Baba, Boom - der Glanz der Schwellenländer verblasst

Baba, Boom - der Glanz der Schwellenländer verblasst

Das Ende der lockeren Geldpolitik erwischt die Schwellenländer am falschen Fuß: Investoren flüchten, die Währungen stürzen ab, das Wachstum der Jubeljahre ist Geschichte. Das könnte auch den Aufschwung in Österreich massiv bremsen.

Rund 300 Gäste waren am vergangenen Dienstag ins Haus der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik gekommen, um den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu hören. Thema: "Türkei, Europa und die Welt im 21. Jahrhundert“. Erdoğans wichtigste Schlussfolgerung: "Es wird unmöglich sein, das 21. Jahrhundert ohne die Türkei zu gestalten.“ Die EU brauche die Türkei ebenso wie die Türkei die EU brauche, betonte er.

Das Selbstbewusstsein des Machthabers kam angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Türkei eher überraschend. Lange war das Land von Wachstumseuphorie geprägt, mittlerweile herrscht große Verunsicherung: Beginnend mit den Protesten im Istanbuler Gezi-Park rollte im vergangenen Jahr eine Protestwelle gegen die Regierung unter Erdoğan durch das Land. Ein großer Korruptionsskandal zwang den Ministerpräsidenten dazu, gleich zehn Regierungsmitglieder auszutauschen. Ministersöhne, Unternehmer und Bürgermeister wurden verhaftet.

Dazu kommen wirtschaftliche Probleme. Das Wachstum hat sich zuletzt deutlich verlangsamt, Investoren zogen massiv Geld ab und die Abwertung der türkischen Lira konnte auch die Nationalbank nur kurz stoppen. "Es ist eine politisch wie wirtschaftlich heikle Situation“, sagt Konstantin Bekos, der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Ankara.

Aber ist der Boom am Bosporus, der auch zahlreiche österreichische Unternehmen in das Schwellenland lockte, damit nun wirklich vorbei? Erdoğan hat zweifellos recht, dass die EU die Türkei als großen Markt braucht. Ebenso wie andere Schwellenländer, die derzeit schwächeln, was sogar die - überwunden geglaubte - Weltwirtschaftskrise fortsetzen könnte.

Glanz verblasst

Tatsächlich scheinen fast alle Emerging Markets, darunter neben der Türkei besonders die BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, über den Jahreswechsel von ökonomischen Kraftwerken zu Problemfällen geworden zu sein. Die Gründe dafür liegen tiefer, doch der Auslöser war der ganz sanfte Ausstieg der US-Notenbank Fed aus ihrer lockeren Geldpolitik. Sie hat die monatlichen Ankäufe von Staatsanleihen und Immobilienwertpapieren ("quantitative easing“) von bislang 85 Milliarden auf inzwischen 65 Milliarden Dollar reduziert.

Dies hat bei Investoren die Hoffnung auf steigende Zinsen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa geweckt. Gleichzeitig deuten neuere Konjunkturdaten auf eine zarte Erholung im Euroraum und einen Aufschwung in den Vereinigten Staaten hin. Die Folge: Innerhalb weniger Monate, aber insbesondere im Jänner 2014, wurden immense Summen aus den Schwellenländer abgezogen. In der Folge haben die Währungen vieler Schwellenländer dramatisch an Wert verloren (siehe Grafiken).

Jene Schwellenländer, die mehr importieren als exportieren (beispielsweise die Türkei, Indien, Brasilien oder Indonesien), sind von dieser Kapitalflucht besonders betroffen. Ohne diese Auslandsinvestitionen gerät ihr Wirtschaftsmotor ins Stottern, die Währungen stürzen weiter ab, was sich wiederum dämpfend auf den Konsum auswirkt. Fällige Modernisierungen werden schwerer finanzierbar, strukturelle Probleme offensichtlich.

Das Geld fließt zurück in den vermeintlich sicheren Hafen USA und auch nach Europa - hier vor allem nach Italien, Spanien und Großbritannien. Was auf den ersten Blick als Vorteil für die westliche Welt erscheint, kann sich schnell als Bumerang erweisen: Länder wie die Türkei sind etwa für Deutschland, aber auch für Österreich in den vergangenen Jahren wichtige Absatzmärkte geworden. Fällt hier die Nachfrage aus, dämpft das auch den Aufschwung in Europa. Aus dem EU-Raum wird das Wachstum nicht kommen. Unsere Unternehmen brauchen die Emerging Markets.

Hinzu kommt der Ansteckungseffekt: Selbst Länder wie Polen, deren Fundamentaldaten gut sind, mussten zuletzt Währungsverluste erfahren. Eine große, die Weltwirtschaft mitreißende Währungskrise wie die Asien-Krise der 1990er-Jahre halten die meisten Experten heute aber zum Glück für unwahrscheinlich: Die Währungen sind flexibler und nicht mehr an den Dollar gebunden, zudem halten die Schwellenländer hohe Reserven, die sie in einem solchen Fall einsetzen können. Außerdem verschaffen größtenteils geringe Staatsschulden auch weiteren Spielraum.

