Kunststoff-Verpackungen: Gutes Plastik, böses Plastik

Kunststoff-Verpackungen: Gutes Plastik, böses Plastik

Convienence-Food, geschnitten, portioniert und abgepackt. Spätestens 2025 sollen solche Kunststoff-Verpackungen EU-weit recycelt werden.

Bis 2025 sollen laut EU-Verordnung 65 Prozent aller Verpackungen recycelt werden. Für Produzenten von Kunststoffverpackungen ist das eine besondere Herausforderung. Nachhaltigkeit, kritisieren sie, dürfe man nicht auf das Thema Recycling reduzieren.

Europaweit sind in der Verpackungsindustrie an rund 400 Standorten über 40.000 Mitarbeiter beschäftigt. Aktuell liegt der Umsatz der Hersteller flexibler Verpackungen in Europa jährlich bei rund 16 Milliarden Euro.

Doch die Unternehmen stehen unter Druck. Mit ihrem Kreislaufwirtschaftspaket hat ihnen die EU die Latte hoch gelegt. Es gibt nun verpflichtende Maßnahmen und ehrgeizige Zielvorgaben, um die Verschwendung von Rohstoffen und Lebensmitteln einzudämmen, den Lebenszyklus von Produkten zu verlängern, Abfälle zu vermeiden und sie zu einem hohen Grad zu recyceln.

Eine besondere Herausforderung sind die EU-Vorgaben für die auf Kunststoffe spezialisierte Verpackungsindustrie. Die Vorgabe ist, dass bis 2025 die Hälfte aller Kunststoffverpackungen recycelt wird. Für die Kunststoffe fehlt aber zumeist noch die die notwendige Sammel-, Trenn- und Recyclinglogistik, ähnlich der für Papier, Metall oder Glas.

Jean-Paul Duquet, Chef für die Nachhaltigkeits-Agenden des Verbands Flexible Packaging Europe (FPE), sprach mit dem trend über die Challenge für die vor allem im Bereich der schnelldrehenden Konsumgüter – Lebensmittel, Körperpflegemittel und Reinigungsprodukte – besonders stark aufgestellten Industrie für flexible Kunststoff-Verpackungen.


"Nachhaltigkeit nicht nur auf Recycling reduzieren"

Jean-Paul Duquet

Jean-Paul Duquet

Auf der Suche nach neuen Lösungen: Jean-Paul Duquet, Chef für die Nachhaltigkeits-Agenden des Verbands Flexible Packaging Europe (FPE), im trend-Gespräch über die Herausforderungen der Verpackungsindustrie.

trend: Herr Duquet, angesichts der Bilder Plastik-Müll in den Weltmeeren sind Verpackungen aus Kunststoff in den vergangenen Jahren immer mehr in Kritik gekommen. Die EU hat vor einem Jahr ein teilweises Plastik-Verbot beschlossen und im Zuge des Kreislaufwirtschaftspakets wurde festgelegt, dass in Europa bis 2025 mindestens 50 Prozent der Kunststoffverpackungen recycelt werden müssen.
Jean-Paul Duquet: Über all dem steht das Schlagwort der Nachhaltigkeit. Das ist das eigentliche, super-heiße Thema der Gegenwart. Recycling ist dabei für uns nur ein Aspekt. Ein wichtiger, aber dennoch nur einer. Die Recycling-Fähigkeit ist aber auch ein Indikator, den jeder versteht. Sie wird daher heutzutage oft als das wichtigste Merkmal in der Nachhaltigkeits-Diskussion gesehen. Auch wenn das nicht stimmt ist es in der öffentlichen Wahrnehmung so.

Es ist aber auch ein Fakt, dass Verpackungen aus Papier oder Karton, Glas und Metall einfacher recycelt werden können.
Das Recycling von flexiblen Kunststoffverpackungen ist vergleichsweise aufwändiger und kostspieliger. Die Verpackungen sind sehr leicht ist und bestehen oft aus Material-Kombinationen. Deshalb ist das Recycling eine größere Herausforderung. In der Vergangenheit gab es in Europa aber auch keine Vorschrift zum Recycling flexibler Kunststoff-Verpackungen. Daher gibt es dafür bis jetzt auch kein Sammelsystem wie für Metall, Papier oder Glas. Wir arbeiten aber daran, die flexiblen Verpackungen recycelbar zu machen. Gleichzeitig weisen wir aber auch auf ihre Vorteile hin, wie die Ressourcen-Effizienz.

