Angelina Jolie, Siemens und die Zukunft der Medizintechnik

Angelina Jolie, Siemens und die Zukunft der Medizintechnik
Angelina Jolie, Siemens und die Zukunft der Medizintechnik

Angelina Jolies Ärzte stellten mit moderner Technik fest, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent an Brustkrebs erkranken werde - sie entschied sich für eine Operation.

Die US-Schauspielerin Angelina Jolie ist ein Musterbeispiel für vorausschauende Molekulardiagnosen, mit denen unter anderem die Gefahr einer Krebserkrankung frühzeitig erkannt werden kann. Der deutsche Konzern Siemens verfolgt dies mit großer Aufmerksamkeit - denn die Medizintechnik bringt zwar viel Umsatz, birgt aber auch Gefahren durch innovative Konkurrenten und harten Kostendruck.

Angelina Jolie ist nicht nur eine der bekanntesten Hollywood-Schauspielerinnen. Sie spielt auch eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Krebsdiagnostik. Als sich Jolie im vergangenen Jahr das Gewebe beider Brüste entfernen ließ, ging dem ein zukunftsweisendes Diagnoseverfahren in der Medizintechnik voraus. Sie ließ ihr Genom im Reagenzglas analysieren. Und die Ärzte stellten fest, dass sie im Laufe ihres Lebens mit einer Wahrscheinlichkeit von annähernd 90 Prozent an Brustkrebs erkranken werde. Die Schauspielerin entschied sich zur Operation. Was danach folgte, nennen Mediziner den Jolie-Effekt: Rund um den Globus interessieren sich Frauen seither für Molekulardiagnosen, die eine Krebserkrankung voraussagen können.

Bei Siemens (ISIN: DE0007236101) verfolgt man diesen Wandel wachsam. Besonders in der Krebsmedizin werden bisher vor allem bildgebende Verfahren wie Computertomografien zur Diagnose und Lokalisierung von Geschwulsten eingesetzt. Das Geschäft läuft gut - Siemens verdient an seinen Diagnoseapparaten soviel wie mit keinem anderen Produkt. Weltweit sind Scanner aus den fränkischen Standorten Erlangen und Forchheim gefragt. Und doch entschied sich Siemens-Chef Joe Kaeser vor einigen Monaten, die Sparte im Konzern zu verselbständigen. Mitarbeiter und Gewerkschafter fürchten nun, das Unternehmen werde sich eines Tages von dem traditionsreichen Bereich trennen. Nun rang sich Kaeser erstmals eine vorläufige Bestandsgarantie ab: "Die Medizintechnik ist und bleibt auf absehbare Zeit ein wichtiger Bestandteil von Siemens", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Doch die Sorgen vieler Mitarbeiter bleiben.

Start-ups könnten für Siemens zum Problem werden

Kaeser scheine Angst vor der Zukunft zu haben, vermuten Experten: Angst vor schrulligen US-Professoren, die mit einer Handvoll Dollar Diagnoselabore und kleinere Firmen aufziehen. Vor neuen Unternehmen, die traditionelle Diagnostik mit gewaltigen Datenbanken und Rechenzentren verbinden. Bei Siemens fürchten Manager, in einigen Jahren könnten Röntgenapparate und Kernspintomografen nur noch in der Notaufnahme eine wesentliche Rolle spielen. In allen anderen Klinikbereichen könnte das Reagenzglas und die Erbgutanalyse über die Großanlage triumphieren. "Life Science" - so lautet das neue Modewort in der Branche, das Genanalyse, Molekulardiagnostik und Laborausrüster zusammenführt. Alteingesessenen Apparate-Herstellern lehrt es das Fürchten - vor allem in lukrativen Diagnose-Feldern wie der Krebsmedizin.

Denn für große Medizintechnikhersteller wie Siemens, GE aus den USA und Philips aus den Niederlanden ist in den Industrieländern die Krebsdiagnostik einer der Schwerpunkte des Geschäfts. In Deutschland geht jeder vierte Todesfall auf Tumorerkrankungen zurück, nur übertroffen von Herz-Kreislaufleiden. Doch gerade in der Krebsdiagnostik sind es vor allem die neuen Methoden der Genanalyse, die die Branche vorantreiben. "Womöglich findet ein Start-up den Schlüssel für eine präzise Diagnostik auf molekularer Ebene", sagt ein Siemens-Insider. Dieser könne dann schnell zum neuen Standard für die Branche werden.

Größenvorteil als Trumpf

Wegen der Fortschritte in der Genanalyse ist die Branche gewaltig im Umbruch. Aktuell werden weltweit auf dem Medizintechnikmarkt laut den Forschern von Kalorama Information etwa 360 Milliarden Dollar umgesetzt. Das geschätzte Wachstum liegt bei nur drei Prozent. Unternehmen verfolgen daher aggressive Expansionsstrategien: Sie wollen beispielsweise lukrative Nischen besetzen und über Marktgröße Vorteile gewinnen. Denn im Ringen um Großaufträge der Krankenhäuser und Forschungslabore wird ein breites Angebot immer wichtiger. Einer der Gründe: In einem durch Gesundheitsreformen und sinkende Erstattungsbeträge der Kassen gekennzeichneten Markt favorisieren Einkäufer häufig Konzerne, die vom Kernspin bis zur kleinsten Zentrifuge vieles aus einer Hand anbieten können.

