Industrieller Zimmermann: „Rigorose Sperren sind zu hinterfragen“

Berndorf-Eigentümer Norbert Zimmermann plädiert im Interview mit dem trend für die Öffnung aller Geschäfte und vor allem der Schulen. Die Zukunft Österreichs sieht er nicht allzu rosig.

Norbert Zimmermann, Hauptaktionär der Berndorf AG und Aufsichtsratsvorsitzender der SBO.

Norbert Zimmermann, Hauptaktionär der Berndorf AG und Aufsichtsratsvorsitzender der SBO.

trend: Herr Zimmermann, wie hat sich der Corona-Stillstand auf Ihre Unternehmen Berndorf bzw. SBO bislang ausgewirkt?
Norbert Zimmermann: Wir haben in den meisten B2B-Unternehmen noch ordentliche Auftragspolster mit in die Krise genommen und arbeiten weiter. Bemerkenswert ist, dass unsere Mitarbeiter enorm diszipliniert mit der Bedrohung durch Covid19 umgehen. Führung und Betriebsräte agieren geschlossen und informieren kompetent. Wir sind richtig stolz auf diese gelebte Sozialpartnerschaft auf allen Ebenen. Bei Berndorf Besteck gab es leider die Schließung aller Fachgeschäfte und die wichtige Kundengruppe Restaurants und Hotels ist ebenfalls weggebrochen. Hätten wir nicht ausreichende Reserven angespart, wäre unser ältester Geschäftsbereich, der in der Öffentlichkeit für den Namen Berndorf steht, gefährdet.

Wie beurteilen Sie die Maßnahmen, die die Regierung für Unternehmen – Kurzarbeit, Förderungen - bislang beschlossen hat? Wird das Geld gerecht verteilt?
Mit der heutigen Erfahrung, dass es in den weitergeführten Betrieben auf Grund des verantwortungsbewussten Umgangs mit der Gesundheit der Menschen zu ganz wenigen Infektionen gekommen ist, die harmlos verlaufen sind und sich auch nicht verbreitet haben, sind die rigorosen Sperren zu hinterfragen. Irritierend war die Einschätzung des Geldbedarfs durch die Regierung bei der Ankündigung des Ausnahmezustands.
Zuerst vier Milliarden, wenige Tage später sechs Milliarden und jetzt 38 Milliarden. Und niemand hat noch den Einnahmenentfall aus Steuern und Sozialversicherungsabgaben in den kommenden Monaten und vielleicht auch Jahren bekanntgegeben. Da die Unternehmen nicht die Verursacher des Stillstands waren, sind Kurzarbeitsprogramme und Liquiditätsüberbrückungen nur recht und billig und keine Almosen der Regierung an die Unternehmer. Dies ist allein den politischen Entscheidungen geschuldet. Die endgültige Verfügung über das Geld via einer Covid-Agentur GmbH sollte genau beobachtet werden.
Mir hätte es besser gefallen, wenn die Betriebsprüfer des BMF über die letztendliche Zuteilung und Verwendung der Gelder entscheiden könnten. Ich hoffe nur, dass die beauftragten Förderorganisationen die Flut an Anträgen bewältigen. Wenn nicht, droht eine Pleitewelle, wie wir sie in der 2. Republik noch nicht gesehen haben. Und diese darf man dann nicht den Unternehmen vorwerfen!



Es wird auch nach dieser Krise zu Umverteilungen kommen. Die Klugen und Schnellen werden gewinnen

Sie sind ja auch an Start-ups beteiligt. Wie geht es denen?
Start-ups sind von ihrer Genetik her risikoerprobt und anpassungsfähig an neue Arbeitswelten. Jene, die es auch ohne Corona nicht geschafft hätten, werden schneller aufgeben müssen, die anderen kommen durch.

Bundeskanzler Sebastian Kurz meint, Österreich könne rascher als viele andere EU-Staaten aus der Krise kommen. Glauben Sie das auch?
Österreich wird allseits für die entschlossene Vorgangsweise gelobt und galt seit drei Wochen als Rollenmodell für viele andere Länder. Damit hat sich die Regierung eine große zusätzliche Verantwortung aufgeladen. Wir sollten bei der nun etwas erfreulicheren Entwicklung von Infektions-, Spitalsaufenthalts-, Intensivbettenbelegungs- und Todesfallzahlen sehr genau hinsehen, wie verlässlich diese Informationen sind. Jedenfalls gebührt den Verantwortlichen in den Spitälern, den Pflegeheimen, den Ärzten und Schwestern, den Rettungsdiensten und den Ärzten in den Ordinationen ganz besonderer Respekt. Wir haben inzwischen von anderen Ländern gelernt, dass insbesondere die Hygiene im medizinischen Bereich wesentlich über die Gefährlichkeit und Verbreitung von Corona mitentscheidet.



Macht die Schulen wieder auf!

Wenn Österreichs Nachbarländer noch länger laborieren, kann Österreich dann überhaupt aus der Krise kommen?
Wir sind sehr stark mit den Nachbarstaaten aber auch mit weiter entfernten Ländern wirtschaftlich verbunden. Gott sei Dank sind Österreichs Industriebetriebe und Dienstleister auch erfolgreiche Exporteure. Das hat bisher unseren erfreulichen Wohlstand im Land gesichert. Die Binnennachfrage allein wird uns nicht aus der Krise ziehen können, insbesondere, weil die Kaufkraft der Österreicher auf Grund der Opfer, die für die entgangene Wirtschaftsleistung zu bringen sind, schwächer wird.

