Hannes Androsch: "Unverantwortliche Zukunftsvergessenheit"

Der abgehende Forschungsratspräsident Hannes Androsch über Sparen an der falschen Stelle, Überlebenswillen - und einen neuen kalten Krieg.

Hannes Androsch

Hannes Androsch

trend: Ihre Amtsperiode als Präsident des Rates für Forschung und Technologieentwicklung läuft nach zehn Jahren Anfang September aus. Was bleibt vom Forschungsratsvorsitzenden Hannes Androsch?

Hannes Androsch: Ich habe mit meinen internationalen, höchst qualifizierten Kolleginnen und Kollegen aufgezeigt, was zu tun ist. Das wurde von der Politik auch regelmäßig in Form von Ankündigungen übernommen. Leider sind wir aber nur Ankündigungsweltmeister geworden. Bei der Umsetzung sind wir Zwerge geblieben. "Promising but not delivering." Deshalb sind wir im wichtigsten EU-Innovationsranking in der Gruppe der "Innovations-Follower" geblieben und haben nicht den Sprung zu den "Innovations-Leadern" geschafft. Das zeugt von einer unverantwortlichen Zukunftsvergessenheit.

Worum geht es?
Es war schon alles im Ministerratsvortrag vom 18. August 2018 angelegt: eine Exzellenzinitiative, ein Forschungsfinanzierungsgesetz, um die Universitäten und insbesondere die Grundlagenforschung hinreichend zu finanzieren, eine Forschungsförderungsdatenbank. Doch seitdem ist nichts mehr geschehen. Das nunmehrige Forschungsfinanzierungsgesetz ist ohne Finanzierung zahnlos ausgestattet. Wir wissen, was zu tun wäre, tun es aber nicht. Einmal mehr wird die leere Dose einfach weitergekickt.


Wir konzentrieren uns auf Kurzarbeit ohne Arbeit.

Und das trifft die Forschungsorganisationen unmittelbar?
Für 2021 konnte noch keine zufriedenstellende Finanzierungszusage erreicht werden. Wenn es seitens des Finanzministers zeitnah zu keiner Lösung kommt, werden die begünstigten Organisationen wie FFG oder FWF dramatisch in ihrer Förderfähigkeit beschränkt und insbesondere innovationsfördernde Programme und Instrumente eingeschränkt sein. Zudem kommt es zu einer Stilllegung des Österreich-Fonds und auch der Nationalstiftung, wodurch noch mehr Mittel fehlen. Schließlich fallen mit den geplanten Umstrukturierungen des Jubiläumsfonds der Nationalbank weitere Förderungen weg, insbesondere für die klinische Forschung - und das ausgerechnet in Zeiten der Corona-Krise.

Diese Veränderungen haben aber nichts mit der Corona-Situation zu tun. Forschung kann man nicht so einfach zusperren wie ein Wirtshaus, oder?
Die Frage ist, welche Schlüsse aus der jetzigen Situation gezogen werden. Die Lockerungen sind zu hastig und unüberlegt erfolgt. Wir sind noch immer mit der Abwicklung der Hilfsprogramme beschäftigt, wo wir doch längst ein Konjunkturpaket in Höhe von mindestens 15 Milliarden Euro bräuchten. Die Deutschen haben schon im Juni ihr 130-Milliarden-Paket geschnürt. Wir konzentrieren uns hingegen auf Kurzarbeit ohne Arbeit. Dabei wäre es möglich, durch ein gutes Konjunkturprogramm Arbeit zu schaffen. Zusätzlich braucht es ein Modernisierungsprogramm, das mindestens zehn Milliarden Euro schwer sein sollte. Darin sollte dann auch eine neue Forschungs- und Innovationsstrategie, für die es leider noch nicht einmal die Eckdaten gibt, entsprechend dotiert werden.


Forschung und Innovation müssen in Europa entsprechend monetär unterfüttert werden.

Werden durch Corona auch Forschungsschwerpunkte der Zukunft neu definiert?
Natürlich steht die Impfstoffentwicklung derzeit besonders im Fokus. Aber es ist eine Illusion, zu glauben, dass die Kosten dafür allein die Pharmaindustrie tragen wird. Deshalb ist am wichtigsten, dass Forschung und Innovation in Europa entsprechend monetär unterfüttert werden. Das ist die Basis.