Firmenzukäufe sind da oft ein beliebtes Wachstumsmittel. So übernahm in diesem Jahr der weltgrößte Laborausrüster Thermo Fisher aus Massachusetts für 13,6 Milliarden Dollar den kalifornischen Erbgut-Entzifferer Life Technologies. Der US-Konzern Zimmer kündigte im April an, für 13,4 Milliarden Dollar den Hersteller künstlicher Gelenke, Biomet, zu schlucken. Und es geht noch größer: So will sich der US-Konzern Medtronic für rund 43 Milliarden Dollar den Rivalen Covidien einverleiben. Nicht immer gelingen die Vorstöße: Der Schweizer Pharma- und Diagnostikkonzern Roche biss beispielsweise 2012 beim kalifornischen Spezialisten für Gensequenzierung, Illumina, auf Granit. Den Aktionären reichte das 6,8 Milliarden Dollar schwere Roche-Angebot nicht.

"Es reicht nicht, ins Blut zu schauen."

Eine Variante wäre daher auch für Siemens, auf das Fusionskarussell aufzuspringen. Doch die Münchener verweisen auf die hohen Aufschläge, die mittlerweile in der Life-Science-Branche bei Übernahmen gezahlt werden. Der Darmstädter Merck-Konzern beispielsweise, der den US-Laborausrüster Sigma-Aldrich für rund 17 Milliarden Dollar erwerben will, lockt mit einer Prämie von rund 36 Prozent auf den Aktienkurs. Und solche Aufschläge sind kein Einzelfall bei Zukäufen in der Branche.

Dabei ist Experten zufolge noch gar nicht ausgemacht, dass die Entwicklung in der Diagnostik ihren Lauf so nimmt, wie Siemensianer es vermuten. Molekulare Diagnose ergänze bisher bildgebende Verfahren und Gewebeanalysen, erklärt Dirk Jäger, Leiter der medizinischen Onkologie im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg. "Wir brauchen nach wie vor den morphologischen Befund", sagt der Medizinprofessor im Reuters-Gespräch. "Es reicht nicht, ins Blut zu schauen. Wir müssen auch in den Tumor schauen." Aber auch er macht Veränderungen in seiner Zunft aus. "Wir beginnen, einzelne Tumorbestandteile im Blut nachweisen zu können." In Verbindung mit hochleistungsfähiger Informationstechnik könnte der Medizin tatsächlich eine Revolution ins Haus stehen.

Eine Zellprobe liefert den Code eines Menschen

Noch ist aber laut Jäger der Aufwand immens, um im Erbgut eines Patienten nach dem Ursprung einer Krankheit zu suchen. "Es ist, wie wenn man in 1000 Büchern mit je 1000 Seiten nach 500 Rechtschreibfehlern sucht. Und dann muss man sich fragen: Wie ändern sie die Geschichte?" Genau hier setzen Spezialisten wie Illumina oder die Thermo-Fisher-Tochter Life Technologies an. Mit ihren Geräten, die so groß sind wie ein normaler Büro-Drucker, können sie inzwischen innerhalb eines Tages aus einer Zellprobe den genetischen Code eines Menschen herausfiltern. Vor wenigen Jahren dauerte das noch bis zu acht Wochen. Auch die Kosten für solch eine Gensequenzierung sind in den Keller gefallen: Die 3,2 Milliarden chemischen Basen, die den genetischen Code eines Menschen bestimmen, lassen sich heute für einen vierstelligen Dollarbetrag lesen. Noch 2008 verschlang dies etwa 100.000 Dollar.

"Wir kommen schrittweise zu Therapieentscheidungen, die nicht mehr vom morphologischen Bild abhängen, sondern von den molekularen Besonderheiten in einem Tumor," sagt Jäger. Als Beispiel führt der Experte die Behandlung bestimmter Dickdarmtumore an, die auch das Lymphsystem in Mitleidenschaft ziehen. Bei 15 Prozent der Betroffenen bringe eine Chemotherapie bessere Überlebenschancen. "Bei 85 Prozent nicht, dennoch bekommen alle die Chemotherapie. So blind sind wir heute noch." Der Wandel beginne aber. "Es fängt an, das wird ein Prozess sein - jedes Jahr ein Schritt."

Obamacare schafft Kostendruck

Siemens stehen allerdings ganz unabhängig von den neuen Diagnosetrends auch noch betriebswirtschaftliche Herausforderungen ins Haus. Die Krankenversicherungsreform von US-Präsident Barack Obama führte zu einem deutlich gestiegenen Leistungsdruck im amerikanischen Gesundheitssystem. "Obamacare" sieht für die Ärzte und Kliniken Fallpauschalen vor, die keine therapeutischen Fehlschläge mehr bezahlen. Braucht etwa ein Bandscheibenpatient nach der Operation eine weitere Therapie oder mehr Nachsorge als vorgesehen, schlägt sich das unmittelbar in den Budgets der Krankenhäuser nieder. "Das hat einen abartigen Kostendruck auf die Kunden von Medizintechnik aufgemacht", sagt ein Siemens-Insider.

Kaeser will nach eigener Aussage unbedingt vermeiden, dass es bei der Medizintechnik zu einem ähnlichen Fiasko wie einst in der Telekommunikationssparte kommt. Seinerzeit geriet das Geschäft mit Telefonnetzen innerhalb weniger Jahre vom Weltmarktführer zur Industrieruine. "Er will nicht erst reagieren, wenn die Hütte schon lichterloh brennt", sagt ein Siemens-Insider. Kaeser wolle früh die Voraussetzungen schaffen, das Geschäft im Ernstfall abtrennen zu können, damit es externe Geldgeber außerhalb des Konzerns weiterführen. Wie zwangsläufig diese Entwicklung wird, ist unter Kennern allerdings umstritten. Auf der Arbeitnehmerseite herrscht Unsicherheit. Die IG Metall zeigt sich alarmiert und verlangt Sicherungszusagen. Für manch einen Arbeitnehmervertreter ist es nach den Erfahrungen mit früheren Trennungen von Bereichen nur eine Frage der Zeit, bis Siemens die Medizintechnik absprengt: "Die Lunte brennt."

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