Deutsche Autobauer fliehen aus Russland

Deutsche Autobauer fliehen aus Russland

Opel zieht sich aus Russland zurück - und das könnte der Startschuss für eine regelrechte Abwanderungswelle werden: Peugeot und Ford könnten Putin ebenfalls den Rücken zukehren. Einem Experten zufolge befindet sich der Markt im freien Fall

Der Rückzug von Opel aus Russland könnte der Anfang einer regelrechten Abwanderungswelle internationaler Autobauer werden. Die verbliebenen Konzerne betonen zwar, dass sie trotz der Absatzkrise in dem von den Sanktionen des Westens gezeichneten Land vorerst ausharren werden, weil sie dabeisein wollen, wenn der russische Markt wieder anspringt. Experten gehen allerdings nicht davon aus, dass dies in naher Zukunft der Fall sein wird. Sie glauben vielmehr, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis für den nächsten Hersteller angesichts von Ukraine-Krise, Rubel-Verfall und kaum ausgelasteten Fabriken die Schmerzgrenze erreicht ist.

"Der russische Automobilmarkt befindet sich im freien Fall", beschreibt Bernd Hones von Germany Trade & Invest die Situation. Als Vertreter dieser Gesellschaft des Bundes zur Außenwirtschaftsförderung in Moskau berät er deutsche Firmen, die in Russland Geschäfte machen wollen und verfügt über gute Kontakte in die Branche: "Die Automobilunternehmen müssen sich darauf einstellen, dass es in den nächsten zwei Jahren hier nicht besser wird," sagt er.

AUTOMARKT IM FREIEN FALL

Der Autoexperte Stefan Bratzel schätzt, dass schon bald weitere Hersteller Opel folgen werden, etwa Peugeot und vor allem Ford. "Ich kann mir vorstellen, dass Ford sehr genau hinschaut, wie lange man das Spiel noch mitmachen will", sagt der Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Der US-Traditionskonzern befinde sich in einer ähnlichen Lage wie die General-Motors -Tochter aus Rüsselsheim und schreibt vor allem wegen der Probleme in Russland in Europa rote Zahlen.

Die Nummer zwei in den USA hinter GM wollte eigentlich 2016 auf dem alten Kontinent wieder Gewinne schreiben, legt sich inzwischen darauf aber nicht mehr fest. Opel hat die Reißleine in Russland auch deshalb gezogen, weil man die angepeilte Rückkehr in die schwarzen Zahlen nicht gefährden will. Im Februar verkaufte Opel in Russland gerade einmal 912 Autos, ein Minus von 86 Prozent.

Derzeit denkt Ford jedoch nicht daran, die Zelte in Russland abzubrechen. "Unsere Position ist unverändert, wir stehen zu unserem Joint-Venture", betont ein Sprecher. Man nehme mit dem russischen Partner Sollers jeden Geschäftsbereich unter die Lupe, um die Kosten zu senken. Das Ziel sei, die finanziellen Folgen der Misere in Russland zu begrenzen.

VOLKSWAGEN BLEIBT VORSICHTIG

Europas größter Autobauer Volkswagen behält sich vor, die Produktion in Russland weiter anzupassen. VW hatte die Bänder in seinem Werk in Kaluga bereits im vergangenen Jahr vorübergehend angehalten. Derzeit läuft die Produktion. Das Geschäft werde neben der schwachen Konjunktur aber weiter durch deutliche Preissteigerungen und hohe Kreditzinsen belastet. "Wir gehen davon aus, dass diese Faktoren zunächst anhalten, sodass sich die negative Entwicklung im Geschäftsjahr 2015 fortsetzen wird", erklärt ein Sprecher.

Die Autobauer haben die Preise drastisch erhöht, um den Verfall der russischen Währung auszugleichen. Das führt dazu, dass Neuwagen für viele Russen unerschwinglich geworden sind. "Die Banken scheuen sich, neue Kredite zu vergeben, zumal sie sehen, dass immer mehr Menschen in Russland arbeitslos werden", schildert Hones die Lage.

"JETZT HABEN SIE DEN SALAT"

Für die Hersteller rächt sich nach Meinung der Experten nun, dass sie vor Jahren - im Vertrauen auf steigende Verkaufszahlen - massiv in Russland investiert haben. Befeuert wurde dies durch die russische Regierung. "Das Industrie- und Handelsministerium hat den Autobauern das Messer auf die Brust gesetzt", sagt Russland-Kenner Hones. Wenn sie Bauteile weiter zollfrei ins Land liefern wollten, mussten sie ihre Kapazitäten dort deutlich erhöhen. "Jetzt haben sie den Salat." Einem in diesem Jahr erwarteten Absatz von höchstens 1,5 Millionen Fahrzeugen aus russischer Produktion stünden Werkskapazitäten von mehr als 2,8 Millionen Einheiten gegenüber, rechnet Hones vor. "Da kann dem ein oder anderen noch die Luft ausgehen."

Den Leiden der einen stehen jedoch Chancen für andere gegenüber. Der russische Lada-Hersteller Avtovaz etwa will sich ein größeres Stück vom Markt abschneiden, wenn sich weitere ausländische Hersteller aus dem Land zurückziehen.

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