Gotthard Tunnel eröffnet - Jahrhundertbau verbindet Europa

Mit dem neuen Gotthard-Basistunnel können längere, schwere und mehr Güterzüge als bisher durch die wichtige Nord-Süd-Achse in der Schweiz fahren. Was das wirtschaftlich für Europa bedeutet und wo es in der EU mit den Zug noch langsam vorangeht.

Der Schweizer Bahnchef Johann Schneider-Ammann (r.) schüttelt seinem Ex-Bahnkollegen und nunmehrigen Kanzler Christian Kern bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnel die Hand.

Der Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Ammann (r.) begrüßt Kanzler und Ex-Austro-Bahnchef Christian Kern bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnel.

In der Schweiz haben die Feiern zur Einweihung des längsten Eisenbahntunnels der Welt begonnen - rund 17 Jahre nach Baubeginn. Wie wichtig die neue Verbindung durch die Alpen für die Nachbarländer ist, zeigt die Gästeliste für die Eröffnungsfeier. Sowohl die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch der französische Präsident Francois Hollande, Italiens Premier Matteo Renzi und Österreichs Christian Kern werden der Eröffnung beiwohnen. Im Namen der EU wird Verkehrskommissarin Violeta Bulc anreisen. Mit 600 Darstellern hat der Theaterregisseur Volker Hesse ein Spektakel zum Mythos Gotthard und dem hochmodernen neuen Tunnel inszeniert. Auch Musiker, darunter Alphornbläser, das Armeespiel und lokale Chöre, haben ihre Auftritte. Die Eröffnungsfeierlichkeiten sollen rund 7,3 Millionen Euro kosten.

Im Vergleich zum alten Gotthard-Tunnel ist die neue Alpen-Verbindung schneller und mit mehr Zügen befahrbar. Sie soll die Verlagerung großer Teile des Güterverkehrs auf die Schiene ermöglichen. Als Herzstück der "Neuen Eisenbahn-Alpentransversale" soll der neue Tunnel wesentlich dazu beitragen, Industriezentren und Ballungsräume nördlich und südlich der Alpen effektiver miteinander zu verbinden.

Regionen mit der größten Siedlungsdichte Europas profitieren

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann würdigte in seiner Eröffnungsrede den Gotthard-Basistunnel als Brücke innerhalb von Europa. Er rücke nicht nur Deutschschweiz und Tessin, sondern auch Nord- und Südeuropa zusammen. Etwa 70 Millionen Menschen leben an der Achse Rotterdam-Duisburg-Basel-Genua. Dort sind die Regionen mit der höchsten Wertschöpfung und größten Siedlungsdichte Europas. Zwischen Rotterdam und Genua, neben der Wasserstraße Rhein, verläuft auf 1400 Kilometern die wichtigste Güterbahn-Trasse des Kontinents. Mehr als 700 Millionen Tonnen Fracht rollen auf diesen Gleisen, mehr als die Hälfe der gesamten Nord-Süd-Fracht der EU. Zuletzt waren die Wachstumsraten Jahr für Jahr zweistellig. Dem rasanten Wachstum steht in Zukunft auch das Verkehrshindernis Nummer eins in Europa, die Alpen, nicht mehr im Weg. Mit dem neu gebauten Eisenbahntunnel unter dem Gotthard-Massiv in der Schweiz kann der Verkehr auf der wirtschaftlichen Hauptschlagader künftig noch weit flüssiger abgewickelt werden.

Doppelte so viele Züge als bisher

Die Gleise durch den neuen Gotthard liegen nun deutlich flacher als die durch den 1882 eröffneten alten Tunnel. Künftig können deshalb längere, schwerere und mehr Güterzüge durch den mit 57 Kilometern längsten Eisenbahntunnel der Welt fahren - mit dem Fahrplanwechsel zum Jahresende pro Stunde und Richtung fast doppelt so viele wie heute. Statt zwei Loks wird für schwere Züge künftig nur noch eine gebraucht. Ab 2020 sollen mit dem vollständigen Ausbau Güterzüge bis zu 2000 Tonnen transportieren können statt bislang rund 1600 Tonnen.

