeitig davon gewusst zu haben.

Der Großteil der beurlaubten Mitarbeiter sei in der Motorenentwicklung und Abgasnachbehandlung tätig gewesen. Unter den beurlaubten Mitarbeitern sind dem Bericht zufolge "Entwickler und Manager auch höherer Hierarchieebenen in Deutschland und den USA".

Die Auswirkungen des Abgas-Skandals bei VW kommen allmählich auch in der Autoproduktion und bei den Tochtergesellschaften an. Im Motorenwerk Salzgitter fährt Volkswagen die Produktion zurück. Und die VW-Finanztochter Volkswagen Financial Services hat bis zum Jahresende einen Einstellungsstopp verhängt.

Europaweit betroffene VW-Fahrzeuge

Vom Dieselgate-Skandal sind bekanntlich elf Millionen Autos verschiedener zum Volkswagen gehörender Marken betroffen. Neben den fünf Millionen VW die nun zurückbeordert werden wurden von dem Konzern auch 2,1 Millionen Audi und 700.000 Seat mit der manipulativen Software für Prüfstand-Tests ausgeliefert. Im Oktober will Volkswagen technische Lösungen für die betroffenen Fahrzeuge vorstellen.

Großbritannien betrifft der Diesel-Skandal mit rund 1,2 Millionen Fahrzeugen. 393.450 Autos sind von VW-Tochter Audi, knapp 76.773 von Seat und rund 131.569 von Skoda. Dazu kommen knapp 79.838 Nutzfahrzeuge von VW.

In Belgien sind nach Angaben eines Autoimporteurs 393.648 VW-Fahrzeuge mit der Software zur Manipulation von Abgaswerten ausgestattet. Im Nachbarland Frankreich sollen einem TV-Bericht zufolge mehr als 900.000 Autos betroffen sein.

Am heutigen Mittwoch trifft in Wolfsburg das Präsidium des Aufsichtsrates zusammen, um über erste Ergebnisse aus den konzerninternen Ermittlungen zum Abgas-Skandal zu beraten.

VCÖ fordert "Ökoprämie" zurück

Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) fordert eine Prüfung, ob für VW-Dieselfahrzeuge mit manipuliertem Motor eine so genannte "Ökoprämie" bezahlt wurde. "Wenn ja, dann sollte der Hersteller diesen Betrag unverzüglich an die Republik Österreich zurück überweisen", sagt VCÖ-Expertin Ulla Rasmussen. Die Republik Österreich zahlte diese zwischen April und Juni 2009 für die Anschaffung neuer Autos. Zudem fordert der VCÖ eine rasche Erhebung, wie viele Schadstoffe durch die Manipulation zusätzlich in die Luft gelangt sind.

Ähnliches erwägt auch die französische Regierung. Wenn der Verkauf angeblich sauberer Fahrzeuge mit Fördergeldern zusammenhänge, "dann müssen diese öffentlichen Hilfen zurückgezahlt werden", sagte Umweltministerin Segolene Royal.

Umweltverbände forderten indessen eine Untersuchung durch eine unabhängige Kontrollbehörde. "Wir haben in den vergangenen acht Jahren erlebt, wie das ehemals stolze Kraftfahrt-Bundesamt zum devoten Dienstleister der Autobauer verkam", sagte der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch. Die IG Metall wehrt sich zudem gegen drohende negative Folgen für die Belegschaft. Die Affäre bedeute einen "unendlichen Schaden" für das Produkt, den Konzern und den Standort Deutschland, sagte Gewerkschaftschef Detlef Wetzel.


Wieso haben wir davon nichts gewusst?

Aus nationaler Sicht sei der Skandal mit der Finanzkrise 2008/2009 vergleichbar. Arbeitnehmer seien dafür nicht verantwortlich, meinte Wetzel. Er gab aber zu, dass sich auch die in Wolfsburg mächtige IG Metall Fragen zu ihrem Beitrag zur Unternehmenskultur bei VW stellen müsse. Es stehe ein großer Kulturwandel an. "Es ist kein Wert an sich, größer als Toyota zu sein", sagte Wetzel. Zudem müsse man fragen: "Wieso haben wir davon nichts gewusst?" Die Affäre hat aus Sicht der Gewerkschaft aber mit der besonders ausgeprägten Mitbestimmung im Konzern nichts zu tun.

Die bisherigen Rückstellungen von 6,5 Milliarden Euro für den Abgas-Skandal dürften jedenfalls nicht ausreichen, um die Rechnungen dafür zu bezahlen. Das Geld ist vor allem für technologische Lösungen und Service-Leistungen vorgesehen. Möglicher Schadenersatz, Anwaltshonorare und andere Kosten kämen obendrauf. Ein VW-Sprecher verwies auf die Gewinnwarnung aus der vergangenen Woche fürs dritte Geschäftsquartal, wonach der angenommene Betrag für Serviceleistungen "Einschätzungsrisiken" unterliege und auch bereits klar nur den Serviceleistungen zugeordnet worden sei.

Schadensabschätzung

Auf Volkswagen rollen wegen des Abgas-Skandals hohe Strafzahlungen zu. Zu diesen werden auch Schadensersatzklagen an Anleger und Autobesitzer in Milliardenhöhe kommen. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) schätzt den Gesamtschaden des Dieselgate-Skandals auf bis zu 47 Milliarden Euro. Dabei gehen die Analysten allein in den USA von 16 Milliarden Euro für Strafzahlungen und weiteren 10 Milliarden Euro an Kosten für den Rückkauf beanstandeter Fahrzeuge aus.


Entscheidend ist, dass endlich Klarheit geschaffen wird, was das Ganze kosten wird.