Das Notfallkomitee der Weltgesundheitsorganisation WHO hat zuletzt eindringlich vor einer "sehr langen" Pandemie gewarnt.
Ja, ohne eine rasche Erholung der Weltwirtschaft und des Binnenmarkts ist der Ausblick wirklich düster. Daher sind die beim EU-Sondergipfel im Juli beschlossenen Programme zur Wiederbelebung der Wirtschaft so wichtig. Es ist essenziell, dass eine Einigung auf das Recovery Program und das Siebenjahresbudget gelungen ist. Umso schändlicher ist es, dass die österreichische Bundesregierung aus einer kleinkarierten Kurzsichtigkeit heraus gegen den Merkel-Macron-Plan gekämpft hat. Die Folge ist, dass in Schlüsselbereichen wie Forschung, Gesundheit und Umwelt Mittel gekürzt werden. Der Schaden auch für die "geizigen Vier" ist dadurch größer als der Nutzen durch Rabatte.


Innovation ist zentral - und genau in diesem Bereich kürzen wir.

Der Schaden betrifft aber ganz Europa im Wettstreit mit den Wirtschaftsmächten USA und China?
Ja, denn der neue kalte Krieg, ein Wirtschaftskrieg um die Vorherrschaft in den Technologien der Zukunft, ist längst heiß geworden. Der Kampf der USA gegen den chinesischen Hightech-Riesen Huawei ist ebenso in diesem Licht zu sehen wie Donald Trumps derzeitige Attacken gegen die Videoplattform TikTok und das soziale Netzwerk WeChat. Was oft vergessen wird: Im Wettrennen um den Sieben-Nanometer-Mikrochip liegen die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) und Samsung klar voran. Die USA mit Intel haben einen Rückstand von einem Jahr, China zehn Jahre. Dies ist auch einer der Gründe für die geopolitischen Spannungen rund um Taiwan. Und wo bleibt Europa? Wir liegen weit hinten und drohen zwischen die Stühle zu fallen.

Sind Sie frustriert?
Nein, aber unzufrieden. Wir wissen, dass Innovation zentral ist - und ausgerechnet in diesem Bereich kürzen wir. Es ist kein strategisches Programm erkennbar, wohin wir etwa bis 2030 wollen. Dabei wissen wir ja, wie es geht. Das Institute of Science and Technology Austria (IST Austria), die Christian-Doppler-Labors und das Austrian Institute of Technology (AIT) haben Pionierarbeit geleistet. Wir können es also, aber es ist zu wenig. Was passiert in so einer Situation? Die gescheitesten Leute gehen ins Ausland, es gibt einen enormen Brain Drain. Die Notwendigkeit, dass wir nicht locker lassen, wird insofern in den nächsten Jahren noch größer. Etwas anderes können wir uns als Innovationsnachzügler, der im letzten Jahrzehnt zurückgefallen ist, auch gar nicht leisten.


Corona hat Schwächen des Bildungs- und Ausbildungssystems offengelegt.

Sie haben mit einigen Mitstreitern das Bildungsvolksbegehren 2011 initiiert. Was hat es aus heutiger Sicht bewirkt?
Der Umgang der Politik mit dem großen Zuspruch ist geradezu symptomatisch für den Stillstand im Land. Wir haben noch immer in der Fläche keine verschränkte Ganztagsschule. Nach wie vor hat die Entscheidung, ob man ein Kind mit zehn Jahren entweder ins Gymnasium oder in die Neue Mittelschule schickt, gravierenden Einfluss auf spätere Entfaltungs- und Einkommenschancen. Die Corona-Zeit hat überdies in einer erschreckenden Art und Weise Schwächen des Bildungs- und Ausbildungssystems sowie auch der Lehre offengelegt. Es hat sich herausgestellt, dass 200.000 Laptops fehlen, nur 7.221 konnten vom Ministerium per Leihvertrag zur Verfügung gestellt werden.

Was erwarten Sie sich von den Technologiegesprächen in Alpbach im Corona-Jahr?
Ich finde es richtig, möglichst viel auf die Bühne in Alpbach zu bringen und in das World Wide Web als digitales Symposium zu übertragen. Die Technologiegespräche sind dieses Jahr die Salzburger Festspiele der Wissenschaftswelt: Wie diese zeigen wir Flagge, Überlebens-und Gestaltungswillen. Und mit dem neuen digitalen Programm haben alle um einmalige 90 Euro Zugang zu den Gesprächen des Forums.


Zur Person

Hannes Androsch, 82, ist seit September 2010 Vorsitzender des Rats für Forschung und Technologieentwicklung. Sein Mandat endet mit Anfang September 2020. Heute Industrieller (AT&S) und Betreiber von Gesundheitshotels (Vivamayr), war Androsch unter Kanzler Bruno Kreisky in den 1970er-Jahren Vizekanzler und Finanzminister und ab 1981 Generaldirektor der Creditanstalt. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu Politik und Wirtschaft.

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