Welche Öffnungsschritte sind Ihrer Meinung nach für die Wirtschaft prioritär?
Die Geschäfte müssen alle wieder aufgesperrt werden dürfen. Die Reisebeschränkungen für unsere Anlagen- und Servicemonteure sind aufzuheben. Auch Hotels und Restaurants sollten wieder öffnen, denn wo sollen die Monteure sonst wohnen und essen? Und ganz wichtig macht die Schulen wieder auf! Schlüsselmitarbeiter in allen Bereichen wochenlang als Pädagogen einzusetzen, tut den Familien und der Wirtschaft nicht gut. Jetzt wissen wir, dass Kinder die geringste Risikogruppe sind, wieso sollen sie weggesperrt werden?



Eine ganze Generation wird für die Zurückzahlung der Schulden arbeiten müssen.

Machen Sie sich wegen der massiven Schulden in Österreich Sorgen?
Wir erinnern uns an die Finanzkrise, da hat unsere Volkswirtschaft ca. 15 Milliarden Euro für Bankpleiten geschultert. Wir haben zehn Jahre gebraucht, die Finanzen wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Jetzt werden es drei Mal so viel Schulden sein und viele Unternehmen kommen schwer angeschlagen aus der Krise zurück. Also wird eine ganze Generation für die Zurückzahlung der Schulden arbeiten müssen. "Unsere Gegenwart isst die Zukunft auf", hat ein deutscher Ökonom gesagt. Da reden wir nicht mehr über Wirtschaft oder Gesundheit, sondern über Gesundheit jetzt oder Qualität der Gesundheitssysteme der Zukunft.

Wie sehen Sie die Zukunft der EU, insbesondere die mangelnde Solidarität?
Als überzeugter Europäer leide ich sehr, zu erleben, wie wenig es braucht, um die Vision eines starken, gemeinsamen Europa zu gefährden.

Aus der Bevölkerung gibt es Kritik an der Wirtschaft, die die Gesundheit aus Profitgründen hinten anstellt und zu rasch wieder durchstarten will. – Eine berechtigte Kritik?
Ich verweise dazu nochmals auf den Zusammenhang von Wirtschaftskraft, gesunden Finanzen und einem zukunftssicheren Gesundheitssystem. Wenn das vernachlässigt wird, werden wir bei einer nächsten vielleicht, noch schlimmeren Epidemie soviel leiden, wie die Menschen in manchen unserer Nachbarstaaten.

Sie zählen mit über 70 Jahren zur Risikogruppe. Wie beurteilen Sie die Schutzmaßnahmen in Österreich? Fühlen Sie sich ausgegrenzt?
Die Zahlen zeigen, dass die Sterbefälle klar der "Risikogruppe im Pensionsalter und mit schweren Vorerkrankungen" zuzuordnen sind. Ich habe als Mitglied der Risikogruppe "alt" vollstes Verständnis, wenn für uns "soziale Distanz" und besondere Sicherheitsmaßnahmen angeordnet werden. Aber nur wenn gleichzeitig die Schulen wieder aufgemacht werden. Zudem würde ich für mich doch in Anspruch nehmen, mit einem ärztlichen Fitnessattest auch noch beruflichen Verpflichtungen nachgehen zu dürfen. Manche Schutzmaßnahmen nicht nur in Österreich, werden wir mit Distanz zur Bedrohung wahrscheinlich mit Humor beurteilen. Man beobachte mal am Parkplatz des Supermarktes, wie wir mit den Schutzmasken hantieren.



Wie kann man Recht haben, wenn die ganze Welt noch immer auf der Suche nach Erklärungen des Virus ist?

Machen Sie sich Sorgen um die Demokratie in Österreich? Gehen wir in Richtung Überwachungsstaat?
Gestern in der ZIB2 habe ich das erste Mal mit Sorge aufgehorcht, wie unser Bundeskanzler Argumente und Vergleiche kategorisch als "dumm" aburteilt. Und gleich dazu sagte er, dass er mit seinen Maßnahmen Recht bekommen habe. Wie kann man Recht haben, wenn die ganze Welt noch immer auf der Suche nach Erklärungen des Virus ist? Das ist neu bei unserem sonst so empathisch formulierenden Regierungschef. Mehr zu sagen, wäre Spekulation.

Könnte Corona dazu führen, dass die Schere zwischen Arm und Reich größer wird bzw. soziale Unruhen entstehen?
Es wird auch nach dieser Krise zu Umverteilungen kommen. Die Klugen und Schnellen werden gewinnen, egal ob arm oder reich. Sicher ist aber jedenfalls, dass die Verstaatlichung von Unternehmen nur Verlierer hervorbringt. Das lehrt uns die Geschichte.


Zur Person

Norbert Zimmermann ist Haupteigentümer der Berndorf AG, die er 1988 in einem Management-Buy-Out erwarb. Der erfahrene Industriekapitän ist auch Ehrenmitglied der Industriellenvereinigung.


Andreas Lampl, Chefredakteur trend

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