Entspannt zurücklehnen kann sich der Westen dennoch nicht. Das wirtschaftliche Gewicht der Schwellenländer hat zugenommen, Turbulenzen strahlen aus. Durch die aktuelle Austrocknung der internationalen Investitionsströme wächst deshalb die allgemeine Angst vor einer neuen Schwellenländer-Krise. In kaum einem anderen Land ist dies eindringlicher zu beobachten als beim EU-Nachbarn Türkei.

Die Stimmung ist gekippt

"Die jüngsten Anschuldigungen haben zu ernstem Misstrauen geführt“, so fasst Kemal Derviş, früherer Chefökonom des UN-Entwicklungsprogramms, die Situation der Türkei zusammen. Zwei Flugstunden von Wien entfernt hat der EU-Beitrittskandidat eigentlich verlässlich für Furore gesorgt. Die Politik galt als stabil, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf hat sich binnen zehn Jahren verdreifacht, das Durchschnittseinkommen hat sich vervierfacht und liegt nun bei 8.150 Euro pro Jahr. Wenn es nach Erdoğan geht, soll die Türkei 2023, zum hundersten Geburtstag der Republik, zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt zählen. Doch kurz vor dem nächsten Wahlzyklus droht die Wirtschaft Erdoğans bisherige Bilanz zu vermasseln.

Der IWF zählte die Türkei im Herbst nicht ohne Grund zu den "verletzlichsten der Schwellenländer“: Die Abhängigkeit von Kapital aus dem Ausland sei enorm hoch, Unternehmen und Privathaushalte hätten sich in den vergangenen Jahren massiv in Fremdwährungen verschuldet und damit den Aufschwung finanziert. Das Leistungsbilanzdefizit ist zwar auf sieben Prozent des BIP zurückgegangen, aber bei einem Wirtschaftswachstum von prognostizierten 3,5 Prozent für 2014 immer noch sehr groß. Zudem sparen die Türken zu wenig, um starkes Wachstum von innen heraus zu finanzieren.

Die Drosselung der Geldpolitik trifft die Türkei deshalb stark. Die Aktienkurse sinken, die Währung verliert an Wert, die Inflation liegt bei über sieben Prozent. Ein Kilo Kartoffeln kostet im Februar das Doppelte von vor wenigen Wochen. Die Nationalbank hob gegen den Widerstand Erdoğans die Zinsen an, um den Kapitalanfluss etwas zu stoppen. Allerdings macht diese Maßnahme Kredite teurer, was die Wirtschaftsentwicklung ebenso behindern könnte wie die Notbremse, die die Regierung im November zog: Sie begrenzte Kreditkartenschulden.

Das Wachstum der Türkei wurde bisher von Konsum und Infrastrukturinvestitionen getragen. Der Korruptionsskandal legt nahe, dass von Letzteren nicht immer die ganze Bevölkerung profitiert hat, sondern oft nur wenige Eingeweihte. Der Chef des türkischen Industrieverbandes warnte deshalb, dass ausländisches Kapital nicht mehr in die Türkei fließen würde, wenn "das Recht nicht respektiert wird“. Erdoğan bestreitet die Korruption, die Urheber des Vorwurfs nennt er Verräter.

Unternehmen denken langfristig

Die negativen Auswirkungen einer längeren Krise in der Türkei - aber auch in anderen Schwellenländern - werden hierzulande unterschätzt. Bisher halten zumindest heimische Unternehmen, die bereits in der Türkei tätig sind, trotz der Turbulenzen an ihren Investitionen fest. Denn nach wie vor sprechen die einzigartige geografische Lage als Brückenkopf zwischen Europa und Asien und die schiere Größe des Marktes für längerfristige Engagements.

"Die Türkei bleibt für uns ein Wachstumsmarkt und ist in unseren Plänen eine strategisch wichtige Position“, sagt OMV-CEO Gerhard Roiss. "Ein kurzfristiger Ausblick ist aber schwierig.“ Auch die Österreichische Post - seit Mitte 2013 am türkischen Paketzusteller Aras Kargo beteiligt - hält an den Wachstumsaussichten fest. Um 13 Prozent soll das Geschäft 2014 zulegen, das Potenzial sei sehr gut. Der Kartonproduzent Mayr-Melnhof wiederum eröffnet in wenigen Wochen seinen vierten Produktionsstandort in der Türkei und glaubt, dass die schwache Währung sogar von Vorteil sein könnte: Mehr Export bedeutet schließlich mehr Verpackungsmaterial.

Der österreichisch-türkische Großgastronom Attila Dogudan ist ebenfalls fest von der Türkei überzeugt. "Europa wird gut daran tun, sie schnell stärker zu integrieren“, sagt er. Die Beitrittsverhandlungen liegen aber auf Eis, und ein dynamischer Markt mit vielleicht irgendwann 100 Millionen Menschen bleibt die Türkei nur, wenn sich die politische Lage beruhigt.

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