Hotel Magdas: Social Business als Musterbeispiel

Ein außergewöhnliches Hotel mit Mitarbeitern aus 16 Nationen, die 24 Sprachen sprechen. Das Hotel Magdas in der Laufbergergasse im Zweiten Wiener Gemeindebezirk ist ein Social Business-Projekt: Flüchtlinge mit geringen Jobchancen finden im Hotel eine Anstellung.

Ein ehemaliges Seniorenheim wurde innerhalb von neun Monaten zum Hotel umfunktioniert. Die Kosten von 1,5 Millionen Euro stemmt die Caritas. Das Magdas muss sich als Social Business allerdings selbst finanzieren.

Statt Gewinnmaximierung werden soziale und ökologische Ziele verfolgt: Social Business-Unternehmen wie das von der Caritas betriebene Hotel Magdas versuchen, die Welt mit marktwirtschaftlichen Methoden zu verbessern. Flüchtlinge aus 16 Nationen arbeiten dort unter einem Dach. In Österreich steckt der Sektor noch in den Kinderschuhen; oft fehlt es an finanziellen Mitteln, vor allem aber am rechtlichen Rahmen.

Sameer hat eine anstrengende Reise hinter sich. Von Afghanistan über Iran, durch Griechenland und Serbien kam er nach Österreich. Jetzt steht er in der Lobby des Hotel Magdas in der Laufbergergasse nahe dem Prater im zweiten Bezirk. Ein Button an seinem T-Shirt verrät seinen Namen. Der junge Mann mit den schwarzen Haaren und der schmächtigen Statur kam nicht freiwillig nach Österreich, er musste flüchten vor dem Gewaltregime der Taliban. Er ist auch nicht zu Gast im Magdas, sondern ein Gastgeber.

Sameer ist einer von insgesamt 27 Mitarbeitern im Hotel Magdas - eines Social Business-Betriebes der Caritas Services GmbH. Hier soll jenen Menschen ein Job verschafft werden, die fast gänzlich vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind: Flüchtlingen. Männer und Frauen aus Guinea, Marokko und Indien, insgesamt aus 16 Nationen, arbeiten als Zimmermädchen, Rezeptionistin, Koch oder Haustechniker unter einem Dach. Sie sind anerkannte Flüchtlinge und leben legal in Österreich. Doch bis sie Zutritt zum Arbeitsmarkt haben, vergehen teilweise Jahre. Noch dazu erhalten sie keine Leistungen vom AMS und haben eine sehr geringe Zuverdienstgrenze. "Wir wollen auf die Problematik aufmerksam machen, dass es Menschen mit geringeren Jobchancen gibt", sagt Sebastian De Vos, der das Hotel seit 14. Februar leitet. Ab Herbst sollen zusätzlich vier bis sechs Lehrlinge an der Rezeption oder in der Küche ausgebildet werden.

Wer das Hotel betritt, das früher ein Pensionistenheim war, blickt auf dekorativ aufgestapelte Koffer. Zwei Sessel mit ausgeblichenem Blumenmuster und ein Nierentisch verströmen das Flair der 1950er-Jahre. Vintage sind auch die Lampen an der Decke. Doch der Blick wandert schnell zu einer Galerie mit gerahmten Porträtfotos aller Hotelbediensteten."Unsere Mitarbeiter sollen nicht nur eine Zahl sein, sondern auch ein Gesicht bekommen", sagt de Vos. Der junge Hoteldirektor hat selbst Migrationshintergrund. Geboren wurde er in den Niederlanden, mit zehn Jahren kam er nach Österreich und wuchs in Osttirol auf. Bevor ihn die Caritas ins Boot holte, arbeitete er in einem Drei-Sterne-Hotel in Kärnten. In der Hotellerie, sagt er, sei das Konzept von Social Business noch relativ unbekannt. Die österreichische Hoteliervereinigung würde das Projekt aber zu 100 Prozent unterstützen.

Flüchtling Sameer und Hoteldirektor Sebastian de Vos.

