Harald Mahrer: "Die Zeit billiger Energie ist vorbei"

WKO-Präsident Harald Mahrer über neue Exportmärkte, die Entflechtung von Lieferketten und einen Klima-Fakten-Check.

WKÖ-Präsident Harald Mahrer

WKÖ-Präsident Harald Mahrer

trend: Welche Umorientierung zieht der Angriff Russlands auf die Ukraine in der heimischen Wirtschaft und ihrer Kammer nach sich?
Harald Mahrer: Wir werden die im Rahmen der Exportstrategie schon vorbereiteten Maßnahmen vorziehen, um österreichische Betriebe stärker in alternativen Märkten zu etablieren. Da reden wir in erster Linie von Südostasien, haben aber auch einige afrikanische Länder im Fokus. Und obwohl das mit Sicherheit Kritik von bestimmten Seiten hervorrufen wird, weil Saudi-Arabien nicht als Demokratie gesehen wird, möchten wir auch dorthin deutlich mehr exportieren. Das Land öffnet sich jetzt sehr stark und hat vor, enorm viel zu investieren.

Die geopolitischen Verwerfungen gehen über Russland hinaus. Legt jetzt die Globalisierung eine Pause ein?
Es gibt zwei Denkschulen. Die große Doktrin des Westens war bisher, über den Handel mit anderen Ländern, der dort sukzessive den Wohlstand erhöht, auch die eigenen Grundwerte zu exportieren. Die Alternative wäre, mit Staaten, die nicht Demokratien nach unserem Verständnis sind, keinen Handel mehr zu treiben. Dann würde es aber sehr schnell sehr eng werden. Die internationale Arbeitsteilung würde nicht mehr funktionieren. Das kann nicht wünschenswert sein.


Ich hoffe, die politischen Entscheider in Europa verstehen, dass wir die globale Vernetzung brauchen.

Die subkutane Demokratisierung ist aber offenbar auch gescheitert. Der Ruf nach regionaleren Lieferketten wird lauter.
Es hat Demokratisierung stattgefunden. Aber die Globalisierung hat sich durch geopolitische Spannungen verlangsamt, was kein Vorteil für Europa ist. Jetzt die Lieferketten aktiv entflechten zu wollen, würde zu extremen Verwerfungen und Wohlstandsverlusten bei uns führen. Solange nicht politisch entschieden wird, Lieferketten zu nationalisieren und Handel zu reduzieren, funktioniert die Zusammenarbeit auf der Ebene der Unternehmen nach wie vor gut. Ich hoffe, die politischen Entscheider in Europa verstehen, dass wir die globale Vernetzung brauchen.

Lässt nicht das Beispiel Chinas, das Russland die Stange hält, das Gegenteil vermuten?
Die WKO war immer der Meinung, dass sich Österreich mit mehr Nachdruck um andere Märkte kümmern muss. Denn China bietet nicht nur riesige Absatzchancen, sondern strebt auch eine extrem dominante Position an, was problematisch ist. Aber wir können uns nicht abschotten: Die Macht Chinas wächst und wächst - und die Wettbewerbsfähigkeit wird noch steigen, weil das Land bereitwillig billige Energie aus Russland abnehmen wird, während sie in Europa teurer wird.


Illusorische Vorstellungen von Klimapopulisten, die die Glaubwürdigkeit der gesamten Energiewende untergraben.

Ist die Ukraine-Krise für das Exportland Österreich gefährlicher als Finanzkrise und Covid-Pandemie?
Sie ist sicher ein arger Dämpfer, und zwar für ganz Europa. Die Erholung wird länger dauern als erwartet, die Zeit billiger Energie ist vorbei. Dem müssen wir ins Auge schauen, wir werden Nachteile haben. Aber wenn die Politik die richtigen Schlüsse aus dem Ukraine-Krieg zieht, könnte sich die Chance ergeben, die Energiefrage endlich ganzheitlich in der EU anzugehen.

Heißt das übersetzt: Lockerung der Klimaziele?
Nein. Aber vor dem Hintergrund der aktuellen Krise wäre nun die Gelegenheit für einen harten Faktencheck punkto der Umsetzung: Was ist in welcher Zeit möglich? Und was passiert bis dahin? Es braucht Ehrlichkeit und keine absolut illusorischen Vorstellungen von Klimapopulisten, die die Glaubwürdigkeit der gesamten Energiewende untergraben. Mir ist klar, dass ich keinen Applaus der Populisten ernte, wenn ich diese Fragen stelle. Ich tue es trotzdem, nicht nur im Interesse der Wirtschaft.


Das Interview ist der trend. EDITION März 2022 entnommen.

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