Deflation muss nicht unbedingt schlecht sein

Deflation muss nicht unbedingt schlecht sein

In Zeiten fallender Preise kaufen die Menschen weniger ein - so die gängige Meinung unter Notenbankern.

Die Europäische Zentralbank (EZB) setzt alles daran, eine mögliche Deflation zu verhindern - denn die Währungshüter fürchten eine Abwärtsspirale aus Preisverfall und fehlenden Investitionen. Dabei ging es Europas Wirtschaft in der Vergangenheit während einer Deflation nicht zwingend schlechter, besagt eine aktuelle Studie.

Mit ihrem billionenschweren Ankauf von Staatsanleihen will die Europäische Zentralbank (EZB) unter anderem den Absturz in eine Deflation verhindern, beziehungsweise die Inflation auf ein Level heben, das die Währungshüter für gesund halten: Ab einer Inflation von knapp zwei Prozent spricht man in Frankfurt von stabilen Preisen; doch davon ist die Eurozone derzeit noch weit entfernt: Im Februar fielen die Preise um 0,3 Prozent, nachdem sie im Jänner sogar um 0,6 Prozent gesunken waren.

Fallende Preise klingen für Endkonsumenten vorerst verlockend, sind aus Sicht der Notenbanker aber gefährlich. Sie könnten nämlich dazu führen, dass Konsumenten sich mit größeren Käufen zurückhalten, weil sie erwarten, Produkte bald noch günstiger zu bekommen. Sinkende Löhne auf Grund sinkender Preise werden Konsumenten wohl nicht akzeptieren; die Unternehmen verdienen also weniger, haben aber noch hohe Personalkosten – und müssen daher Mitarbeiter kündigen, was die Arbeitslosigkeit in die Höhe treibt. Kreditraten, etwa auf das Eigenheim, sind in einer Deflation im Vergleich zum gesamtem Preis- und Lohnniveau hoch – was zu Kreditausfällen und entsprechenden Schäden im Banksystem führt. Eine Abwärtsspiele kommt in Gang, in der nicht mehr investiert und die Wirtschaft nicht mehr wächst, meinen die Experten.

Doch inzwischen regen sich auch Stimmen, laut denen Deflation nicht so schlimm ist, wie stets behauptet wird – darunter Bilal Hafeez, Global Strategist bei der Deutschen Bank.
In einem Fachartikel für „konzept“, das hauseigene Magazin von DB Research, beschreibt Hafeez wirtschaftshistorische Studien. Er vergleicht die ökonomischen Daten aus 30 Ländern über einen Zeithorizont vom frühen 19. Jahrhundert bis heute. Der besondere Fokus: Inflation und Deflation. Das Ergebnis: Im Durchschnitt war das wirtschaftliche Wachstum in Deflations- und Inflationsphasen genau gleich - nämlich bei 1,6 Prozent. „Aus einer Wachstumsperspektive gibt es also keinen Grund, die Inflation gegenüber der Deflation zu bevorzugen“, schreibt Hafeez.

Europa: Wachstum in der Deflation

Gar noch aufschlussreicher sind die wirtschaftshistorischen Studien, wenn man sie aus einer regionalen Perspektive betrachtet. Demnach schrumpft die US-amerikanische Volkswirtschaft in Deflationsphasen um durchschnittlich 1,3 Prozent, während das BIP in der Inflation um 1,5 Prozent wuchs.

In Europa ergibt sich hingegen ein gegenteiliges Bild: Hier lag das Wirtschaftswachstum in Phasen der Deflation mit 1,7 Prozent höher als in Phasen der Inflation (1,4 Prozent). „Die negative Korrelation zwischen Preisen und Wachstum findet sich besonders stark in Deutschland“, schreibt Hafeez: In Phasen der Deflation legte die Wirtschaft hier um durchschnittlich 2,6 Prozent zu, während sie in der Inflation nur 0,6 Prozent wuchs.

Ähnliches beobachten die Analysten der Deutschen Bank auch in Belgien, Finnland, Griechenland, Spanien, Schweden und ganz Lateinamerika. „Griechenland und Spanien hatten ihre stärksten Wachstumsphasen in den vergangenen zwei Jahren, als beide in der Deflation steckten“, schreibt Hafeez.

Volkswirtschaft – Einführungsvorlesung

Gibt es also eine gute Deflation? Hafeez erklärt dies mit den einfachen Prinzipien der Volkswirtschaftslehre – demnach können niedrige Preise durch zwei Arten zustande kommen: Entweder durch ein größeres Angebot oder durch geringere Nachfrage. Das größere Angebot könnte laut Hafeez zu einer „guten Deflation“ führen, wenn „die Produktivität erhöht wird, Reallöhne steigen und sich eine robuste Nachfrage nach profitablen Wertanlagen entwickelt“.

Demnach sei es wichtig, die Ursache von Deflation zu verstehen – einfach um jeden Preis Deflation verhindern zu wollen, was scheinbar das Mantra der Zentralbanker in den vergangenen Jahrzehnten war, muss nach den Ausführungen von Hafeez aber nicht immer der beste Weg sein.

Ölpreis als Dämpfer der Inflation

Rückendeckung für seine Thesen bekommt Hafeez von vielen anderen Ökonomen. Viele Experten sehen derzeit in der Eurozone gar keine Deflationsgefahr: Die sinkende Teuerungsrate sei vor allem eine Folge des drastischen Ölpreis-Verfalls, sagen sie. Und der wirkt bei energieimportierenden Staaten geradezu wie ein Konjunkturprogramm.

Zu den großen Kritikern gehört hier vor allem Hans-Werner Sinn, Präsident des deutschen Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. Er bemängelt nämlich, dass die billionenschwere Ankäufe von Staatsanleihen durch die EZB auch die Abwertung des Euro voran treiben: Die Begründungen der EZB für die Aktion sei nur vorgeschoben. "Denn es gibt keine Deflation im Euroland, sondern einen konjunkturell hochwillkommenen Absturz der Ölpreise", sagt Sinn. "Das kurbelt die Konjunktur an, aber muss doch nicht bekämpft werden.“

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