In vielerlei Hinsicht kein konventionelles Hotel

Das Magdas unterscheidet sich von konventionellen Hotels vor allem in seiner Zielsetzung: Als Social Business hilft es, soziale und ökologische Probleme zu überwinden. Aus ökonomischer Sicht muss sich das Hotel daher selbst finanzieren, denn Förderungen aus öffentlicher oder privater Hand gibt es nicht. Gewinne werden in das Hotel investiert. Der Umbau des Seniorenheims zum Gästehaus mit Drei-Sterne-Superior-Anspruch dauerte neun Monate und kostete 1,5 Millionen Euro. Das Geld sponserte die Caritas, nach vier bis fünf Jahren soll das Hotel refinanziert sein. "Das Hotel ist auf fünf Jahre ausgelegt. Wir hoffen natürlich, dass es das Magdas länger gibt, aber unterm Strich zählt der wirtschaftliche Erfolg", so de Vos. Geld für Matratzen, Decken, Geschirr und Vasen wurde über zwei Crowdfunding-Projekte eingesammelt, mehr als 57.000 Euro kamen so zusammen.

Aber auch im Kleinen ist die Arbeit im Magdas herausfordernd: "Zeit ist Mangelware", so de Vos. Statt wie den üblichen zwei Tagen Einschulungsphase brauchen de Vos und sein Team aus fünf Gastro-Profis und einem Job-Coach viel mehr Zeit, um die Flüchtlinge anzulernen. Denn Voraussetzung war neben guten Deutschkenntnissen nur der Status als legaler Flüchtling. Viele hatten kaum oder gar kein Know-how aus der Hotellerie.

Auch Sameer hat keine Ausbildung, deshalb absolvierte er vorher ein Praktikum in einem Hotel in Wien. Der Afghane arbeitet gerade in der Küche, er ist für das Frühstücksbuffet zuständig. In seiner Heimat hat er gerne für seine Familie gekocht, daher hofft er, dass er auch im Magdas bald afghanisches Essen anrichten kann. Bei einem Treffen ein paar Wochen vor der Eröffnung wirkte er noch unsicher und verängstigt, im Hotelbetrieb fühlt er sich sichtlich wohler: "Alles ist besser hier. Es sind gute Leute, egal welche Religion man hat oder aus welchem Land man kommt."

Der Frühstücksbereich ist schlicht eingerichtet. Alte Türen wurden zu Wandspiegeln umfunktioniert.

An der Fassade des Hotels hängt ein Transparent: "Hier werden Vorurteile abgebaut". Kein schnell gesagter Spruch, sondern das Motto im Magdas. Denn im Hotel wird versucht, jegliche Grenzen zu überwinden. So ist bereits der Zugang zum Hotel barrierefrei. Die Gäste sollen es sich auf den Sofas in der Begegnungszone im Erdgeschoss auch nicht nur zum Kaffee trinken gemütlich machen, sondern auch mit den Mitarbeitern in Kontakt kommen. Direktor de Vos ist der interkulturelle Dialog wichtig, bald sollen Social Dinner stattfinden, bei denen Gäste und Flüchtlinge an einem Tisch gemeinsam essen. In der täglichen Routine stellen die vielen verschiedenen Mentalitäten und Kulturen aber auch gewisse Hürden dar. "Nicht alle sprechen auf gleichem Niveau Deutsch, da kann manches schon anders ankommen, als es gemeint war", so de Vos.

Im Aufzug geht es hinauf in den vierten Stock zu einer Rooftop Suite. Am Balkon reicht das Panorama vom Kahlenberg über das Riesenrad bis zum höchsten Gebäude Österreichs, dem DC Tower. Viel Geld würde so eine Aussicht in anderen Wiener Hotels kosten, im Magdas hingegen ist die Suite für rund 110 Euro relativ günstig. 78 Zimmer in fünf Kategorien stehen den Gästen zur Verfügung, mehr als die Hälfte aller Zimmer sind mit Balkon ausgestattet. Beim Interieur versuchte man, die Umwelt zu schonen und Kosten zu sparen. Das meiste wurde im Upcycling-Prozess designt: Aus Pressspan-Schränken wurden Tische, eine Bank zu zwei Nachttischen zersägt, Ablagen aus ÖBB-Zügen dienen nun als Regale.

Alt und neu gemixt: Eine Suite im Hotel Magdas.

