Streik bei Amazon: Das Christkind kommt heuer aus Polen

Deutsche Amazon-Mitarbeiter streiken erneut - diesmal für drei Tage an fünf Standorten. Der Konzern zeigt sich von den Aktionen der Gewerkschaft allerdings unbeeindruckt: Denn dank der zuverlässigen Osteuropäer können die Pakete rechtzeitig zu Weihnachten geliefert werden.

Streik bei Amazon: Das Christkind kommt heuer aus Polen

"Die Polen arbeiten, die Deutschen streiken," heißt es süffisant in polnischen Tageszeitungen. Die Rede ist von den Logistikzentren des US-amerikanischen Online-Händlers Amazon: In den drei polnischen Standorten haben die 4.500 ständigen und 7.500 für die Weihnachtssaison eingestellten Mitarbeiter reichlich zu tun - auch mit dem Versand der Weihnachtsbestellungen aus dem Nachbarland.

Beruhigung: Weihnachten findet statt

Entsprechend unbeeindruckt kann sich der Konzern nun von den Streiks an den Standorten in Deutschland zeigen: Man könne zuverlässig liefern, heißt es am Montag von einer Amazon-Sprecherin. Nicht nur wegen der verlässlichen Polen - sondern auch, weil nur eine kleine Minderheit der Beschäftigen in Deutschland streike, rund 19.000 Beschäftigte arbeiten in der Bundesrepublik regulär.

Gestreikt wird nach dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi für drei Tage an den fünf Amazon-Versandzentren Bad Hersfeld (Hessen), Leipzig (Sachsen), Graben (Bayern), Rheinberg und Werne (beide NRW). Die Gewerkschaft fordert für die Mitarbeiter in den deutschen Amazon-Versandzentren tarifliche Regelungen, wie sie im Einzel- und Versandhandel üblich sind. Der US-Konzern dagegen nimmt die Vereinbarungen der Logistikbranche als Maßstab, in der weniger bezahlt wird. Die Gewerkschaft ruft immer wieder zu Streiks auf, der Tarifkonflikt dauert bereits seit Ostern 2013. Nun verstärkt der Konzern seine Präsenz in Osteuropa - was für das Unternehmen gleich mehrere Vorteile hat.

Polen liefert an ganz Europa

"Aus Polen werden Kunden in ganz Europa beliefert", kündigte Tim Collins, Logistikchef von Amazon Europe, bei der Eröffnung an. Die zentrale Lage Polens in Europa sei entscheidend bei der Standortauswahl gewesen. Dank des europaweiten Netzwerks mit insgesamt 28 Logistikzentren, darunter auch in Polen und der Tschechischen Republik, werde trotz Arbeitsniederlegungen in Deutschland pünktlich geliefert, betont der Online-Versandhändler regelmäßig.

Auch die im Vergleich zum Westen deutlich niedrigeren polnischen Löhne dürften eine Rolle für die Standortentscheidung gespielt haben. Durchschnittlich 13 Zloty (3,12 Euro) verdienen die Lagermitarbeiter pro Stunde. In Deutschland sind es etwa zehn Euro.

Für polnische Verhältnisse ist der Stundenlohn für niedrig qualifizierte oder ungelernte Arbeitskräfte allerdings überdurchschnittlich. Auch mit kostenlosem Transport zur Arbeit bietet das Unternehmen ungewöhnliche Extraleistungen. Uneingeschränkte Zufriedenheit herrscht aber auch in den polnischen Amazon-Zentren nicht. In Medienberichten ist von Klagen unter anderem über lange Wege in den Lagerhallen die Rede. "Das ist nicht durchzuhalten", beschwerte sich ein Amazon-Mitarbeiter in einer E-Mail an das Nachrichtenportal "Wirtualna Polksa".

"Meilenstein für Polens Wirtschaftswachstum"

Jedes der Zentren hat eine Fläche von rund 95.000 Quadratmetern - das entspricht 13 Fußballfeldern. Nach den Amazon-Plänen sollen täglich zwischen 500.000 bis 600.000 Pakete aus den polnischen Zentren verschickt werden.

Wirtschaftsminister Janusz Piechocinski nannte die Investition des Online-Versandhändlers - pro Standort rund 100 Mio. Euro - einen "Meilenstein für das Wirtschaftswachstum Polens."

Schlechte Jobs, ängstliche Händler

Für das Weihnachtsgeschäft wurden zusätzliche Saisonkräfte eingestellt. Einige von ihnen können, je nach Auslastung, auch mit einer längeren Beschäftigung rechnen. In den polnischen Zentren gilt für die Arbeiter eine Vier-Tage-Woche, allerdings mit einer Arbeitszeit von zehn Stunden.

Der Warschauer Wirtschaftswissenschaftler Grzegorz Gorzelak beurteilt den Nutzen Amazons für den polnischen Arbeitsmarkt allerdings gering: "Das sind Arbeitsplätze von geringer Qualität, die wenig Vorteile für die Region schaffen", meint der Experte für Regionalentwicklung. Er zieht Vergleiche zu den großen Supermarktketten: "Es werden Billigjobs geschaffen, aber aufgrund der Preise gehen kleine Läden kaputt."

In Polen selbst ist Amazon als Internethändler nicht aktiv - zur Erleichterung sowohl der traditionellen als auch der Online-Händler.

Rafal Brzoska von Versanddienstleister InPost warnte vor einigen Monaten auf einer Konferenz vor den Folgen für den Handel, sollte Amazon auch in Polen Waren versenden: "Die polnischen Onlinehändler drohen Bankrott zu gehen, mit Margen wie bei Amazon können sie nicht konkurrieren."

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