Das Gespenst der Inflation

Die Preise steigen so stark wie seit 2011 nicht mehr. Viele fürchten die große Geldentwertung. Doch sind diese Sorgen gerechtfertigt? Monika Köppl-Turyna, Direktorin des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria analysiert.

Monika Köppl-Turyna, Direktorin EcoAustria

Monika Köppl-Turyna ist seit 2020 Direktorin des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria. Zuvor war die Ökonomin Senior Economist bei der Agenda Austria.

Die Inflation betrug in Österreich im Juli dieses Jahres 2,9 Prozent und liegt somit so hoch wie seit 2011 nicht mehr. Die Erzeugerpreise des produzierenden Bereichs haben sich im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um 8,6 Prozent verteuert. Doch wie groß ist das Risiko, dass die Inflation auf Dauer so hoch bleibt?

Der aktuelle Anstieg hat mehrere Ursachen: In der Pandemie hatten die Konsumenten weniger Möglichkeiten, ihr Geld auszugeben. Gleichzeitig war ihr Einkommen aufgrund großzügiger Unterstützungsinstrumente größtenteils abgesichert.

Das führte dazu, dass sich die Sparquote im Jahr 2020 verdoppelte. Dieses angesparte Geld wird nun ausgegeben - für Industriegüter und Dienstleistungen, etwa in der Gastronomie und für Reisen, für Branchen also, die ihre Preise nach oben angepasst haben, um erlittene Verluste wettzumachen. Die hohe Nachfrage trifft außerdem auf ein weiter beschränktes Angebot. Kapazitätsprobleme in den Lieferketten tragen ihr Übriges dazu bei, wenn Pandemiebekämpfungsmaßnahmen in chinesischen Güterhäfen die Versorgung mit Konsumgütern hierzulande lahmlegen. Außerdem ist der sogenannte Basiseffekt dafür verantwortlich, dass die Inflation so hoch ausfällt: Im Juli 2020, mit dem wir die Preise im Juli 2021 vergleichen, waren die Preise aufgrund der fehlenden Nachfrage und wegen sehr günstiger Rohölpreise besonders niedrig.

Hohe Lohnabschlüsse als Inflationstreiber

An sich ist diese derzeit zu beobachtende Inflation also kein Grund zur Sorge. Sie wird sich nach der Pandemie wieder stabilisieren, sobald der wirtschaftliche Aufschwung nachlässt, womit Mitte des Jahres 2022 zu rechnen ist. Dennoch müssen wir aufmerksam bleiben, wenn etwa den aktuell erhöhten Teuerungsraten ein stärkeres Gewicht in den für den Herbst geplanten Lohnverhandlungen beigemessen wird. Bei Lohnabschlüssen über einem Plus von drei oder vier Prozent käme es zu einer zusätzlichen Nachfrage, die die Teuerung weiter befeuern würde. Diese sogenannte Lohn-Preis-Spirale könnte die Inflation dann tatsächlich verfestigen. Die Befürchtung, dass es genau dazu kommen könnte, ist keineswegs übertrieben: Traditionell sind die ersten Abschlüsse in den Metallerverhandlungen ein Indikator für alle weiteren Kollektivverträge.

Gerade die Industriebranchen sind derzeit mit einem sehr hohen Fachkräftemangel konfrontiert. Der Druck auf die Arbeitgeber, die Löhne nach oben anzupassen, ist hoch. Eine weitere Teuerung könnte dann auch eine Reaktion der Notenbanken erfordern, etwa eine Erhöhung des Leitzinses. Im Moment wäre das aufgrund des Risikos einer darauf folgenden Schuldenkrise gar nicht so einfach.

Der Einfluss der Geldpolitik

Langfristig wird die Inflation weniger durch Konjunkturschwankungen als vielmehr durch strukturelle Komponenten und die Geldpolitik beeinflusst. Die aktuell lockere Geldpolitik befeuert vor allem die Preise von Anlagen, an den Finanzmärkten gibt es derweil Überschussliquidität in Rekordhöhe. Investoren kaufen damit Aktien, Immobilien, Gold und Unternehmensanleihen, die Preise dieser Vermögenswerte steigen. Man nennt dieses Phänomen Vermögenspreisinflation. Aktuell sind davon besonders Immobilien betroffen: Die Häuserpreise sind im Jahr 2020 im Schnitt um 11,6 Prozent gestiegen. Wohnungen verteuerten sich um 7,4 Prozent, und Mieten gingen um fünf Prozent nach oben - trotz der tiefgreifenden Wirtschaftskrise. Zum Teil tragen diese Werte zur allgemeinen Inflation bei, längerfristig kommt auch die Alterung der Gesellschaft als wichtiger Inflationstreiber dazu: Immer mehr zahlungsstarke ältere Kohorten treffen auf immer weniger jüngere Kohorten, die noch Güter produzieren.

Ob vorübergehend oder nicht: Wer Geld auf dem Sparbuch hat, freut sich natürlich nicht über die Inflation. Bereits niedrigere und vorübergehende Teuerungen sind in Österreich besonders problematisch, weil die meisten Sparer durch negative Realzinsen auf ihre Sparbuchguthaben Geld verlieren. Nur etwa fünf Prozent der Menschen in Österreich besitzen Aktien, in Dänemark und in der Schweiz sind es rund 25 Prozent. Eine gute Finanzbildung wäre also kurz-wie langfristig die beste Versicherung gegen das Inflationsgespenst.

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