Social Business in Österreich hat es schwer

Es klingt fast zu romantisch: Ein Betrieb, der soziale, ökologische und betriebswirtschaftliche Ziele vereint. Könnte so nicht die wirtschaftliche Zukunft aussehen? Laut EU-Kommission sind in der Europäischen Union bereits elf Millionen Menschen in der "social economy" beschäftigt; sie erwirtschaften zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung in der EU. In einem Bericht der Kommission heißt es, dass Sozialunternehmen wichtige "Triebfedern für integratives Wachstum" sind und sie helfen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme zu bewältigen. Das Konzept des Social Business geht auf den Wirtschaftswissenschaftler Mohammad Yunus zurück, der 2006 für seine Idee der Mikrokredite mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

In Österreich gab es die ersten sozialen Betriebe bereits in den 1980er-Jahren. Trotzdem haben es Social Business-Betriebe hierzulande nicht leicht: "In der Wirtschaft wurden sie lange Zeit nicht ernst genommen. Außerdem hat es keine Begünstigungen gegeben, etwa beim öffentlichen Vergaberecht", sagt Michael Meyer, Professor am Institut für Non-Profit-Management der Wirtschaftsuniversität Wien. Welchen Anteil soziale Unternehmen am österreichischen BIP haben, lässt sich kaum feststellen. Deshalb versucht Meyer herauszufinden, wie groß das wirtschaftliche Potential von Social Business in Österreich ist. Derzeit läuft am Institut ein Forschungsprojekt namens „Social Entrepreneurship. Auf der Suche nach der Relevanz eines Phänomens“. Beide Begriffe bedeuten im Prinzip dasselbe, Social Enterpreneurship sei laut Meyer nichts anderes als ein "soziales Business-Startup".

Gründen mit sozialem Engagement

Die verschiedenen Definitionen würden die statistische Erfassung aber erschweren, so Meyer. In ganz Österreich gebe es ein paar Hundert Unternehmen dieser Art. Rund 40.000 Menschen arbeiten in diesem Bereich, der damit immer noch eine Nische ist. Schwerpunkte werden auf Bildung und Forschung, Umweltschutz, Entwicklungshilfe und Arbeits(re)integration gelegt, etwa die Beschäftigung mit Langzeitarbeitslosen. Daneben gibt es eine sehr starke Gründerszene - wie etwa das Impact Hub Vienna, wo rund 120 Social Enterpreneurs organisiert sind: Dort reicht die Palette von ökologischen Modedesignern über nachhaltige Tech-Startups bis hin zu Sozialarbeitern.

In der "Juca"-Werkstätte der Caritas stellen wohnungslose Jugendliche Filzhausschuhe her.

Ökologisches Design gibt es es zum Beispiel auch bei Gabarage in der Schleifmühlgasse im vierten Bezirk. Aus Industrieabfällen entstehen dort durch Upcycling originelle Designprodukte - meist sogar Unikate. Alte Filmrollen werden zu Hockern aufgeschichtet, aus Kegeln werden Vasen und die farbigen Gläser von Ampeln erstrahlen als Leuchten von Neuem. Material, das eigentlich für den Müll bestimmt war, darf bei Garbarage zurück in den Kreislauf.


"Menschen, die jahrelang arbeitslos waren und erst wieder an die Arbeit gewöhnt werden müssen"

Eine zweite Chance bekommen in gewisser Hinsicht auch die, die diese Designstücke herstellen: Menschen mit Suchtvergangenheit. In den Werkstätten arbeiten sie als Tischler, an den Nähmaschinen oder mit Metall. Es wird vor allem versucht, ihre sozialen Kompetenzen zu trainieren und ihre handwerklichen Fähigkeiten zu unterstützen: "Das sind Menschen, die jahrelang arbeitslos waren und erst wieder an die Arbeit gewöhnt werden müssen", sagt Gerry Sanders, der Produktionsleiter einer Werkstätte. Voraussetzung ist, dass die Suchtkranken eine Therapie abgeschlossen haben und nicht mehr substituiert sind. Sanders braucht Geduld: "Die Produktion dauert viel länger als bei anderen Betrieben, weil sie keine gelernten Tischler oder Näherinnen sind." Zwischendurch tüftelt der Brite selbst mit den Materialien. Auf seinem Arbeitstisch liegen zersägte Langlaufskier. Er versucht, daraus ein Gestell für eine Stehlampe zu bauen.