Sprich?
Der Materialeinsatz ist bei flexiblen Verpackungen fünf- bis zehnmal geringer als bei festen Verpackungen für den gleichen Einsatz. Um das zu illustrieren: Fast die Hälfte aller Lebensmittel stecken in flexiblen Verpackungen, dabei entfällt aber nur ein Sechstel der benötigten Materialmenge auf flexible Verpackungen. Wir haben also eine hohe Ressourcen-Effizienz und einen geringeren Umwelteinfluss. Recycling ist wichtig, keine Frage. Und es ist gut, wenn man die Recycling-Quoten erhöht. Es sollte aber nicht das einzige sein, an das man bei Verpackungen denkt.
Wir haben eine Studie beim Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) in Auftrag gegeben. Das Ziel war, die Verpackungen für den FMCG-Bereich, die Fast-Moving-Consumer-Goods, das sind Produkte des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, Körperpflegeprodukte oder Reinigungsmittel, die besonders häufig gekauft werden, zu analysieren. Dabei wurden zwei Szenarien untersucht:
1) Was wäre, wenn alle flexiblen Verpackungen durch feste Verpackungen mit einer hohen Recycling-Rate ersetzt würden?
2) Was wäre, wenn alle festen Verpackungen durch flexible Verpackungen ersetzt würden, die bisher kaum recycelt werden?
Das Ergebnis war: Bei der aktuellen Recycling-Quote von rund 80 Prozent bei den festen Verpackungen hätten wir im Szenario 1 einen um 31 Prozent höheren CO2-Footprint durch die Verpackungen, und selbst bei einer Recycling-Quote von 100 Prozent würde der CO2-Footprint um 14 Prozent über dem heutigen liegen. Andererseits hätten wir im Szenario 2 gegenüber heute ein CO2-Sparpotenzial von 32,9 Prozent.



Die Vision ist, dass die gesamte flexible Verpackung bis 2025 gesammelt und zu einem großen Teil recycelt wird.

Wie sollen die flexiblen Kunststoff-Verpackungen nun recycelt werden?
Wir arbeiten jetzt daran, dass dafür Sammelsysteme aufgebaut werden. Im Projekt CEFLEX - Circular Economy for Flexible Packaging – haben wir uns das Zeil gesetzt, rund um flexible Verpackungen eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Dabei wird die gesamte Wertschöpfungskette mit einbezogen, die Produzenten der Rohmaterialien, die Hersteller der Verpackungen, die Markenartikelhersteller, der Handel und die Abfall- und Recyclingindustrie.
Die Vision ist, dass die gesamte flexible Verpackung bis 2025 gesammelt und zu einem großen Teil recycelt wird. Dafür arbeiten wir einerseits daran, die Verpackungen so zu optimieren, dass sie einfacher recycelt werden können. Der zweite Aspekt ist, den Aufbau einer Sammel- und Recycling-Infrastruktur zu fördern. Wenn man sie nicht sammelt, kann man sie auch nicht recyceln.

Es existieren aber auch schon Sammelsysteme, in Österreich zum Beispiel der „Gelbe Sack“.
Es ist schwierig dabei vielleicht sogar europaweit auf einen Nenner zu kommen. Schon in Österreich dürfen darin in manchen Gemeinden nur Plastik-Leichtverpackungen kommen, in anderen auch Getränkekartons und in wieder anderen auch Metall. Die Gesetzgebung geht jetzt aber in die richtige Richtung. Das Sammeln von Verpackungen wird verpflichtend. Verpackungsmaterial darf auch nicht mehr auf Mülldeponien kommen. Wenn das einmal gesetzlich vorgeschrieben ist und flexible Verpackungen idealerweise getrennt von anderen Materialien gesammelt werden, dann kann man damit etwas anfangen. Lösungen entwickeln, um sie wiederzuverwerten.

Dann gibt es noch das das Problem, dass die Verpackungen aus vielen verschiedenen Materialien bestehen.
Auch das versuchen wir zu lösen, um sortenreine Kunststoffe zu gewinnen, die wiederverwertet werden können. Es gibt den Versuch, Verpackungen mit digitalen Wasserzeichen zu versehen. Die Sortieranlagen könnten die einscannen, aus einer Datenbank die enthaltenen Materialien auslesen und die Verpackung dann automatisch in die entsprechenden Bereiche lenken. Ein weiterer Ansatz ist, zwischen den einzelnen Schichten aus denen flexible Verpackungen heute bestehen Trennschichten zu integrieren, die aktiviert werden können und die Verpackungen wieder in sortenreine Stoffe trennen.



