Helikopter-Geld: Kriegt bald jeder Cash von der EZB?

Helikopter-Geld: Kriegt bald jeder Cash von der EZB?

Geld wie vom Helikopter abgeworfen: Bekommt bald jeder Geld von der Notenbank zum Ausgaben?

Schwierige Zeiten erfordern manchmal unorthodoxe Maßnahmen. Oder lieber doch nicht? Ökonomen spielen bereits extreme Szenarien durch, um die EU vor einem wirtschaftlichen Absturz zu schützen. Für die Konsumenten könnte das einen unerwarteten Geldsegen bedeuten. So könnte der ungewöhnliche Vorgang ablaufen und welches Risiko damit verbunden ist.

Die wachsender Sorgen um die globale Konjunktur könnte bald seltsame Blüten treiben. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach Jahren der Zinssenkung und der Anleihenkäufe einen beträchtlichen Teil ihres Pulvers verschossen und ist damit für die nächste Krise nicht sonderlich gerüstet. Einige Experten raten den Währungshütern in Frankfurt deshalb neben Ultratiefzinsen und billionenschweren Anleihenkäufen auch ganz neue Instrumente zu prüfen.

Geld für jeden?
"Selbst wenn die Werkzeuge noch unkonventioneller ausschauen, sollte die EZB sie zumindest untersuchen für den Fall, dass sie diese später einmal nutzen muss", rät Gregory Claeys vom Brüsseler Forschungshaus Bruegel. Eine Idee dabei sind direkte Geldspritzen an alle Bürger, "Helikoptergeld" genannt. In Deutschland wird der Vorschlag allerdings sehr kritisch gesehen. So wird unter anderem bezweifelt, ob die Notenbank überhaupt zu einem solchen Instrument greifen darf.

Jeder bekommt eine bestimmte Summe
"Die EZB könnte zum Beispiel veranlassen, jedem Bankkonto in der Eurozone eine bestimmte Summe gutzuschreiben", sagt Bruegel-Experte Claeys. Es bestünden zwar Umsetzungshürden, diese ließen sich aber lösen. Die Eurowächter sollten auch solche ungewöhnlichen Strategien in der Hinterhand haben, falls es nicht gelinge, das Inflationsziel von knapp zwei Prozent zu erreichen. Die Summen wären gewaltig: Erhielte jeder der rund 340 Millionen Einwohner im Währungsraum 1.000 Euro, wären das immerhin 340 Milliarden Euro an zusätzlicher Kaufkraft - zumindest theoretisch.

Starökonom als Vorbild
Das Bild des Geldregens aus dem Helikopter stammt vom berühmten US-Wissenschaftler Milton Friedman. Er entwickelte die Idee bereits 1969. Der Grundgedanke dahinter ist, dass die Bürger das Geld sofort ausgeben und so Konjunktur sowie Inflation anschieben. "Das wäre eine ganz neue Kategorie, da damit Geld nun einfach verschenkt wird", erklärt Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert. Bisher habe die EZB bei ihren Geldspritzen für die Banken Mittel stets nur verliehen. Ein Geldregen ohne Gegenleistung könne aber gefährliche Begehrlichkeiten wecken, warnt Schubert. "Wie will man es verhindern, dass dies bei der nächsten Problemlage nicht wieder gemacht wird?" Der Experte bezweifelt zudem grundsätzlich, dass ein solches Werkzeug mit den EU-Verträgen vereinbar ist. Ähnlich skeptisch hatte sich EZB-Chef Mario Draghi schon einmal in einem Brief an einen EU-Abgeordneten geäußert.

EZB bereit, der Wirtschaft wieder unter die Arme zu greifen
Aktuell hat die EZB die Tür hin zu einer erneuten Lockerung ihrer Geldpolitik weit aufgestoßen. Kurz vor der im Oktober ablaufenden Amtszeit Draghis prüft sie, ob sie der Wirtschaft wegen der gestiegenen Konjunktursorgen erneut unter die Arme greifen soll. Geldpolitik-Experten blicken deshalb genau auf den Werkzeugkoffer der EZB und stellen Überlegungen an, ob die Währungshüter in der Zukunft nicht womöglich auch ganz neue Instrumente ausloten sollten.

Geld für Bürger soll Sache jedes Staates bleiben
Direkte Geldgeschenke der Notenbank an die Bürger werden allerdings aus gleich mehreren Gründen als heikel eingestuft. Denn sie dringt damit dann tendenziell in die Wirtschafts- und Sozialpolitik vor, die eigentlich gewählten Regierungen vorbehalten ist. Als vor drei Jahren die Debatte schon einmal hochkochte, hatte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann der Idee deswegen eine klare Absage erteilt. Sein Argument damals: Es sei eine politische Entscheidung, ob und auf welche Art Geld an Bürger verschenkt werde. Sie zu fällen, obliege Regierungen und Parlamenten - Notenbanken hätten dazu kein Mandat.

Sinnlos, wenn Geld nicht ausgegeben wird
In der deutschen Wirtschaft wird Helikoptergeld noch aus einem anderen Grund kritisch gesehen. "Neben der Frage des Umfangs und der Art möglicher Helikopter-Leistungen besteht das Risiko, dass die Bürger das Geld nicht ausgeben, sondern überwiegend sparen", warnt der Chefvolkswirt des Einzelhandelsverbands HDE, Olaf Roik. Geldpolitisch wäre dann aber nichts gewonnen. Der Verband hält Helikoptergeld für den Konsum auch nicht erforderlich. Die Handelskonflikte, die Brexit-Unsicherheit und die schwächere Weltkonjunktur dämpfen zwar die Exportwirtschaft, der private Konsum zeigte sich dagegen zuletzt aber noch vergleichsweise robust. Die deutschen Einzelhändler steuern auf ihr zehntes Wachstumsjahr in Folge.

EZB ohne Mandat für Wirtschaftspolitik
Der Präsident des Bundesverbands der mittelständischen Wirtschaft, Mario Ohoven, rechnet sogar damit, dass in Deutschland nur jeder Vierte das Geld auch wirklich ausgeben würde. Sein Fazit: "Die EZB muss dem Helikoptergeld-Konzept eine unmissverständliche Absage erteilen." Mit der Unabhängigkeit der EZB dürfe kein Schindluder getrieben werden. "Diese gilt nur im Rahmen ihres gesetzlich gegebenen Mandats, wozu die Wirtschaftspolitik nicht zählt." Für den CSU-Finanzexperten Hans Michelbach zeigt die Diskussion vor allem, dass sich die Geldpolitik in eine Sackgasse manövriert hat.

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