2002 entstand Gabarage aus einem EU-Projekt heraus, seit 2005 ist der Betrieb als Social-Business-Design-Verein organisiert. Im Schnitt sind zehn Tagesarbeitskräfte in den beiden Werkstätten im Freihausviertel beschäftigt. Ein Jahr bietet der Verein einen Job, danach sollen die Menschen wieder auf dem regulären Arbeitsmarkt unterkommen. Finanziert wird Garbarage vom Arbeitsamt und der Sucht- und Drogenkoordination der Stadt Wien. Zwei Drittel der Gelder werden dadurch aufgebracht, ein Drittel stammt aus Verkäufen des Shops, der direkt an die Werkstätten angeschlossen ist. Überschüsse werden - wie auch bei Magdas - in den Betrieb reinvestiert. Falls jemand einen Job bekommt, fragt Gabarage nach drei Monaten nach, ob derjenige noch dort arbeitet. "Unsere Erfolgsquote liegt bei 60 bis 65 Prozent", sagt Victoria Kadernoschka von Gabarage.

Garbarage-Design: Einst Ampel-Lichter an einer Kreuzung, nun extravagante Lampen für das Wohnzimmer.

Hauptprobleme: Finanzierung und rechtlicher Rahmen

Ökologisch und sozial wirtschaften sind für Unternehmen anspruchsvolle Ziele. Das Hotel Magdas wäre ohne die Caritas als Geldgeber im Rücken vermutlich schwierig zu finanzieren, Garbarage ist auf die finanziellen Mittel des AMS und der Stadt angewiesen. Generell sei das Hauptproblem daher eine vernünftige Finanzierung. "Für private Investoren sind soziale Ziele nicht so reizvoll, wie etwa in den Bereich Biotechnologie zu investieren", so Michael Meyer von der WU Wien. Aus dem Working Paper seines Forschungsprojekt geht hervor, dass das durchschnittliche jährliche Budget für Social Enterpreneurs bei lediglich rund 30.000 Euro liegt, nur ein Viertel der Organisationen haben mehr als 125.000 Euro zur Verfügung. Mehr als die Hälfte des Budgets stammen aus privaten Mitteln, nur 14 Prozent aus öffentlichen Quellen. Förderungen gibt es etwa von der Wirtschaftsagentur Wien, heuer stehen allein für Social Enterpreneurship 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. Die Erste Stiftung unterstützt seit 2008 soziale Unternehmen, zum Beispiel mit Mikrokrediten.

"Es braucht hybride Kombinationen der Finanzierung, also Geld von privaten Investoren, finanzielle Mittel aus Stiftungen und staatliche Förderungen", sagt etwa Judith Pühringer, Geschäftsführerin beim Bundesdachverband für Soziale Unternehmen in Österreich (bdv). Zu traditionell würde die Finanzierung in Österreich noch sein, so Pühringer. Es gelte immer noch der Gedanke, dass sozialpolitisch geförderte Unternehmen eine Konkurrenz für private Unternehmen seien. "Europaweit gibt es in ganz vielen Ländern gesetzliche Rahmenbedingungen für Social Business, nur eben nicht in Österreich. Es gibt lediglich eine Richtlinie des AMS zur Förderung Sozialökonomischer Betriebe," sagt sie.

Dennoch sieht Michael Meyer von der WU Wien die Zukunft für Social Business optimistisch: "Die Grenzen werden verschwimmen. Gewinnorientierte Unternehmen werden sozialer, Non-Profit-Organisationen orientieren sich mehr am Geschäft." Der Wirtschaftswissenschaftler könnte Recht behalten. Dass in Wien ein Hotel steht, das von Flüchtlingen betrieben wird, hat sich bis zu den Niederlanden herumgesprochen. Cordaid, eine niederländische Entwicklungsorganisation der katholischen Kirche, will das Social Business-Konzept der Caritas in Wien eins zu eins übernehmen. "Da ist zwar noch nichts fix, aber sie haben sehr großes Interesse", verrät Magdas-Direktor de Vos.

OeNB: Immo-Preisauftrieb in Wien geringer, außerhalb beschleunigt

Wirtschaft

OeNB: Immo-Preisauftrieb in Wien geringer, außerhalb beschleunigt

EU nimmt wegen Kartellermittlungen "Nachprüfung" bei Daimler vor

Wirtschaft

EU nimmt wegen Kartellermittlungen "Nachprüfung" bei Daimler vor

Domino's American Style Pizza nimmt Anlauf nach Österreich.

Wirtschaft

US-Kette Domino's Pizza mit großen Plänen für Wien