Ohne Business-Case wären alle Anstrengungen sinnlos.

Es gibt auch Re-Oil-Initiativen, bei denen aus Kunststoffen wieder Öl gewonnen wird.
Die Kunststoffe zu Öl oder zu Gas, also zum Ausgangsmaterial zurück zu verwandeln ist eine weitere Möglichkeit. Das würde auch bedeuten, dass die Materialien erneut für Nahrungsmittel-Verpackungen verwendet werden können, was aktuell bei Recycling-Material nicht gestattet ist, denn man will bei der Produktsicherheit keine Kompromisse eingehen und Verunreinigungen auf jeden Fall vermeiden. Es weiß schließlich niemand, was die Leute mit den Verpackungen machen, bevor sie dem Recycling zugeführt werden.
In Wien gibt es auch das hervorragende Beispiel der Müllverbrennungsanlage. Waste-to-Energy, also aus Abfällen Energie zu gewinnen ist ebenfalls eine Möglichkeit der Wiederverwertung. Bisher werden 90 Prozent der gewonnenen fossilen Ressourcen als Treibstoff oder Heizöl verbrannt. Nur zehn Prozent werden für die Kunststoff-Produktion verwendet. Auf Verpackungen entfällt davon nur ein Bruchteil. Es kann also nicht so schlecht sein, aus diesem kleinen Anteil wie in Wien Wärme zu gewinnen.

Bei PET-Flaschen funktioniert der Kreislauf schon ganz gut, etwa bei den Re-PET-Flaschen für Mineralwasser.
Bei PET-Flaschen ist das anders. Das ist aber auch ein völlig anderer Prozess. Aber auch dort gibt es die Problematik, dass die Leute andere Flüssigkeiten, zum Beispiel auch Benzin oder Petroleum in die Flachen füllen und die Flaschen später dann wieder zum Recycling geben. Man muss dafür sorgen, dass die Verunreinigungen wieder entfernt werden. Das ist nicht immer leicht.
Der Begriff „Kreislaufwirtschaft“ wird aber von den Menschen oft missverstanden. Sie glauben, dass eine Kunststoffverpackung wieder zu einer Kunststoffverpackung für den gleichen Zweck werden muss. Das ist aber nicht der Fall.

Wofür könnte der recycelte Kunststoff genutzt werden?
Eines unserer Tasks ist, einen Endmarkt für Recycling-Materialien zu entwickeln. Produkte, die daraus gefertigt werden können. Es ist fein, wenn man alles recyceln kann. Wenn man dann aber auf den Materialien sitzenbleibt, weil sie niemand haben will oder sie nicht verwendet werden dürfen, dann gibt es auch keinen Business-Case dafür. Dann wären alle Anstrengungen sinnlos.
Mögliche Produkte wären zum Beispiel Outdoor-Sitzmöbel für den Garten. Dort könnten sie Neumaterialien ersetzen. Wenn man Materialien recycelt und für Produkte mit einer längeren Lebenszeit verwendet, dann ist es auch kein Problem, dass sie davor vielleicht auch nur einmal kurz als Verpackung genutzt wurden. Das ist wie bei Aluminium. Daraus kann man zuerst Getränkedosen herstellen und aus den gesammelten und recycelten Dosen Fahrräder. Wenn man damit vielleicht 15 Jahre lang gefahren ist kann der Rahmen wieder eingeschmolzen und das Aluminium für das nächste Produkt genutzt werden.

Noch besser als Verpackungen zu recyceln ist der Ansatz, sie nach Möglichkeit zu vermeiden. Im Handel gibt es dazu derzeit viele Initiativen.
Für die Konsumenten wird Verpackung oft nur mit Müll gleichgesetzt. Sie kaufen ein Produkt, öffnen es und werfen die Verpackung weg. Sie übersehen dabei die vielen Funktionen, die Verpackungen über den ganzen Transportweg erfüllen. Bei Lebensmitteln ist zum Beispiel eine Funktion, das Produkt zu schützen. Es wird abgepackt, transportiert, gelagert, ins Verkaufsregal geschlichtet, gekauft und verwendet. Und wie erwähnt tragen flexible Verpackungen viel dazu bei, Verpackungsmaterial zu reduzieren. Sie können auch Nachfüll-Packungen für sonst in feste Behältnisse verpackte Produkte sein. Es gibt zum Beispiel Seife, Putzmittel, aber auch Wodka oder Gin in Kunststoff-Nachfüllbeuteln. Man sieht: Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema. Es gibt keine perfekten Lösungen. Und auch nicht immer nur eine.

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