Gestutzte Flügel: Überlebenskampf der Airlines in der Corona-Krise

Die Corona-Krise hat in der Airline-Branche keinen Stein auf den anderen gelassen. Man kämpft mit Milliardenverlusten, zehntausende Arbeitsplätze drohen wegzufallen und die Zukunftsperspektiven sind höchst ungewiss.

Gestutzte Flügel: Überlebenskampf der Airlines in der Corona-Krise

Das Jahr 2020 hatte für die Austrian Airlines noch mit einer bescheidenen Erfolgsmeldung begonnen. Am 19. März 2020 wurden die Geschäftsergebnisse für das Jahr 2019 präsentiert und Finanzchef Wolfgang Jani konnte - fast wider Erwarten ein positives Betriebsergebnis bekanntgeben. Das bereinigte Betriebsergebnis (Adjusted Ebit) lag bei 19 Millionen Euro, was zwar gegenüber 2018 einen Rückgang von 77 Prozent bedeutete, aber zumindest keinen Verlust.

Schon damals war jedoch klar, dass dieser Gewinn auf längere Sicht der letzte sein dürfte. Der Preisdruck der Billigflieger, unter dem das 2019er Ergebnis gelitten hatte, war nichts gegen die Corona-Pandemie, die sich seit Beginn des Jahres 2020 wie ein schwarzer Schatten über die gesamte Luftfahrt-Branche gelegt hatte und die just am Tag der Bekanntgabe des Jahresergebnisses für 2019 zur kompletten Einstellung des Flugbetriebs der Austrian Airlines geführt hatte.

Die Flotte wurde stillgelegt, alle 7.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Die Fluglinie war in der schwersten Krise der Geschichte der Luftfahrt gestrandet.

AUA im Griff der Pandemie

Schon in den Wochen davor hatte sich die Corona-Pandemie unaufhaltsam immer weiter der AUA-Homebase am Flughafen Wien genähert. Erst wurden nur Flüge nach China gestrichen, dann mussten immer weitere Destinationen in Asien aus dem Programm genommen werden und schließlich auch Europa und die Transatlantik-Destinationen.

Der mehrmonatige Stillstand konnte nur mit staatlicher Unterstützung und einem gleichzeitig durchgezogenen radikalen Sparprogramm durchgehalten werden. Die Beschäftigten willigten Gehaltskürzungen von in Summe 300 Millionen Euro ein. Mit der Republik Österreich wurde ein ebenfalls 300 Millionen Euro schwerer Bankkredit ausverhandelt, zuzüglich 150 Millionen Euro Direktzuschuss. Weitere 150 Millionen stellte die Eigentümerin Lufthansa zur Verfügung, die ihrerseits ebenfalls nur dank einer neun Milliarden Euro schweren Staatshilfe seitens Deutschlands vor der Pleite gerettet werden konnte.

Die Kosten des Stillstands

Am 15. Juni konnte nach einem beinahe drei Monate andauernden Grounding der erste Austrian Airlines Flug wieder abheben. Mit einer eigenartigen Mischung aus Aufbruchstimmung und Unbehagen gingen die Passagiere mit Schutzmasken und Sicherheitsabstand an Bord. In den knapp zwei Monaten die seither vergangen sind konnte der Flugplan nur stückweise wieder aufgenommen werden. Immer noch gibt es für zahlreiche Destinationen Landeverbote und Flug-Stornos sind weiter an der Tagesordnung. Im gesamten zweiten Quartal beförderte die Fluglinie nur 53.000 Passagiere - in etwa so viele wie im Normalbetrieb an zwei Tagen.

Im zweiten Quartal ging der Umsatz der Fluglinie um 94 Prozent auf 35 Millionen Euro zurück. Geschäfte zu machen war für die Fluglinie nur unter sehr eingeschränkten und komplizierten Bedingungen möglich. So führte die AUA etwa Transportflüge für medizinische Güter und Schutzbekleidung durch, baute dafür aus Passagier-Linienflugzeugen die Sitze aus um mehr Platz für die Waren zu haben und musste dafür wieder Spezial-Genehmigungen einholen.

Nach sechs Monaten liegt der operative Verlust der Fluglinie im Jahr 2020 bereits bei bereinigt bereits 235 Millionen Euro, unbereinigt bei 299 Millionen. Und es werden noch weitere Millionen hinzukommen. Obwohl die Fluglinie alleine aus den Titeln der Kurzarbeit und der weggefallenen Kerosin-Kosten alleine im zweiten Quartal um 598 Millionen niedrigere Aufwendungen hatte als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Zäsur der Branche

Dabei stehen die Austrian Airines bei allen negativen Vorzeichen aber im direkten Vergleich mit anderen Fluglinien immer noch relativ gut da. Der von der Bundesregierung geschaffenen Möglichkeit zur Kurzarbeit ist es zu verdanken, dass der Mitarbeiterstand in der Pandemie bisher nahezu konstant gehalten werden konnte. Von den 6.999 zu Jahresbeginn beschäftigten Mitarbeitern sind immer noch 6.756 verblieben. Nun steht allerdings ein Schnitt an. Bis 2022 werden rund 1.100 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen müssen.