Deutsche Bahn einer der Hauptprofiteure

Die Deutsche Bahn, einer der Hauptnutzer der Trasse, fährt jährlich 9000 Züge durch die Schweiz, vor allem durch den Gotthard. Für Bahn-Chef Rüdiger Grube ist der Neubau deshalb von größter Bedeutung: "Der neue Tunnel erhöht die Effizienz: Mehr Kapazitäten, größere Auslastung, Zeitersparnis." Ein dringend nötiger Effekt, denn der Staatskonzern kämpft wie fast alle seiner Konkurrenten mit Verlusten im Schienen-Gütergeschäft, vor allem in den Randregionen Europas. Die Nord-Süd-Strecke durch die Alpen ist da einer der wenigen Lichtblicke.

Hafen Rotterdam vor weiterem Wachstumsschub

Auch weit im Norden, in Europas größtem Seehafen Rotterdam, hat man sich auf Wachstum eingestellt: Schon heute wickeln die Containerterminals dort jede Woche über 550 Güterzüge ab. Das Frachtgeschäft mit den Stahlkisten legt rasant zu. Der Hafen rechnet damit, dass es bis 2020 um die Hälfte zulegt, bis 2035 dürfte sich der Containerumschlag sogar versechsfachen.

Holländer haben vor zehn Jahren bereits kräftig in Nord-Süd-Bahn-Achse investiert

Damit die Züge nach Süden und nach Deutschland kommen, haben die Niederlande bereits vor zehn Jahren ihre Eisenbahntrasse für knapp fünf Milliarden Euro modernisiert und ausgebaut. Sie ist, eine Seltenheit in Europa, ausschließlich für den Güterverkehr konzipiert und wird inzwischen von über 450 Zügen in beiden Richtungen pro Tag genutzt.

Ab Deutschland geht es langsam voran

Ab der deutschen Landesgrenze fahren die Züge nach Duisburg, Köln oder Mannheim dann aber meist vergleichsweise langsam: Denn zwischen Emmerich und Oberhausen ist ein Nadelöhr, das auch von Personenzügen genutzt wird. Erst in den nächsten Jahren soll die Trasse mit Milliarden-Aufwand aufgerüstet werden. Kritiker vor allem in den Niederlanden vermuteten sogar, dass Deutschland mit der Verzögerung vor allem den Hamburger Hafen als Konkurrenten Rotterdams schützen wollte. Von Hamburg und Bremen in Richtung Hannover und Würzburg verläuft die zweite große Nord-Süd-Trasse.

Mailand und der Industriegürtel haben bei der Bahn Nachholbedarf

Aber auch weiter im Süden stockt es: Italien mit der Industrieregion um Mailand hat Nachhofbedarf und selbst in Süddeutschland ist es eng: Auf den knapp 200 Kilometer zwischen Karlsruhe und Basel soll die Strecke vierspurig ausgebaut werden, vor allem um den ICE-Verkehr von den langsamen Regional- und Güterzügen zu trennen. Gebaut wird schon seit Jahren, doch mit der Fertigstellung wird nicht vor 2030 gerechnet. Die Kosten werden sieben Milliarden Euro übersteigen.

Lärm der Bahn als größtes Problem

Ein Grund, warum es langsam vorangeht, ist die Schattenseite des Güterverkehrs: Der Lärm der Züge treibt die Bürger seit Jahren auf die Barrikaden. Durch das Mittel-Rheintal rattern täglich bis zu 600 Züge, drei Viertel davon im Güterverkehr. Die Freude über den neuen Gotthard-Tunnel ist daher gering. Der Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises, Burkhard Albers, etwa geht davon aus, dass künftig alle drei Minuten ein Zug vorbeidonnern könnte - rund um die Uhr. Denn der Güterverkehr ist vor allem nachts unterwegs, um den Personenzügen Platz zu lassen.

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