"Entscheidend ist, dass endlich Klarheit geschaffen wird, was das Ganze kosten wird", sagt Arnd Ellinghorst von Evercore ISI in London. "Wenn es 20 oder 30 Milliarden sind, die kann VW verkraften. Was das Unternehmen aber nicht verkraftet kann, ist die momentane Verunsicherung der Investoren."

VW-Konzern zur Kassa

Die für den Rückruf der Autos zur Seite gelegten 6,5 Milliarden Euro werden wohl nicht reichen. Der Konzern wird auch seine Reserven angreifen müssen. Dank der zurückliegenden fetten Jahre war das Finanzpolster zur Jahresmitte recht üppig: In den Büchern standen fast 18 Milliarden Euro Bargeld und Wertpapiere im Wert von weiteren gut 15 Milliarden Euro. Insgesamt also 33 Milliarden Euro.

Die VW-Aktie (klicken zur aktuellen Kursinformation) hat aber als Folge des Skandals dramatisch an Wert verloren und notiert derzeit bei nur noch 95,20 Euro. Im April notierte das Papier noch bei 253 Euro. Vor dem Auffliegen der Affäre war das VW-Papier 162,40 Euro wert, was einen Einbruch von 40 Prozent zum aktuellen Niveau bedeutet. Bis jetzt sind 28 bereits Milliarden Euro an Börsenwert verpufft - soviel ist die Deutsche Post insgesamt an der Börse wert. Der VW-Konzern selbst brachte zuletzt noch gut 49 Milliarden Euro auf die Waage.

Mittwochmorgen erholte sich die VW-Aktie leicht und liegt 3,57 Prozent im Plus. Einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge könnte der VW-Konzern Umweltstrafen in den USA ganz entgehen. Grund dafür sei ein Schlupfloch in der US-Gesetzgebung. Der so genannte "Clean Car Act" aus dem Jahr 1970 sieht eine weitgehende Straffreiheit für Autokonzerne vor. Würde das US-Justizministerium gegen VW ein Ermittlungsverfahren einleiten, wäre es dem WSJ zufolge das erste gegen einen Autokonzern, der sich nicht an Emissions-Standards hält. Die US-Ermittler versuchen nun, VW etwa wegen Falschaussagen an die Umweltbehörde EPA zu belangen.

Dieselgate hat die VW-Aktie zum Absturz gebracht. Der Wert des vom Konzern gehaltenen Aktienpakets schmilzt wie Eis in der Sonne.

Damit hat sich auch der Wert des in den Büchern geführten Aktienpakets nahezu halbiert. Hinzu kommt, dass VW rund Hälfte des Geldes in der Hinterhand behalten sollte, um auch in Zukunft jederzeit zahlungsfähig zu sein.

Zu den Milliarden, die der Konzern zur Bewältigung der Krise locker machen könnte kommen Einnahmen aus dem Verkauf der Beteiligung an Suzuki und der Anteile am Leasinganbieter und Flottenmanager LeasePlan - zusammen gut 5 Milliarden Euro.

Durch die Ausgabe von Vorzugsaktien könne VW weitere etwa 8 Milliarden Euro einnehmen, sagt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Volkswagen hat aktuell 180 Millionen stimmrechtslose Vorzugsaktien und 295 Millionen Stammaktien im Umlauf. Maximal die Differenz von 115 Millionen Papieren kann der Konzern ausgeben, wenn die Stammaktionäre - die Familien Piech und Porsche und das Land Niedersachsen - nicht mitziehen sollten.

Spar- und Hilfsprogramm

Falls noch mehr Geld gebraucht würde, könnte VW nach Ansicht der Analysten auch bei den Investitionen vom Gas gehen. Der Konzern hat sich im laufenden Fünf-Jahresplan Ausgaben von mehr als 100 Milliarden Euro für neue Werke und Technologien vorgenommen. Zehn Prozent davon könnten gekürzt werden, da VW seine Kapazitäten wegen des Abgas-Skandals sicherlich nicht so stark ausbauen muss wie geplant, sagt Analyst Schwope. Das wären weitere 2 Milliarden Euro im Jahr.

Den dicksten Brocken aber sehen Schwope und Pieper im Verkauf von Marken oder Geschäftsfeldern. Pieper schätzt etwa den Wert der Lkw-Sparte aus den beiden VW-Töchtern MAN auf 30 Milliarden Euro. Zusammen mit weiteren Einsparungen und der vorhandenen Liquidität kommt Pieper auf mindestens 60 Milliarden Euro, die Volkswagen mobilisieren könnte. Schwope hält bis zu 65 Milliarden Euro für möglich, wenn VW sich auch noch von Luxusmarken wie Lamborghini, Bugatti oder Bentley und dem italienischen Motorradbauer Ducati trennt und auch sein Sponsoring im Fußball und Motorsport zurückfährt. Allerdings: Der VW-Konzern befindet sich aktuell in einer denkbar schlechten Position, um für diese Marken bei allfälligen Verkaufsverhandlungen einen guten Preis erzielen zu können.

Die letzte Rettung wäre ein staatliches Hilfsprogramm. "VW ist systemrelevant", sagte der auf Kapitalmarktrecht spezialisierte Rechtsanwalt Andreas Tilp, dessen Kanzlei möglicherweise im Auftrag von VW-Aktionären Klagen gegen das Unternehmen anstrengen wird. Mit weltweit 600.000 Mitarbeitern und der Beteiligung des Landes Niedersachsen sei der Wolfsburger Konzern ebenso wichtig für die deutsche Wirtschaft wie die vor wenigen Jahren vor der Krise geretteten Banken.

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