Lufthansa-CEO Carsten Spohr sieht die Coroana-Pandemie auch als Zäsur des globalen Luftverkehrs, die noch lange zu spüren sein werde. Vor allem auf den Langstreckenverbindungen werde es keine schnelle Erholung geben. Was die Lufthansa besonders schwer trifft, da sie sich gerade auf die in Normalzeiten lukrativeren und weniger umkämpften Langstrecke fokussiert hatte. Die Folge: Der Konzern will seine Flotte um mindestens 100 Flugzeuge verkleinern und 22.000 Vollzeitstellen abbauen. Bis Ende Juni hatte die Lufthansa (DE0008232125) ihre Belegschaft gegenüber dem Vorjahr bereits um 8.300 Beschäftigte gesenkt. Das letzte Quartalsergebnis war das schlechteste in der Geschichte der Fluglinie. Unter dem Strich hat die Corona-Pandemie der Lufthansa bereits rund drei Milliarden Euro Verlust eingebrockt. Bis Jahresende dürfte sich der auf fünf Milliarden erhöhen.

Milliardenverluste gab es aber quer über die Branche. Der britisch-spanische IAG Konzern (ES0177542018) kommt auf einen Verlust von rund 2,2 Milliarden Euro, streicht bei den British Airways 12.000 Arbeitsplätze und hat die aus Österreich startende Airline Level Europe in Konkurs geschickt. Wie es mit der spanischen Iberia weitergeht ist noch offen. Bei Air France KLM (FR0000031122) summiert sich der Corona-bedingte Verlust inzwischen auf 1,55 Milliarden Euro, in der Gruppe werden 12.500 Arbeitsplätze verschwinden.

Schwer gezeichnet sind auch die US-Airlines wie American Airlines (US02376R1023), Southwest Airlines (US8447411088) oder United Airlines (US9100471096), für die die Regierung ein 25 Milliarden Dollar schweres Rettungsprogamm geschnürt hat, das nun weiter ausgedehnt werden soll, um ihnen das Überleben zu sichern. "Wir wollen unsere Fluggesellschaften nicht verlieren", erklärte US-Präsident Donald Trump.

An den internationalen Börsen sind Airline-Aktien seit ihrem Absturz Ende Februar zum Spielball wilder Spekulationen geworden, für Anleger mit Langzeitperspektive schwer einzuschätzende riskante Papiere. Nach jeder Unterstützungserklärung ziehen sie an, nach jeder neuen Corona-Hiobsbotschaft geben sie wieder nach.

Zukunftsperspektiven

Wie es weitergeht, das wagt in der Branche derzeit kaum jemand zu sagen. Zu unkalkulierbar ist das Risiko. Die Pandemie hat in den USA und in Lateinamerika möglicherweise noch nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht und auch in Europa fürchtet man neuerliche Ausbrüche, Sperren und Flugstornos - wie das etwa derzeit in Spanien der Fall ist. Zudem ist die Reiselust der dramatisch gebremst. Unter den Privatpassagieren ebenso wie unter den Geschäftsreisenden. Zusätzlich zum Virus im Hinterkopf fliegt auch noch die Flugscham mit. Das Wissen, dass Fliegen einen enormen CO2-Footprint hinterlässt.

Business-Flüge werden durch virtuelle Meetings ersetzt. Der neue Konkurrent der Airlines sind nicht mehr die Billigflieger, die von Corona ebenfalls schwer getroffenen Ryanairs (IE00BYTBXV33) und EasyJets (GB00B7KR2P84), sondern die Anbieter von Streaming- und Video-Konferenz-Diensten. Und für die jüngere, klimabewusste Generation zusehends die Bahn und lokale Tourismus-Angebote statt Jet-Set mit Wochenend-Städteflügen.

Lufthansa-Chef Spohr meint angesichts des Geschäftseinbruchs in der Corona-Krise: "Vor 2024 rechnen wir nicht mehr mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf das Vorkrisenniveau." Möglicherweise wird sich dieses Vorkrisenniveau auch überhaupt nicht mehr einstellen. Die Generation Greta Thunberg lässt grüßen.

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Zu den Personen:
Caroline Palfy (r.) ist neue Geschäftsführerin in der Handler Holding GmbH und verantwortet den Bereich Sustainable-Strategie. Das Familienunternehmen HANDLER ist Spezialist für hochwertige Bau- und Immobilienprojekte in Österreich.
Marieluise Krimmel ist Partnerin bei Deloitte in Wien im Bereich Audit & Assurance und ist in der Prüfung und Beratung tätig. Ihre Branchenschwerpunkte liegen neben der Industrie in der Immobilien- und der Bauwirtschaft.

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